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Sexuelle Gewalt: Reutlinger Verein stellt Präventionsprojekt vor

Der Verein Wirbelwind stellt im Jugendhilfeausschuss ein landkreisweites Präventionsprojekt vor

Foto: Nicolas Armer/Illustration
Foto: Nicolas Armer/Illustration

REUTLINGEN/ENINGEN. »Ich bin sehr froh, dass wir Wirbelwind haben«, sagte Reinhard Glatzel jüngst im Jugendhilfeausschuss des Reutlinger Kreistags, der in der Eninger HAP-Grieshaber-Halle zusammengekommen war. Wirbelwind ist ein Verein, der im Jahr 1992 gegründet wurde und 20 Jahre lang rein ehrenamtlich die Opfer von sexualisierter Gewalt beraten, ihnen geholfen und in weiterführende Angebote vermittelt hat. »Seit 2014 haben wir eine halbe vom Landkreis finanzierte Stelle, ab diesem Jahr sind es zwei Stellen«, hoben Petra Lever und Manuela Lieb als hauptamtliche Mitarbeiterinnen bei Wirbelwind hervor.

Die Aufgaben des Vereins seien viel-fältig, führte Lever aus. »Wenn ein Kind zu Ihnen sagt, es habe sexuelle Gewalt erfahren, dann sind Sie zumeist erst mal hilflos«, so die Sozialpädagogin. Angehörige von Kindern rufen beim Verein an, aber auch Fachkräfte aus Kindergärten, Schulen oder Vereinen melden sich.

»Für uns ist es wichtig, zunächst zu erkennen, wie es dem Kind geht – kann es überhaupt gegenüber der Polizei von der Tat berichten?« Sollte das nicht der Fall sein, komme der Täter zumeist straffrei davon, es gebe keine Handhabe zum Einschreiten. »Weil das Thema zudem sehr schambesetzt ist, haben wir auch eine Online-Beratung«, so Petra Lever weiter.

Beratung und Begleitung

»Schnell und unbürokratisch« soll die Hilfe für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in die Wege geleitet werden. Denn einen Termin beim Psychotherapeuten zu erhalten, könne häufig einige Monate dauern. »Deshalb bieten wir niedrigschwellige und körperorientierte Methoden, um betroffene Opfer zu unterstützen«, sagte Petra Lever.

Spezielle körperbetonte Methoden sollen den Kindern und Jugendlichen bei der Verarbeitung des Traumas helfen, ebenso Mal-, Sandspiel- und Tonfeldtherapien. »Kleine Kinder können ja oft nicht artikulieren, was passiert ist, mit Ton gelingt es ihnen aber zum Teil, zumindest ihre Aggressionen abzubauen.« Die wesentlichen Teile der Arbeit von Wirbelwind sind Beratung und Begleitung der Opfer, Prävention, Qualifizierung sowie Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit. Der Kreistag hatte entschieden, dass Wirbelwind eine »Qualifizierungsinitiative im Rahmen des kommunalen Schutz- und Präventionskonzepts« vornehmen soll.

Start sollte im April sein – die Corona-Pandemie machte dem allerdings einen Strich durch die Rechnung. Das Konzept sei zusammen mit dem Jugendamt erarbeitet worden, so Glatzel. »In seiner Gänze ist das bislang bundesweit einmalig. Wenn man davon ausgeht, dass in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder sexualisierte Gewalt erlebt haben, dann weiß man, wie dringend notwendig solch ein Konzept ist.«

Mit Multiplikatoren

Wirbelwind soll nun ab Herbst damit beginnen, im gesamten Landkreis »flächendeckend Schulungen zur Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt« abzuhalten, so Manuela Lieb. Zielgruppe seien Fachkräfte, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten – also sowohl Erzieher und Lehrer wie auch Jugendhauspersonal, Schulsozialarbeit, Vereine, Kirchengemeinden und weitere mehr. Weil »das so eine Riesenmenge an Personen ist«, müsse Wirbelwind mit Multiplikatoren arbeiten.

Ziel des Konzeptes sei, dass die Mitarbeiter von Einrichtungen, Vereinen und Institutionen »mehr Handlungssicherheit bei Bekanntwerden oder auch bei Vermutungen von sexualisierter Gewalt erhalten«, so Manuela Lieb. Natürlich solle auch die Zusammenarbeit und Vernetzung mit Kreisjugendamt, Polizei, Weißem Ring und sozialen Einrichtungen sowie mit Schulen und Kitas sowie Vereinen gestärkt, verbessert und intensiviert werden.

Wie es mit dem Verein Wirbelwind weitergeht? Die Räumlichkeiten in der Rommelsbacher Straße seien zu klein geworden. »Wir planen einen Umzug in größere Räume, wollen das Beratungsangebot weiter ausbauen und auch unsere Seminar- und Präventionsangebote«, sagte Petra Lever. (nol)