BETZINGEN. Seit sich im März 1980 in Betzingen der Verein »Krautskräga« gründet hat, ist Reutlingens größte Bezirksgemeinde zur kleinen Faschingshochburg aufgestiegen. Mittlerweile gibt es hier nämlich gleich drei Vereine, die sich der Fünften Jahreszeit verschrieben haben. Neben den karnevalistisch orientierten »Krautkräga« und ihrer schwäbisch-alemannische Untergruppe »Mühlakatza«, tanzen an der Steinach mittlerweile auch »Echaz-Bären« und »Kräuter-Hexa«.
Start mit Elferrat und Garde
Los ging der organisierte Frohsinn hier aber definitiv mit Elferrat und Garde der »Krautskräga«, die heuer, im 46. Jahr ihres Bestehens, mit Fug und Recht als etabliert bezeichnet werden dürfen. Tolle Tage ohne Kohlstrunk, Prunksitzungen und Umzüge? In Betzingens ist’s inzwischen undenkbar. Wiewohl die Entstehungsgeschichte der »Krautskräga« - weil unzureichend dokumentiert - großteils im Dunklen liegt.
Soviel ist dank eines Sitzungsprotokolls aber doch bekannt: Es war ein Samstag im März 1980, als sich um 20 Uhr neun Männer »zum Zwecke der Gründung des Vereins 'Betzinger Krautskräga' zusammenfanden«. Höchst engagiert, so wird kolportiert, sei an fraglichem Abend diskutiert worden: bis 1.30 Uhr in der Früh. Dann war die Sache geritzt und es schlug die Geburtsstunde der ersten Betzinger Faschingsvereinigung.
Dass diese als lupenreiner Karnevalsverbund an den Start gingen - es dürfte der protestantischen Prägung Reutlingens geschuldet gewesen sein. Vielleicht hatten sich die Männer der ersten Stunde aber auch Reutlingens Karnevalsgesellschaft im Männerverein zum Vorbild genommen. Was das betrifft, gibt’s bedauerlicherweise keine belastbaren Belege. Derweil immerhin die Herkunft des Vereinsnamens, der auf einer mittelalterlichen Sage basiert, überliefert ist.
Zwischen Mitleid und Sparsamkeit
Zurück reicht er bis ins Jahr 1247. Zu diesem Zeitpunkt wird Reutlingen von feindlichen Truppen belagert. Die Versorgungssituation ist mithin misslich und der Hunger hinter den trutzigen Stadtmauern groß. Was den Betzingern nicht verborgen bleibt. Viele haben Mitleid mit ihren Not leidenden Nachbarn und versorgen diese deshalb klammheimlich und im Schutze der Nacht mit Nahrungsmitteln.
Wobei in der Brust der generösen Betzinger offensichtlich zwei Herzen schlagen. Das eine ist für Empathie zuständig, das andere für die schwäbische Tugend der Sparsamkeit. Und so gerät die Nothilfe in Zeiten drohender Okkupation zum faulen Kompromiss: Statt Lebensmittelspenden sind es am Ende nämlich bloß Krautstrünke, die den Reutlingern über die Mauern geworfen werden - von Geizkrägen, die der Volksmund alsbald in Krautskräga umtauft.
Seit 2017: Eigener Fasnetsumzug
Doch zurück zum frischgebackenen Karnevalsverein, der im Februar 1981 unter dem Motto »Fasnet muas sein«, in der rappelvollen Kemmlerhalle seine erste Prunksitzung zelebriert. Ein voller Erfolg, der beflügelt. Fortan geht es deshalb Schlag auf Schlag und die »Krautskräga« legen sich gewaltig ins Zeug. Bald organisieren sie - bei stetig wachsender Fan-Gemeinde - auch Kinder- und Seniorenfasching sowie Rosenmontagsfeten. Und 1998 ergänzen sie ihre Mitgliederreihen durch die »Mühla-Katza« als schwäbisch-alemannische Komponente.
Serie: Vernarrt in Fasnet
In der Serie »Vernarrt in Fasnet« stellt der GEA in loser Folge seine Hästräger aus den Reutlinger Bezirksgemeinden vor. Im Rahmen von Kurzporträts werden ortstypische Masken und ihre historischen Hintergründe beleuchtet. (GEA)
Seither reichen sich unter dem Dach der »Krautskräga« also evangelisch und katholisch geprägtes Brauchtum die Hände, üben Karneval und Fasnet fröhliche Koexistenz. Derweil der Verein weiter wächst. Heute sind es vier Garden und eine Kindergruppe, die in der Fünften Jahreszeit ganz groß rauskommen. Und seit 2017 organisieren die Betzinger sogar ihren eigenen Fasnetsumzug. (GEA)


