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Rommelsbach: Wo der Scharlatan mit der Schmalzkachel schunkelt

Seit den 1990er-Jahren haben sich in Reutlingens Bezirksgemeinden etliche Narren-Vereine gegründet. Die Serie »Närrisch auf Fasnet« stellt sie vor. Heute im Porträt: die Narrenzunft Rommelsbach.

Der »Gall-Hans« und die »Schmalzkachel« (Sumpfdotterblume) sind Rommelsbachs närrischen Galionsfiguren.
Der »Gall-Hans« und die »Schmalzkachel« (Sumpfdotterblume) sind Rommelsbachs närrischen Galionsfiguren. Foto: GEA-Archiv
Der »Gall-Hans« und die »Schmalzkachel« (Sumpfdotterblume) sind Rommelsbachs närrischen Galionsfiguren.
Foto: GEA-Archiv

ROMMELSBACH. Das hätte sich Hans Buckenmüller, genannt Gall-Hans, vermutlich niemals träumen lassen: Dass er eines schönen Tages die schwäbisch-alemannische Fasnet bereichert. Tut er aber. Und zwar seit 1993, da sich in Rommelsbach eine Narrenzunft gründete, die den einstigen »Zauberer und Segensarzt« Buckenmüller zu ihrer Galionsfigur erhob.

In Erscheinung trat der Scharlatan während des 16. Jahrhunderts in Rommelsbach, wo er gutgläubigen Einwohnern weismachte, ihre Leiden mit Kräutern heilen zu können. Gegen Bezahlung, versteht sich. Was dazu führte, dass manch’ verzweifelter Dorfbewohner dem Quacksalber sämtliche Ersparnisse aushändigte - bedauerlicherweise ohne gesundheitlichen Nutzen daraus zu ziehen.

Besonders krasser Betrugsfall

Überliefert ist ein besonders krasser Betrugsfall, dessen sich »Gall-Hans« schuldig machte. Gerufen wurde er zu einer totkranken jungen Frau, der er Wurzelwerk um den Hals hängte und Kräutersalbe aufschwatzte. Was indes keine Besserung brachte. Weshalb Hans Buckenmüller abermals ans Krankenlager kam und der Sterbenskranken Heilung in Aussicht stellte - so sie eine Nacht lang ihr Schlaflager mit ihm teile.

Ein amoralisches Ansinnen, dass die Maid empört von sich wies. Die Folge: Hans Buckenmüller wurde aus dem Haus gejagd, die junge Frau verstarb und der Fall landete 1583 bei der fürstlichen Kanzlei Stuttgart. Rechenschaft musste »Gall-Hans« auch gegenüber Tübinger Amtsleuten ablegen, war geständig und gelobte, seine unlauteren Dienste niemandem mehr anzudienen. Gehalten hat er sich daran freilich nicht. Er verließ - sei's gezwungen, sei's freilwillig - Rommelsbach und zog ins Zollerische. Hier verlieren sich seine Spuren.

Serie: Vernarrt in Fasnet

In der Serie »Vernarrt in Fasnet« stellt der GEA in loser Folge seine Hästräger aus den Reutlinger Bezirksgemeinden vor. Im Rahmen von Kurzporträts werden ortstypische Masken und ihre historischen Hintergründe beleuchtet. (GEA)

Ob »Gall-Hans« auch mit Sumpfdotterblumen experimentierte? Ausgeschlossen ist es nicht, weil diese im Rommelsbacher Mähdergraben einst üppig wuchsen. Im Reutlinger Nordraum-Jargon »Schmalzkachel« genannt, wurde sie zum Spottnamen für die Rommelsbacher Bürger. Was auf Rivalitäten mit benachbarten Dörfern hindeutet, die den Rommelsbachern offenbar nachsagten, sich für etwas Besonderes zu halten.

Ob’s den Tatsachen entspricht - egal. Fakt ist, dass die Schmalzkachel imZentrum des Reutlinger Nordraums längst nicht nur auf Wiesen zu finden ist, sondern auch im örtlichen Fasnetsbrauchtum. Sie nämlich ist die zweite närrische Figur unterm Dach der Narrenzunft Rommelsbach und setzt bei Umzügen und in Hallen-Veranstaltungen florale Akzente, derweil die lokale Lumpenkapelle beide »Puppen« tanzen lässt: den »Gall-Hans« und die »Schmalzkachel«. (GEA)