METZINGEN/PLOCHINGEN. Der Tagesausflug mit der Bahn nach Ulm war tiefenentspannt. Am Abend wird es stressig. Auf der letzten Etappe von Plochingen nach Metzingen ist ein Metropol-Express der DB Regio 35 Minuten verspätet. Der fahrplanmäßig nächste Zug fährt vor ihm in den Bahnhof Plochingen ein. Obwohl er aus zwei gekoppelten Elektrotriebzügen besteht und über 400 Sitzplätze bietet, ist er völlig überfüllt. Ein Mann versucht trotzdem einzusteigen. Er steht auf der Türschwelle, kommt nicht weiter. »Können Sie vielleicht weiter durchgehen?«, fragt er Mitreisende, die sich auf den Gängen bereits drängen. Doch es ist praktisch kein Platz mehr. Alle Sitze sind ohnehin belegt.
»Bitte die Türbereiche freimachen«, fordert der Lokführer per Lautsprecherdurchsage. Wenn die Türen nicht geschlossen sind, kann der Zug nicht abfahren. Dafür, dass die Schwelle schließlich frei wird, sorgt ein paar Sekunden später die Security. Zwei dieser in neonfarbene Westen gekleideten Männer stehen plötzlich am Eingang. Einer schubst den Fahrgast, der es bisher nicht in den Zug geschafft hat, mit beiden Händen hinein, drückt ihn kräftig gegen den Rücken. »He!«, ruft der Gestoßene aus. Er wird gegen einen anderen Mann gedrückt. »Sind wir Menschen oder Vieh?«, denkt der, und: »Security soll doch eigentlich für Sicherheit und nicht für Unsicherheit sorgen.« Er kann sich aufrechthalten. Vor ihm sitzen ein Vater und sein Kleinkind auf einer Treppenstufe. Sie bekommen von dem Schubs nichts ab. Der Zug fährt weiter.
Mann mit Kinderwagen am Bahnsteig stehengelassen
Der GEA hat bei der Deutschen Bahn als Betreiberin der Regionalzüge auf der Neckar-Alb-Bahn nachgefragt, ob das Vorgehen des Security-Manns aus ihrer Sicht abzulehnen, tolerabel oder gar so gewünscht ist. Bei der U-Bahn in Tokio sind Türdrücker, die Fahrgäste in Stoßzeiten in die überfüllten Züge drängen, normal. Aber zwischen Stuttgart und Tübingen? »Das darf nicht passieren«, macht ein DB-Sprecher aus Berlin deutlich, »wir möchten uns für den Vorfall entschuldigen.« Und ihn »zum Anlass nehmen, mit unserem Sicherheitspersonal zu sprechen.« Der fragliche Zug habe aus weniger Waggons als üblich bestanden.
Ortswechsel. Einen Tag später hält am Bahnhof Metzingen ein Metropol-Express, der sowohl pünktlich ist als auch jede Menge Sitzplätze frei hat. Dafür ist wie so häufig eine der automatisch schließenden Türen gestört, wie ein auffälliges orangefarbenes Schild anzeigt. Ein Vater eilt mit seinem Baby im Kinderwagen zur nächsten Tür. Es gibt nur vier davon am langen Zug. »Nach Diebenga bitte oistaiga!«, tönt derweil der Lokführer, der die Lage am Bahnsteig beobachtet, über die Außenlautsprecher. Der Mann mit dem sperrigen Kinderwagen ist nach etwa 20 Sekunden an der Türschwelle noch nicht drinnen. Daraufhin schließt der Lokführer die Tür. Der Zug fährt ab. Der Familienvater muss eine halbe Stunde am feuchtkalten Bahnsteig auf den nächsten Zug warten. Ein Fahrgast, der hinter ihm stand und gerne beim Einsteigen geholfen hätte, ebenso.
Der Berliner DB-Sprecher hat bei der Leitstelle der Bahn nachgefragt. Dort wusste man von einer Türstörung nichts und hat offenbar auch sonst keine Auffälligkeiten bei dem betreffenden Regionalzug festgestellt. »Aus unserer Sicht gab es kein Fehlverhalten.« Der bahninteressierte GEA-Reporter hat es anders beobachtet. »Wenn so etwas passiert ist, können wir uns auch dafür nur entschuldigen«, sagt der Pressesprecher weiter: »So viel Zeit muss sein, dass ein Vater mit Kinderwagen einsteigen kann.« Der Zug habe in Metzingen eine Minute gehalten. Das kann der GEA-Reporter bestätigen. Alles im Rahmen also insoweit.
Doch Bahnservice geht auch anders. Bei ein- und demselben Unternehmen, der großen DB. »Bitte einsteigen, Zug nach Stuttgart!«, ruft eine Zugbegleiterin bei einem ausnahmsweise in Nürtingen beginnenden Metropol-Express am Bahnsteig, »keine Zigaretten mehr kaufen, der Zug fährt gleich ab!« Im Zug begrüßt die gestandene Kundenbetreuerin, die es nicht mehr allzu lange bis zum Ruhestand hat, die Reisenden ebenso herzlich wie ausführlich, sagt übers Mikro größere Zwischenstationen an und wünscht allen eine angenehme Fahrt, bevor sie mit zwei Reisenden ins lockere Gespräch kommt. »Wie in der guten alten Zeit«, sinniert eine Frau in der Vierer-Sitzgruppe und lächelt. (GEA)


