REUTLINGEN. Ein Genre, zehn Varianten: Kein Krimi gleicht dem anderen, und erst recht müssen die Vertreter dieser Gattung nicht von Mord und Totschlag, düsterer Stimmung und fiesen Typen geprägt sein. Es darf auch herzhaft gelacht werden: Dann nämlich, wenn zum Beispiel Regina Schleheck in ihrer Kurzgeschichte mit entsprechend erotischer Stimme beschreibt, welche Wollust die Protagonistin bei der Endkontrolle eines Schokoladenweihnachtsmannes empfindet. Der kriminelle Aspekt der Story »Wenn der Postbote zweimal klingelt«? Den erfahren die Besucher der 16. Kriminacht am Burgplatz nicht einmal annähernd. Denn nach exakt sieben Minuten wird die Autorin aus Leverkusen von einem lauten »Peng« aus den Reihen des Publikums abgemurkst. Kein Wort geht ihr danach, wie den anderen neun Vorlesenden auch, mehr über die Lippen: Die Autoren klappen ohne Umschweife ihre Bücher zu oder raffen ihre Blätter zusammen. Das war’s.
Die knapp über 200 Zuhörenden nehmen es hin, von jedem Autor nur eine 420-Sekunden-Nascherei zu erhalten – das macht Lust auf mehr. Und so mancher Krimifan wird noch in der Nacht eingetaucht sein in das ein oder andere vorgestellte kriminalistische Werk, die gibt’s am Stand des Verlags Oertel + Spörer nämlich gleich zu kaufen. Der veranstaltet gemeinsam mit dem GEA und dem Syndikat, einer Vereinigung von Krimiautoren, die ausverkaufte Kriminacht.
Wiederholungstäter lesen
Zu den Wiederholungstätern gehört Jochen Bender, der in seine Krimis gerne psychologische Seitenstränge einbaut – auch in seinem neusten Werk »Hurlebaus und das rote Kleid«. Kein Wunder, der Stuttgarter verdient sein Geld als Schulpsychologe und seine Kriminalgeschichten haben immer einen realen Hintergrund. Auch Thomas Lang ist bei der Kriminacht kein Unbekannter, der Rechtsanwalt aus Stuttgart steht für Cosy Crime – bei ihm darf gelacht werden, seine Wortspiele sind amüsant und leben von der Gegensätzlichkeit von Auftraggeber Goldberg und Privatermittler Minkin und dessen Liebe zum Bier.
Nach einer Pause wieder dabei ist Sybille Baecker aus Entringen, die ihre Krimis in Schottland ansiedelt. Ihre Sequenz aus »Vermisst in den Highlands« lässt das Publikum mitfiebern, als ob es selbst den Schlag auf den Kopf bekommen hätte und nicht die fiktive Privatermittlerin.
Kriminacht-Novizin Simone Mari Kern aus Pliezhausen schickt in »Der kalte Hof« einen Jungen in ein Getreidesilo. Der fürchtet dort unten um sein Leben, schafft es herauszukommen und blickt in das Gesicht seines verhassten Bruders – das Publikum leidet mit, ist angespannt. Und dann das, mitten im Satz: »Peng«!
Ersttäterin ist auch Cornelia Härtl aus Hessen mit ihrer von schwarzem Humor geprägten Geschichte »Zum Teufel mit dem Weihnachtsmann«: Dem grimmigen Weihnachtsmann werden die Türen vor der Nase zugeschlagen, er trifft auf mürrische Menschen und kommt zu einer obskuren Familie. Die Geschichte steuert wohl auf den Höhepunkt zu, doch es ist (leider) so weit: Die sieben Minuten sind um.
Zondler ermittelt zum letzten Mal
Dann sind da noch die vorlesenden Vielfachtäter, die in der Region verwurzelt sind: Ingrid Zellner aus Gomadingen schickt ihre beiden Ermittlerinnen in die Höhlen der Schwäbischen Alb. Die Laienschauspielerin macht aus »Höhlenmorde« ein kleines Theaterstück, verstellt Stimmen, flüstert und schreit – das Publikum fühlt sich mittendrin im Geschehen.
Von Sonnenbühl runter in die Kreisstadt kommt auch Julian Letsche nicht zum ersten Mal, in »Tödlicher Ruhm« steht ein mehr oder weniger erfolgreicher Rockstar im Mittelpunkt, der sein Geld als Caterer verdienen muss und bei einem Fest in gehobenen Kreisen ausrastet.
Inge Zinßer aus Hochdorf siedelt ihre Krimis rund um Plochingen an, ihr neuestes Werk heißt »Der Fall des Stalkers«. Und der sechste Fall des Ermittlers Zondler wird auch der letzte sein – er sei müde und wolle in Rente. Erzählt hat das die Autorin im kurzen Warm-up den Moderatoren Iris Goldack und Veit Müller, den die beiden mit jedem Vorlesenden führen.
Müller ist selbst Krimiautor und spielt die Hauptrolle in der Kurzgeschichte »Rot und tot« aus dem gleichnamigen Band mit sieben Blute-Nacht-Geschichten von Vielfach-Gast Edi Graf. Der beschreibt in launigen Worten den Ablauf einer typischen GEA-Kriminacht, bei der tatsächlich »ein Mord« geschieht. Und der vergisst dabei nichts zu erwähnen: das Catering ebenso wenig wie die Live-Musik von der GEA-Band »Deadline« und dass es sich um eine Charity-Veranstaltung handelt.
Der Erlös der Kriminacht – die Autoren verzichten auf ihr Honorar – plus eine Spende über 2.000 Euro der Kreissparkasse Reutlingen kommt dieses Jahr dem Hilfsverein Wirbelwind für das Projekt digitale sexualisierte Gewalt zu. Ähnliche Kriminächte finden auch in Berlin, Frankfurt, München oder Wien statt, doch bei keiner kommen zur Freude des Moderatoren-Duos so viel Spendengelder zusammen wie in Reutlingen. (GEA)

