REUTLINGEN. »Händlerfrust statt Weihnachtslust – Sind unsere Innenstädte noch zu retten?«, so lautete das Thema der jüngsten TV-Diskussionsrunde »Zur Sache Baden-Württemberg« im SWR-Fernsehen. Im Studio diskutierte Moderator Florian Weber mit der Ex-Kaufhof-Angestellten Sabine Jakoby, dem Inhaber der Handelskette Schuh-Beck, Ingo Hänel, der Stadtplanerin Sophie Büchner und Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck.
Bevor es mit der Diskussion losging, wurde ein Bericht über die Lage des Handels in der Reutlinger Innenstadt und in Vaihingen an der Enz eingespielt. Beide Zentren zeigten sich von Leerständen und Ladenschließungen geprägt. Moderator Florian Weber richtete seine Einstiegsfrage gleich an den Reutlinger Oberbürgermeister: »Sind unsere Innenstädte, wie wir sie kannten, noch zu retten?«
»Unsere Innenstädte werden nicht mehr so aussehen wie früher«
Der Reutlinger Rathaus-Chef antwortete mit einem vorsichtig optimistischen Statement: »Unsere Innenstädte sind zu retten, aber sie werden nicht mehr so aussehen wie früher, nicht mehr so wie vor Corona. Das muss man erst einmal akzeptieren.« Er sprach dabei nicht nur über Reutlingen, sondern schloss alle anderen Städte mit ein.
Dann wurde Keck deutlich: »Ich bin ja Ur-Reutlinger, bin hier aufgewachsen und habe erlebt, wie sich unsere zentrale Einkaufsstraße, die Wilhelmstraße, verändert hat und mit dem Verlust von immer mehr inhabergeführten Geschäften irgendwann ihr Gesicht verloren hat.« Dadurch, dass immer mehr die »üblichen Ketten« einzogen, sei eine »Monostruktur« entstanden: »Das ist schlimm. Das geht an die Identität«, bedauerte der OB.
Dann ging er auf das Aus des Reutlinger Kaufhofes ein: »Die Schließung der Kaufhof-Filialen in Deutschland lief ja in Wellen. Wir in Reutlingen mussten damit rechnen, irgendwann dazuzugehören. Aber als es dann passierte, war das wirklich hart.« Der Kaufhof habe jahrzehntelang eine wichtige Rolle für die Reutlinger Altstadt gespielt, so Keck. »Der hat Besucher aus dem gesamten Umland von Reutlingen zu uns gebracht.«
»Reutlingen ist die sicherste Großstadt in Baden-Württemberg«
Auf die Frage von TV-Moderator Florian Weber, ob die Stadtverwaltung in Sachen Handel in der Innenstadt etwas steuern könne, antwortete Keck, das könne die Stadtverwaltung nur indirekt: "Wir können den Rahmen bilden und das Erscheinungsbild der Innenstadt ändern. Wir versuchen das auch, trotz knapper Kassen und sogar mit Erfolg", so Keck. Als Beispiele nannte er das kostenfreie Busangebot an Samstagen und das Freiparken in der zweiten Stunde in den Parkhäusern der Reutlinger Innenstadt. Er erwähnte das 16-Punkte-Programm zur Stärkung der Innenstadt, zu dem es auch gehöre, die Innenstadt sauberer zu halten und für ein Sicherheitsgefühl zu sorgen: »Reutlingen ist die sicherste Großstadt in Baden-Württemberg«, rief er in die Runde.
Ein weiterer TV-Bericht, der eingespielt wurde, thematisierte den anhaltenden Trend, immer mehr im Internet zu bestellen. Als Extrembeispiel wurde ein Vater und sein Sohn gezeigt, die nahezu alles online bestellen, von der kompletten Couch-Garnitur bis hin zu einfachen Müllbeuteln. Danach ging es im Studio auch darum, wie dieses Kaufverhalten zur existenziellen Bedrohung für den stationären Handel wird. Reutlingens Rathaus-Chef machte sich im Zusammenhang mit dem Internethandel stark für ein Ende der »Rücksendungsorgien«. Keck dazu: »Dabei gibt es Kunden, die sich 30 Paar Schuhe liefern lassen und 28 davon wieder zurückschicken. Das ist doch nicht nachhaltig.« Das müsse der Staat ganz klar unterbinden. Dafür erntete er bei den anderen in der Runde Zuspruch.
»Wenn etwas zu Ende geht, besteht die Chance eines Neuanfangs«
Danach ging es um städtische Initiativen, um die zunehmenden Leerstände von Geschäften in den Innenstädten zu bekämpfen. In einem weiteren Filmbeitrag wurde das Vorgehen der Stadtverwaltung von Nagold hervorgehoben, die mit sogenannten Pop-Up-Geschäften und einer City-Managerin den Leerständen begegnet. Darauf antwortete OB Keck: »Wir haben in Reutlingen auch Pop-Up-Läden. Das kann positiv wirken, wenn es etwas von Dauer bleibt.« Er verwies zudem auf das Reutlinger Citymanagement, das »hervorragend« sei.
Was ist ein Pop-Up-Geschäft?
Pop-Up-Geschäfte oder neudeutsch Pop-Up-Stores sind kurzfristig und provisorisch eingerichtete Einzelhandelsgeschäfte, die in leerstehenden Geschäftsräumen eingerichtet werden. Das Angebot ähnelt dabei oft einer Boutique oder einem Lagerverkauf.
Ein weiteres Thema im Studio war die Rolle des Autoverkehrs in den Innenstädten. Moderator Florian Weber nannte Zahlen, wonach etwa 60 Prozent der Kunden mit dem Auto in die baden-württembergischen Städte kämen und dies auch weiterhin so handhaben wollten. Ingo Hänel kritisierte, dass Stadtverwaltungen auf dieses Kundenverhalten nicht genügend eingingen. Es werde immer noch an der Idee der autofreien Innenstädte festgehalten. Dem widersprach Thomas Keck. »Ich bin nicht für die autofreie Innenstadt. Wir sind eine automobile Gesellschaft und werden das auch bleiben.«
So müssten Menschen die Innenstadt mit dem Auto erreichen können. Das gelte speziell für die Anwohner in der Reutlinger Altstadt. Die müssten ihre Sprudelkisten und Milchkartons bis vor ihr Wohnhaus transportieren können. »Die Mischung macht es. Wir brauchen Busverkehr, wir bauen bald die Regionalstadtbahn und wir bauen den Radverkehr immer weiter aus«, so Keck.
»Ich spüre auch so etwas wie eine Aufbruchsstimmung«
Er betonte außerdem mehrfach, dass die Lage in den Innenstädten auch Chancen böten: »Wenn etwas zu Ende geht, besteht die Chance eines Neuanfangs. Ich spüre auch so etwas wie eine Aufbruchsstimmung und wir sorgen für die Vitamine.« Mit »wir« meinte Keck natürlich die Stadtverwaltung Reutlingen. (GEA)