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Aktuell Verkehr

Palmer kritisiert Unzuverlässigkeit auf Bahn-Strecke Tübingen-Stuttgart

Ob mit Regionalbahn oder Regionalexpress: Zugausfälle und Verspätungen sind für die Bahnkunden ein Ärgernis.  FOTO: DPA
Ob mit Regionalbahn oder Regionalexpress: Zugausfälle und Verspätungen sind für die Bahnkunden ein Ärgernis. FOTO: DPA
Ob mit Regionalbahn oder Regionalexpress: Zugausfälle und Verspätungen sind für die Bahnkunden ein Ärgernis. FOTO: DPA

TÜBINGEN. Die Zuverlässigkeit des Schienenverkehrs auf der Strecke Tübingen–Stuttgart hat sich laut Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) in den vergangenen Monaten in einem Maße verschlechtert, welches aus Sicht der Stadt Tübingen nicht länger hinnehmbar ist. Die aktuelle Betriebslage sei geprägt von wiederholten Zugausfällen, erheblichen Verspätungen und regelmäßig überfüllten Zügen, schreibt der OB in einem Brief an Winfried Hermann. Die konkrete Bitte an den Landesverkehrsminister: kurzfristig wirksame fahrplan- und betriebstechnische Anpassungen zu prüfen und umzusetzen, um den Schienenverkehr wieder zu stabilisieren.

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Das Schreiben im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Minister Hermann,

die Zuverlässigkeit des Schienenverkehrs auf der Strecke Tübingen–Stuttgart hat sich in den vergangenen Monaten in einem Maße verschlechtert, welches aus Sicht der Stadt Tübingen nicht länger hinnehmbar ist. Die aktuelle Betriebslage ist geprägt von wiederholten Zugausfällen, erheblichen Verspätungen und regelmäßig überfüllten Zügen.

Immer wieder erreichen Züge Tübingen nicht mehr und wenden bereits in Reutlingen. Die verbliebenen Verbindungen sind dann erst Recht überfüllt und Verspätungen von 15 Minuten und mehr fast schon die Regel. Wenn dann auch noch verkürzte Garnituren wegen Fahrzeugmangel im Einsatz sind, kann man die Türen nach einem Wort von Uli Keuler nur noch schließen, wenn alle Fahrgäste ausatmen.

Als langjähriger Nutzer dieser Strecke habe ich in über 30 Jahren ein derartiges Ausmaß an Unzuverlässigkeit im Schienenverkehr auf dieser Verbindung nicht erlebt. Es ist mir praktisch nicht mehr möglich, Termine mit der Bahn wahrzunehmen. Ich komme schon in Stuttgart zu spät und Anschlusszüge verpasse ich so gut wie immer. Nach 18 Jahren im Amt erwäge ich erstmals die Notwendigkeit eines Dienstwagens.

Bedeutung der Schienenanbindung für Tübingen

Für die Stadt Tübingen ist eine verlässliche Schienenanbindung von zentraler Bedeutung. Täglich nutzen zahlreiche Pendlerinnen und Pendler, Studierende, Beschäftigte der Universität und der Kliniken sowie Besucherinnen und Besucher den Zugverkehr. Darüber hinaus ist eine stabile Bahnanbindung ein entscheidender Standortfaktor für Wissenschaft, Wirtschaft und Tourismus und eine wesentliche Voraussetzung für die Erreichung der verkehrs- und klimapolitischen Ziele des Landes und der Stadt.

Ursachen der aktuellen Situation

1. Infrastruktur S 21 – kurzfristig nicht beeinflussbar
Die Engpässe im Knoten Stuttgart infolge der laufenden Bauarbeiten sowie die Mitnutzung des Abschnitts Plochingen–Wendlingen durch den ICE-Verkehr belasten den Betrieb auf der gesamten Achse erheblich. Diese infrastrukturellen Rahmenbedingungen lassen sich kurzfristig nicht ändern.

2. Allgemeine technische und personelle Probleme der Deutschen Bahn auf dem langen Laufweg – kurzfristig nicht beeinflussbar
Unabhängig von der konkreten Betriebssituation in Tübingen bestehen bei der Deutschen Bahn anhaltende technische und personelle Probleme, insbesondere bei Wartung, Instandhaltung und Personalverfügbarkeit. Weichen, Züge, Signale, Türen, Oberleitungen – alles ist gestört. Das wirkt sich besonders stark aus, weil die Züge über Stuttgart hinaus bis Heilbronn und Osterburken durchgebunden sind. Auf diesem sehr langen Laufweg können Störungen nicht mehr abgepuffert werden; sie erfassen zwangsläufig den gesamten Umlauf. Diese strukturellen Probleme können kurzfristig nicht behoben werden und müssen daher bei der Fahrplangestaltung berücksichtigt werden

3. Fahrplan und Wendeorganisation – kurzfristig änderbar
Die einzige kurzfristig wirksam beeinflussbare Ursache liegt aus Sicht der Stadt in der Fahrplankonzeption in Tübingen. Die derzeit vorgesehene Kurzwende mit einer Wendezeit von lediglich zehn Minuten ist mit der vorhandenen Infrastruktur offenbar nicht stabil fahrbar. Verspätungen werden dadurch unmittelbar in die Folgefahrt übernommen und verstärken sich im Tagesverlauf.

Zur Stabilisierung des Betriebs ist aus Sicht der Stadt Tübingen die Einführung einer überschlagenen Wende in Tübingen erforderlich. Dabei steht ein Zug abfahrbereit zur Verfügung und bedient die Strecke auch dann, wenn der ankommende Zug noch nicht eingetroffen ist. Auf diese Weise können Verspätungen von bis zu 40 Minuten abgebaut werden, ohne sich auf die Folgefahrt zu übertragen. Nur so kann eine verlässliche Abfahrt in Tübingen wieder gewährleistet werden.

Das hierfür notwendige zusätzliche Fahrzeugmaterial sowie das erforderliche Personal können jedoch nur bereitgestellt werden, wenn die Anzahl der gleichzeitig verkehrenden Züge auf der Strecke reduziert wird. Ein möglicher Ansatz wäre, den zweistündlich verkehrenden RE 6 Tübingen–Stuttgart vorübergehend aus dem Angebot zu nehmen, da dieser eine vollständige Garnitur bindet.

Der Wegfall des RE 6 würde zwar formal eine Reduzierung des Angebots darstellen, in der betrieblichen Realität jedoch keinen Nachteil für die Fahrgäste bedeuten. Bereits heute kann auch dieser Zug seine Fahrzeit aufgrund der instabilen Betriebslage regelmäßig nicht einhalten. Die daraus entstehenden Verspätungen führen zu zusätzlichen Folgeeffekten, da der RE 6 mit den übrigen Verkehren auf der ohnehin überlasteten Strecke konkurriert. Damit trägt er zur weiteren Überfüllung, zur Verlängerung von Haltezeiten und letztlich zu zusätzlichen Verspätungen im Gesamtsystem bei. Eine vorübergehende Herausnahme des RE 6 würde daher nicht nur Fahrzeug- und Personalressourcen freisetzen, sondern insgesamt zu einer Entlastung und Stabilisierung des verbleibenden Angebots führen.