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Reutlinger hat ein Herz für Kinder in Äthiopien

Wenn er von Äthiopien redet, dann schwingt die Überzeugung mit, dass die Zukunft in Afrika liegt. H. Klaus Kühn hat für den Verein »Behindertenhilfe für Äthiopien« schon unzählige Male das Land besucht und um Unterstützung für das Schulzentrum des Vereins geworben. Als Fotokünstler hat der 70-Jährige bei seinen Reisen vor allem die Menschen im Blick, dokumentiert in schwarz-weiß Kulturen und Ethnien. Seine Fotos wurden bereits weltweit in zahlreichen Ausstellungen gezeigt.

H. Klaus Kühn ist unentwegt für die »Behindertenhilfe für Äthiopien« unterwegs. Immer mit dabei: Seine Leica, mit der der Fotokü
H. Klaus Kühn ist unentwegt für die »Behindertenhilfe für Äthiopien« unterwegs. Immer mit dabei: Seine Leica, mit der der Fotokünstler Menschen, Kulturen, Ethnien dokumentiert. Seine Fotos hat er bereits weltweit ausgestellt. Foto: CAROLA Eissler
H. Klaus Kühn ist unentwegt für die »Behindertenhilfe für Äthiopien« unterwegs. Immer mit dabei: Seine Leica, mit der der Fotokünstler Menschen, Kulturen, Ethnien dokumentiert. Seine Fotos hat er bereits weltweit ausgestellt.
Foto: CAROLA Eissler

REUTLINGEN. Eigentlich hätte der Reutlinger H. Klaus Kühn allen Grund, es mit 70 Jahren etwas ruhiger angehen zu lassen. Doch weit gefehlt. Für die »Behindertenhilfe für Äthiopien«, einen Verein mit Sitz in Tübingen und Reutlingen, schaltet er nochmals einen Gang hoch, vor kurzem wurde er als dessen Vorsitzender gewählt. Seit rund 17 Jahren engagiert sich Kühn in dem Verein, reist mehrmals im Jahr in das Land am Horn von Afrika, führt als Fundraiser zahlreiche Gespräche und pflegt Kontakte bis hinein in die deutsche Botschaft, um den rund 400 Kindern mit geistigen Behinderungen im Schulzentrum »Center for Mentally Challenged Children« in Addis Abeba eine gute Zukunft zu sichern. Zudem unterrichtet der einstige Sonderschullehrer und Ausbilder von Sonderpädagogen äthiopische Lehrerinnen und Lehrer, engagiert sich als gelernter Siebdrucker in der Aus- und Fortbildung Jugendlicher im dortigen Center.

Und dann gibt es da noch sein zweites Standbein, die Fotografie. Der Globetrotter ist zwar weltweit unterwegs, doch mit Äthiopien verbindet ihn auch fotografisch eine besondere Liebe. Seit kurzem und dauerhaft sind von ihm im Hilton Hotel in Addis Abeba 20 großformatige Schwarz-Weiß-Fotos auf Leinwand ausgestellt. »The smile of Addis« zeigt unterschiedliche Frauen aus den vielen Kulturen und Ethnien Äthiopiens. Dass Kühn überhaupt die Möglichkeit hatte, die Frauen bei zahlreichen traditionellen Festen und Begegnungen abzulichten, ist ein Glücksfall und nicht selbstverständlich, denn in der Regel lassen sich die Frauen nicht so ohne weiteres von einem Fremden fotografieren. »Ich habe einfach jede einzelne gefragt, bin aktiv auf diese Menschen zugegangen.« Seine Erfahrungen mit den Menschen im Land und mit deren Mentalität waren dabei von unschätzbarem Wert. Eine weitere Gemeinschaftsausstellung zusammen mit fünf Fotografen über den Stadtteil Piazza in Addis wird im März in der Galerie »Studio11« in Addis Abeba und im September in Leipzig, der Partnerstadt von Addis Abeba, gezeigt.

Äthiopische Frauen: ein Foto von H. Klaus Kühn aus der Ausstellung im Hilton Hotel in Addis Abeba.
Äthiopische Frauen: ein Foto von H. Klaus Kühn aus der Ausstellung im Hilton Hotel in Addis Abeba. Foto: Klaus Kühn
Äthiopische Frauen: ein Foto von H. Klaus Kühn aus der Ausstellung im Hilton Hotel in Addis Abeba.
Foto: Klaus Kühn

Kühns Fotos sind weit mehr als Kunst. Sie zeigen die ethnische Vielfalt Äthiopiens und zeichnen das Bild eines Landes im Aufbruch. Ein Land, das, davon ist Kühn überzeugt, so ganz anders ist, als viele afrikanische Länder. Die Äthiopier, zu 70 Prozent christlich-orthodox, wollen ihr Land voranbringen, wollen etwas leisten, wollen lernen. »Bei allen Menschen, die ich auf meinen Reisen nach Äthiopien getroffen habe in den vergangenen 15 Jahren, hat mich noch keiner gefragt, wie man nach Deutschland kommt. Die Leute haben ihre Arbeit, ihre Familie, die sind in ihrem Land verwurzelt und wollen nicht weg.«

Der Reutlinger kann sich noch gut an seinen ersten Besuch in Äthiopien erinnern. Damals sei er zusammen mit seiner Frau auf dem Weg nach Sansibar gewesen und sie hätten in Addis Abeba einen Zwischenstopp eingelegt. »Wir waren nur einen Abend dort. Aber dieser Abend hat mich tief geprägt.« Diese positive Einstellung der Menschen, diese geschäftige Atmosphäre habe ihn beeindruckt. Ein Eindruck, der bis heute anhält.

Kühn fotografiert zum Großteil analog

Die Schwarz-Weiß-Fotografie ist eine Leidenschaft, die Kühns Leben prägt. 1975 sei er erstmals in Sri Lanka, damals noch Ceylon, gewesen, hätte tausende Fotos gemacht, erzählt Kühn. Danach hat ihn das Fotografieren in Kombination mit Reisen rund um den Globus nicht mehr losgelassen. Von Japan bis Vietnam, von China bis in die ehemaligen Sowjetrepubliken Kirgistan und Kasachstan, von Kambodscha bis Sansibar, von Argentinien bis Indien und eben Äthiopien. Stets kam Kühn mit tausenden Fotos zurück. Und genauso wie damals fotografiert Kühn auch heute, im digitalen Zeitalter, noch Großteils analog.

»Das Interesse an anderen Kulturen ist durch meine Reisen stets gewachsen.« Diese Leidenschaft, dieses Interesse und seine fotografischen Kenntnisse will er nicht nur für sich behalten, sondern weitergeben. Gerade in Addis Abeba, wo er bereits mehrere Fotoprojekte mit einheimischen Fotografen und Künstlern gestemmt hat, macht er eine hohe Motivation unter der Jugend aus. »Ich würde nie behaupten, dass ich Äthiopien kenne. Natürlich ist alles immer eine individuelle und damit eine subjektive Sichtweise. Aber es ist erstaunlich, welch großes Interesse bei den jungen Leuten besteht, etwas zu lernen, sich weiterzubilden, die Besten zu werden.« Gerade dies sei für ihn auch Ansporn, sein Wissen weiterzugeben. »Die jungen Leute sind sehr motiviert und engagiert. Und dies ist das riesige Potenzial, das sie besitzen.« Kühn spricht sogar von Aufbruchstimmung, die er in dem Land ausmacht.

Immer auf gepackten Koffern

Eigentlich sitzt Kühn immer auf gepackten Koffern. Auch jetzt bereitet er schon wieder seine nächste Reise nach Äthiopien vor, die für März geplant ist. »Ich nehme immer alles mit, was die da unten gerade brauchen. Auf dem Rückflug sind die Koffer dann voll mit Produkten aus den Werkstätten, die wir hier anbieten, um die Schule zu finanzieren.« Da er in Addis Abeba immer in derselben Pension wohnt, bleiben auch viele seiner privaten Gegenstände einfach dort. Im März wird er das 40-jährige Jubiläum des Vereins »Behindertenhilfe für Äthiopien« vorbereiten, sein Kalender für den Aufenthalt ist bereits mit Terminen und Treffen vollgepackt.

Das Wichtigste bei allem ist für Kühn und seine Mitstreiter aus dem Verein aber das Vertrauen, das sie zu den Mitarbeitern vor Ort im Schulzentrum haben. »Das ist auch ein Grund, weshalb ich da immer wieder gerne hinfliege, und weshalb ich mich in dem Land wohlfühle. Ich habe 100 Prozent Vertrauen zu den Leuten.« Dort im Schulzentrum werde nicht nur hervorragende Arbeit geleistet, sondern auch die Spendengelder sind gut investiert in eine Schule, die Kindern mit geistigen Behinderungen eine Perspektive gibt. Eine Einrichtung, die im Land durchaus außergewöhnlich ist, wie Kühn betont. Denn Kinder und Mütter erhalten hier nicht nur Frühförderprogramme und Vorschulunterricht samt Medikamenten, Nahrungsmittelhilfe und Physiotherapie, sondern auch ein praktisches Training fürs Leben.

Wichtige Institution in Äthiopien

Finanziert wird alles über Spenden und Patenschaften. Seit vier Jahrzehnten finden Kinder und ihre Familien hier im »Center für Mentally Challenged Children«, das vor 40 Jahren von der bisherigen Vorsitzenden Doris Bornhäuser gegründet wurde, Hilfe. Ein bedeutender Meilenstein im Engagement für die Unterstützung und Inklusion von Kindern mit geistiger Behinderung in Äthiopien. Auch Bornhäuser ist regelmäßig in Addis Abeba. Mit einer Vielzahl von Bildungs-, Therapie- und Betreuungsangeboten habe das Zentrum das Leben vieler Kinder und Jugendlichen nachhaltig verändert und dazu beigetragen, das Bewusstsein für die Rechte von Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen in Äthiopien zu schärfen, betont Kühn. Mittlerweile sei das Zentrum eine der wichtigsten Institutionen in Äthiopien für die Förderung der Inklusion. 50 äthiopische Pädagoginnen und Pädagogen arbeiten derzeit in dem Zentrum, das nebenbei auch eine Holzwerkstatt, eine Bäckerei und einen Schulgarten betreibt.

»Das 40-jährige Jubiläum ist nicht nur ein Moment des Rückblicks auf all das, was wir erreicht haben, sondern auch ein Aufruf, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen und noch mehr Menschen zu erreichen.« Gerade deshalb hofft Kühn auch auf eine Verjüngung im Verein. »Wir wünschen uns, dass Jüngere nachkommen.« Bis es so weit ist, wird Kühn weiterhin zwischen Reutlingen und Addis Abeba unterwegs sein, um für die Behindertenhilfe Lobbyarbeit zu betreiben und behinderten Kindern in Äthiopien eine Perspektive zu geben. (GEA)
www.eecmy-cmcc.net
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