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Aktuell Rückblick

Vom schiefen zum gläsernen Haus von Reutlingen

Der Weg zur Rettung der historischen Häuserzeile in der Reutlinger Oberamteistraße war lang und steinig. Erinnerungen an Meilensteine.

Mit Balken müssen die historischen schiefen Häuser 2014 gestützt werden.
Mit Balken müssen die historischen schiefen Häuser 2014 gestützt werden. Foto: Gerlinde Trinkhaus
Mit Balken müssen die historischen schiefen Häuser 2014 gestützt werden.
Foto: Gerlinde Trinkhaus

REUTLINGEN. Die Häuserzeile in der Oberamteistraße ist eine der ältesten zusammenhängenden Fachwerkhäuserzeilen Deutschlands, unter anderem hat sie den verheerenden Stadtbrand des Jahres 1726 überstanden. Der Weg zum »gläsernen Haus« war lang und gelegentlich auch steinig bis widersprüchlich. Hier einige Meilensteine.

1972 wird das so genannte »Steinerne Haus«, das Gebäude Nummer 34, abgerissen. Es sei baufällig, nicht mehr zu retten, heisst es damals von Seiten der Stadtverwaltung. Die Häuser mit den Nummern 32 und 30 geraten im Laufe der Jahre in immer bedrohlichere Schieflage. Denkmalschützer warnen.

2006 beschließt der Gemeinderat, 190.000 Euro in die Sicherung und Erhaltung der historischen Gebäude in der Oberamteistraße 30 bis 32 zu stecken.

Die CDU-Fraktion drängt im Frühjahr 2012 mit einer Anfrage auf Erledigung ihres mehr als fünf Jahre alten Antrags zum Doppelhaushalt 2007/2008, die historische Häuserzeile in der Oberamteistraße an die GWG zu veräußern mit der Maßgabe, diese zu sanieren. Im Sommer 2012 legt die Stadtverwaltung eine Machbarkeitsstudie zu Sanierung und Erhalt der Gebäude vor. Demnach ist es mit einer Abstützungen im Inneren der Häuser nicht getan.

Dadurch würde auch die historische Konstruktion zu stark »gestört«. Bleibt also eine Abstützung von außen, ein Ersatz für das abgebrochene »Steinhaus«. Denkbar wäre aber auch ein Neubau an dieser Stelle. Der Vorschlag von Oberbürgermeisterin Barbara Bosch, die windschiefen Gebäude nebst dem als Parkplatz genutzten Eckgrundstück Oberamteistraße 34 mangels eigener Sanierungsmittel an einen Investor zu verkaufen, löst 2014 eine öffentliche Debatte aus, in deren Verlauf CDU und SPD den Verkauf an die städtische Wohnungsgesellschaft GWG propagierten.

Nachdem die Entscheidung über den Verkauf der dringend sanierungsbedürftigen historischen Häuserzeile Oberamteistraße 28 bis 32 an einen Investor vom Gemeinderat vertagt und das Thema an die zuständigen Ausschüsse zurückverwiesen wurde, rührte FDP-Stadtrat Hagen Kluck gemeinsam mit seinen Fraktionskollegen Dr. Carl-Gustav Kalbfell und Regine Vohrer 2015 mächtig die Werbetrommel für die Gründung eines Fördervereins für die Reutlinger Altstadt.

Ende 2016 hat sich in puncto Oberamteistraße 28 bis 32 ein Graben im Reutlinger Gemeinderat aufgetan. Während sich Sozialdemokraten, Liberale, Linke und Freie Wähler dagegen aussprechen, der GWG-Wohnungsgesellschaft die Sanierung des aus dem 14. Jahrhundert stammenden Gebäude-Ensembles zu überlassen, wollen CDU, Grüne und WiR das genaue Gegenteil: Sie wünschen ausdrücklich die Einbindung der GWG – und zwar nicht zuletzt aus finanziellen Gründen. Seit September 2017 läuft unter der Regie der Stadtverwaltung ein Realisierungswettbewerb für Architekten zur Gestaltung der Sanierung. Siegreich ist der Entwurf des Stuttgarter Büro Wulf Architekten. Es enthält als Neubau eine Fachwerkkonstruktion aus Hartholz.

Eine Hülle aus gussgläsernen Biberschwanzziegeln soll dem unbeheizten Gebäude »etwas Schemenhaftes« geben, gleichwohl exakt den Konturen des »Steinernen Hauses« an derselben Stelle entsprechen.

Im Juni 2018 fasst der Gemeinderat den Grundsatzbeschluss zur Sanierung der historischen Häuserzeile in der Oberamteistraße nebst stützendem »gläsernen« Neubau. Ende November 2023 wird mit Hammer und Meißel der Start der Arbeiten für den Neubau gefeiert. Für das »gläserne Haus« hat der Bund Fördermittel von 3,3 Millionen Euro bewilligt. Rund ein Jahr später freuen sich alle Beteiligten 2024 über das Richtfest.

Das Projekt Oberamteistraße, in diesem Fall die Sanierung der Altbauten, entpuppt sich schließlich 2025 sechs Millionen Euro teurer als ursprünglich geplant. Die Mehrheit des Gemeinderats stimmte trotz der knappen Finanzlage zu - sie sieht keine Alternative. (GEA)