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Wie die Reutlinger Stadtverwaltung 20 Prozent Energie sparen will

Energie ist knapp und teuer in diesen Tagen. Die Stadtverwaltung erklärt, wo und wie sie Gas und Strom einsparen will. In öffentlichen Gebäuden wird am Heizen gespart.

So hell wird die Stadthalle nachts nicht mehr beleuchtet.  FOTOS: NIETHAMMER
So hell wird die Stadthalle nachts nicht mehr beleuchtet. FOTOS: NIETHAMMER Foto: Markus Niethammer
So hell wird die Stadthalle nachts nicht mehr beleuchtet. FOTOS: NIETHAMMER
Foto: Markus Niethammer

REUTLINGEN. »Heute müssen wir noch nicht Energie sparen. Genießen Sie es«, kommentiert Sabine Külschbach, Presseamtschefin des Rathauses, den spätsommerlich warmen Raum, in dem sich Vertreter der regionalen Presse versammeln. Oberbürgermeister Thomas Keck (SPD) stellt gemeinsam mit dem Gebäudemanagement, der Klimataskforce und den Technischen Betriebsdiensten die Pläne der Stadt zur Einsparung von 20 Prozent Energie im Winter vor.

Der Bund hat mit den zwei Verordnungen zum Energiesparen ab dem 1. September und dem 1. Oktober den Kommunen die Aufgabe gestellt, den Erdgasverbrauch um 15 Prozent und den allgemeinen Energieverbrauch um 20 Prozent zu senken. Verwaltungschef Keck ist zuversichtlich, er will die geforderten Erdgaseinsparungen übertreffen und 20 Prozent sparen. Grund für die Maßnahmen sind ausfallende Gaslieferungen infolge der kriegsbedingten Sanktionspolitik der Nato-Staaten gegenüber Russland.

- Diversifizierung und Reduktion

Keck sagt, die Stadt verfolge das Ziel, »eine Gasmangel-Lage zu vermeiden«. Er appelliert an die Bürger: »Jede nicht verbrauchte Kilowattstunde Gas leistet einen Beitrag.« Die Stadt würde auf Heizöl setzen. Ein kurzfristiges Umschwenken bei Gasmangel sei hier möglich, berichtet Dirk Kurzschenkel, Chef der Technischen Betriebsdienste Reutlingen. Auch würden die Lagermengen für Holzhackschnitzel erweitert werden. Weil die Diversifizierung der Energiequellen allein nicht ausreicht, müssten Standards gesenkt werden: »Oberstes Ziel«, sagt Kurzschenkel, »ist, die Gasmenge zu reduzieren«.

- Gebäude

Wichtiger Pfeiler der Energieeinsparungen sind die etwa 450 Immobilien der Stadt. Dazu gehören Schulen, Kindergärten, Bibliotheken, Verwaltungsgebäude und Museen. In diesen Gebäuden soll die Temperatur gesenkt werden. Das Gebäudemanagement entscheidet je nach Nutzung, wie stark die Temperatur gesenkt wird. Bei einer Temperatursenkung von einem Grad Celsius ließen sich, wie das Stadtoberhaupt erklärt, sechs Prozent Gas einsparen. Weil Gas auch zur Stromproduktion herangezogen wird, reduziert die Stadt zudem die Beleuchtung ihrer Objekte. Historische Wahrzeichen sind hiervon genau so betroffen wie die Stadthalle. Diese wird nach 22 Uhr die Außenbeleuchtung ausschalten. Sowohl in Räumen als auch bei der Straßenbeleuchtung rüstet die Stadt auf LED um. Jörg Viehl, stellvertretender Leiter des Gebäudemanagements, versichert: »Die Nutzer werden die Energiesparmaßnahmen spüren.«

- Schwimmbäder

In den drei Lehrschwimmbecken der Stadt Reutlingen werden die Temperaturen um zwei Grad sinken. Das Wasser wird künftig noch 26 Grad warm sein. Die Raumtemperatur fällt auf 28 Grad Celsius. Das machen zwölf Prozent Gaseinsparungen. Außer in den Lehrschwimmbecken schaltet die Verwaltung die Warmwasserbereitung in Sportstätten ab. Sportler können nur noch kalt duschen. Auch die Waschbecken geben kein warmes Wasser mehr.

Luft und Wasser im Achalmbad werden künftig um zwei Grad kälter sein.
Luft und Wasser im Achalmbad werden künftig um zwei Grad kälter sein. Foto: Markus Niethammer
Luft und Wasser im Achalmbad werden künftig um zwei Grad kälter sein.
Foto: Markus Niethammer

- Schulen und Kindergärten

In Schulen sinkt die Raumtemperatur in Fluren und Foyers von 15 auf zwölf Grad. Klassenzimmer sind von den Temperaturregelungen ausgeschlossen. Kindergärten werden künftig nur noch mit 20 Grad statt mit bislang 21 Grad beheizt. Ausgenommen sind die Bereiche für Kinder unter drei Jahren. Weil das »Leben U3« sich zu weiten Teilen auf dem Boden abspiele, werde man die Temperaturen in diesen Bereichen nicht senken.

- Krematorium

Das Krematorium ist einer der größten Gasverbraucher. Die Kapazitäten werden reduziert. Obwohl nur noch im Zweischichtmodell gearbeitet wird, beteuert Kurzschenkel: »Wir stellen sicher, dass kein Angehöriger länger warten muss, bis eine Urne ankommt.«

- Öffentlicher Dienst

In Arbeitsräumen der Verwaltung soll die Temperatur von 20 auf 19 Grad sinken. Flure und Foyers werden nicht mehr beheizt. Zudem wird es Energiesparschulungen für die Mitarbeitenden in der Öffentlichen Verwaltung geben, berichtet Mario Zimmermann, der Leiter der Taskforce Klima und Umwelt: »Jeder kann durch kleine Änderungen zum Energiesparen beitragen.« Zimmermann bezieht sich auf eine Umfrage, aus der hervorgehe, dass die Mitarbeiter der Stadt bereit sind, Maßnahmen umzusetzen.

- Technische Umsetzung

Die Rationierungen fordern bereichsspezifische Temperaturregelungen. Es gibt aber keine zentralen Steuerungen: »Wir haben nicht orts- beziehungsweise raumweise Regelungstechniken«, erklärt Viehl. Die verschiedenen Temperaturen müssen manuell eingestellt werden. Energielotsen kämen infrage, die für ihren Bereich die Temperaturen regeln könnten. Zum jetzigen Zeitpunkt ist unklar, wer die Einhaltung der Maßnahmen kontrolliert. Man geht davon aus, dass das Ordnungsamt hierfür zuständig ist. Auch eine Offenlegung der Zahlen sei denkbar.

- Wärmeräume

Keck weiß, dass viele Bürger ökonomisch belastet sind: »Wir werden eine Vielzahl an Leuten haben, die sich zunehmend Heizen nicht mehr leisten können.« Mario Zimmermann, Leiter der Klimataskforce, berichtet, dass es Überlegungen zu öffentlichen Wärmestuben gebe. Die Stadt hoffe aber, dass es nicht so weit kommen wird. Der OB: »Die soziale Schere wird sich weiter öffnen.« (GEA)