REUTLINGEN. Das Format der Kriminacht ist lange bewährt, hat jedoch von seinem Reiz in all den Jahren nichts eingebüßt. Sieben Minuten bleiben jedem Schriftsteller, um aus seinem Werk vorzutragen - dann ertönt das »Peng« aus dem Publikum und die Lesung endet schlagartig. Dazwischen gibt es lockere Gesprächsrunden und musikalische Einlagen der GEA-Band, die an dieser Veranstaltung unter dem treffenden Namen »Deadline« auftritt. »Das ist einfach immer wieder sensationell«, betont Thilo Schmid, Pressesprecher der Kreissparkasse Reutlingen, die auch in diesem Jahr als Hauptsponsor dabei war.
Mit dieser Einschätzung ist er nicht alleine, wie die Zuschauerresonanz belegt: Die Kriminacht war auch in der jüngsten Auflage ruckzuck ausverkauft. Und das, obwohl im Oertel + Spörer-Saal so bestuhlt war, dass mehr Besucher Platz gefunden haben als in den Vorjahren - nämlich gut 200. Ähnlich beliebt ist die Lesung übrigens bei den Schriftstellern.
Die Hälfte kommt vom Oertel + Spörer-Verlag, die andere Hälfte wird über das Syndikat eingeladen, dem Verein für deutschsprachige Krimiliteratur. »Die Kriminacht wird dort sehr wahrgenommen«, sagt Veit Müller: Selbst Krimiautor, Musiker unter anderem bei »Deadline«, Moderator und Mitorganisator der Kriminacht. Viele freuen sich, wenn sie daran teilnehmen können. Dafür nehmen sie teilweise weite Wege aus der ganzen Republik oder sogar aus Österreich und der Schweiz auf sich.
Gefahren aus dem Netz
Außerdem verzichten sie für den guten Zweck auf ein Honorar, lesen rein ehrenamtlich. Alle Einnahmen des Abends werden nämlich stets komplett gespendet, GEA-Verleger Valdo Lehari jr. hat den Spendenbetrag zudem großzügig aufgerundet und von der KSK gab es 2.000 Euro. Zusammengekommen sind so 5.000 Euro, rund zehn Prozent mehr als im Vorjahr.
Die Spende geht dieses Mal an den Verein Wirbelwind und sein Projekt gegen »sexualisierte, digitale Gewalt«. Die Beratungsstelle mit Sitz in Reutlingen ist für den kompletten Landkreis zuständig, um Betroffenen von sexualisierter Gewalt zu helfen, sie zu beraten und um Prävention zu betreiben. Gerade diese ist wichtig in Zeiten, in denen immer mehr Kinder und Jugendliche ständig online sind - und sich der Gefahren, die dort lauern, gar nicht bewusst sind. Hinzu kommt, dass es viele Eltern nicht mitbekommen, wenn ihr Kind Opfer von sexualisierter Gewalt im digitalen Raum wird. »Die Täter gehen gezielt vor«, weiß Dorothee Himpele, eine der Wirbelwind-Geschäftsführerinnen, aus ihrer Praxiserfahrung. Die Kriminellen treten über Spieleplattformen oder Messenger-Dienste in Kontakt mit ihren Opfern, bauen Freundschaften auf und verschleiern dabei nicht nur ihre perfiden Absichten, sondern auch ihr Alter und ihre echte Identität.
Kinder und deren Eltern schulen
»Oft fehlt die Medienkompetenz«, sagt Valdo Lehari jr., im Grunde müsse man nicht nur die Kinder, sondern auch deren Eltern schulen. Etwas, das Wirbelwind im Programm hat: Der Verein besucht nicht nur Kindergärten und Schulklassen, sondern macht auch auf Elternabenden oder in Vereinen auf Gefahren aufmerksam und gibt Tipps, wie man kriminelle Absichten erkennen kann - und was dann zu tun ist. Gerade für den Ausbau solcher Angebote, aber auch für neue Infoblätter, ist die Spende aus der Kriminacht unter anderem gedacht. Die Zeiten seien unsicher, sagt Dorothee Himpele, der Beratungsbedarf steigt stetig an. Und wird es angesichts der Zunahme von KI auch in Zukunft tun. Allerdings kann das kleine Team des Vereins mit seinen vier festangestellten Teilzeit-Kräften die Nachfragen kaum mehr decken - weshalb man über jede Unterstützung glücklich ist. (GEA)
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