Logo
Aktuell Sicherheit

Reutlinger fordern mehr Polizei und Videoüberwachung

Reutlingen ist die sicherste Großstadt in Baden-Württemberg. Trotzdem fühlen sich einige Bürger unsicher. Ein Gespräch mit dem Reutlinger Revierleiter über mehr Polizeipräsenz und warum Videoüberwachung kein Thema ist.

Die gefühlte Sicherheit korrespondiert in Reutlingen nicht unbedingt mit der tatsächlichen.
Die gefühlte Sicherheit korrespondiert in Reutlingen nicht unbedingt mit der tatsächlichen. Foto: Jürgen Meyer
Die gefühlte Sicherheit korrespondiert in Reutlingen nicht unbedingt mit der tatsächlichen.
Foto: Jürgen Meyer

REUTLINGEN. Obwohl Reutlingen laut Kriminalitätsstatistik zum wiederholten Mal als sicherste Großstadt in Baden-Württemberg gelistet ist, fühlen sich Teile der Einwohnerschaft unsicher. Bei einer Umfrage auf der GEA-Instagramseite fordern sie mehr Polizeipräsenz und Videoüberwachung in der Reutlinger Innenstadt. Wie sicher ist die Stadt Reutlingen wirklich?

Ein Blick in die Zahlen zeigt, dass im Jahr 2022 in der Stadt Reutlingen insgesamt 7.223 Straftaten erfasst wurden. Das sind 19,8 Prozent mehr als im Jahr davor. 74,6 Prozent aller erfassten Taten wurden in der Reutlinger Kernstadt begangen und nur 25,4 Prozent in den restlichen zwölf Stadtbezirken.

 

  Kriminalität in der Reutlinger Innenstadt steigt signifikant

Bekannte Schwerpunkte für Kriminalität sind vor allem drei Gegenden in Reutlingen: der Listplatz vor dem Hauptbahnhof, der zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) samt Bürgerpark und allgemein die Innenstadt inklusive der Fußgängerzone. An allen Hotspots sind die Zahlen der Straftaten gestiegen und das teils signifikant. Heraus sticht vor allem die Innenstadt mit einem Kriminalitätsanstieg um 35,4 Prozent. Dicht gefolgt vom ZOB mit 25,3 Prozent. Der Anstieg am Listplatz fällt geringer aus: Mit 6,5 Prozent gehört er zu den niedrigsten in der gesamten Kernstadt.

 

Anonymisierte Antworten von GEA-Lesern auf die Frage, was sie sich für die Reutlinger Innenstadt wünschen. Quelle: Instagram/GEA-Repro

Klar erkennbar ist, dass die Zahl der Straftaten in der gesamten Stadt – teils signifikant – gestiegen ist. Trotzdem ist die Echazstadt im Vergleich zu anderen Städten weiter die sicherste Großstadt im Land. Und trotzdem fühlen sich Reutlinger unsicher. Die reelle Sicherheit scheint im Kontrast zur gefühlten zu stehen. Darüber hat der GEA mit dem Reutlinger Revierleiter Michael Schlüssler gesprochen.


In der Reutlinger Innenstadt ist die Zahl der Straftaten im Jahr 2022 um 35,4 Prozent gestiegen. Quelle: Polizei Reutlingen

»Dass sich die Bürger unsicher fühlen, wundert mich nicht wirklich«, sagt Schlüssler. »Man sieht es ja an der Statistik: Die Zahlen steigen ganz klar. Es wurden 2022 mehr Straftaten begangen als im Jahr davor.« Trotzdem dürfe man laut ihm eine Sache nicht vergessen: Die Zahl der Straftaten befinde sich auf demselben Niveau wie vor Corona. »Das kommt nicht unerwartet«, sagt Schlüssler. Seine Erklärung: »Während der Pandemie sind die meisten Menschen eher Zuhause geblieben und haben sich nicht auf den Straßen getummelt. Da sinkt dann auch klar die Zahl der Straftaten.«


Die Zahl der Straftaten ist am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) um 25,3 Prozent gestiegen. Quelle: Polizei Reutlingen

»Der Bürger sieht aber natürlich, dass die Zahlen steigen und das beunruhigt«, sagt der Revierleiter. »Zusätzlich bleibt auch nichts unbemerkt.« Vor allem Taten im öffentlichen Raum und an bekannten Orten würden schnell die Runde machen, meint er. Denn: »Das fällt auf und dann wird auch darüber gesprochen.«

Thema Sicherheit ist der Reutlinger Polizei wichtig

Das Reutlinger Polizeipräsidium ermittelt seit längerem schon Schwerpunkte in der Stadt, an denen beispielsweise die Zahl der Straftaten besonders hoch ist, um dann die Polizeipräsenz zu erhöhen. »Ein ganz aktuelles Beispiel ist da das Gerberviertel. Die Kriminalität steigt und wir reagieren unter anderem mit mehr Präsenz«, so Schlüssler.

Zudem würde die Polizei auch immer dort verstärkt anwesend sein, wo viele Menschen unterwegs sind. Zu solch einem Ort zählt beispielsweise die Reutlinger Innenstadt. Aber mehr Präsenz bedeutet laut Schlüssler nicht automatisch auch mehr Sicherheitsgefühl. »Fahren dann beispielsweise Einsatzfahrzeuge in kürzeren Abständen durch einen Stadtteil, suggeriert das ja irgendwie auch, dass es unsicher ist.«

Der Revierleiter betont: »Das Sicherheitsgefühl ist immer subjektiv.« Für ihn ist das Empfinden also ganz klar individuell und wird durch viele verschiedene Dinge sowohl positiv als auch negativ beeinflusst. »Da spielen dann unter anderem auch die Berichterstattungen über Polizeimeldungen in der Presse eine Rolle, oder die eigene Vorstellungskraft, die beispielsweise durch das Fernsehen, True-Crime-Podcasts oder Ähnliches geschürt wird.«


Die Zahl der Straftaten am Listplatz und Reutlinger Hauptbahnhof ist um 6,5 Prozent gestiegen. Quelle: Polizei Reutlingen

Keine Videoüberwachung in Reutlingen

Dass Videoüberwachung gefordert wird, überrascht Michael Schlüssler nicht. Dazu hat er aber eine ganz klare Antwort: »Die wird es in Reutlingen nicht geben. Da gibt es zu viele Voraussetzungen, die erfüllt werden müssen, und die liegen nicht vor.« Ein Beispiel: Die Kriminalitätsbelastung des Ortes, an dem mit Kameras überwacht werden soll, muss sich deutlich von der anderer Orte in derselben Stadt abheben. Für diese Beurteilung dürfen auch nur bestimmte Delikte herangezogen werden. Unter diesen Gegebenheiten sei in Reutlingen bei der derzeitigen Kriminalitätslage keine technische Überwachung zulässig, so Schlüssler.

Umfrage (beendet)

Sind Sie für mehr Videoüberwachung in Reutlingen?

Reutlingen ist die sicherste Großstadt in Baden-Württemberg. Trotzdem fühlen sich einige Bürger unsicher.

66%
29%
5%

Hinzu kommt, dass die Kameras sehr teuer sind. Da die Polizei nicht für deren Beschaffung zuständig ist, müsste das beispielsweise von der Stadt Reutlingen übernommen werden. »Sollte es jemals so weit kommen, müssten dann noch Stromleitungen für die Kameras installiert werden, es müssten regelmäßige Wartungen durchgeführt werden und natürlich auch genügend Beamte da sein, die die Aufzeichnungen sichten und weitere, die auf der Straße präsent sind.«

Leserfragen: Welches Thema bewegt Sie aktuell?

Welches Thema bewegt Sie aktuell? Was wollten Sie schon immer einmal über Reutlingen und die Region wissen? Im neuen Format »Leserfragen« haben Sie die Möglichkeit, all diese Fragen per E-Mail an leserfragen@gea.de zu stellen. Unter den Einsendungen wählt die Redaktion wöchentlich eine aus und beantwortet sie jeweils am Dienstag - in der gedruckten Ausgabe, auf der GEA-Webseite und auf den Social-Media-Kanälen des GEA. (GEA)

Der Polizeidirektor ist prinzipiell nicht gegen Videoüberwachung, sieht aber, dass es »in Reutlingen derzeit einfach nicht umsetzbar ist«. Schlüssler kann nachvollziehen, dass sich manche Reutlinger unsicher fühlen, trotzdem steht für ihn außer Zweifel: »Es besteht kein Grund zur Sorge. Reutlingen ist immer noch die sicherste Großstadt in Baden-Württemberg, und das mit teils deutlichem Abstand zu vergleichbaren Städten.« (GEA)