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Weihbischof Thomas Maria Renz spricht in Pfullingen über die Missbrauchsfälle

Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal, eine bedürfnisgerechte Seelsorge und die Bewahrung der Schöpfung waren Schwerpunkte des Gesprächs mit Weihbischof Thomas Maria Renz.

Die Silhouetten zweier Männer vor dem Petersdom in Rom. Im Vatikan treffen sich bis Sonntag die Spitzen der Bischofskonferenzen
Die Silhouetten zweier Männer vor dem Petersdom in Rom. Im Vatikan treffen sich bis Sonntag die Spitzen der Bischofskonferenzen aus aller Welt, um über Folgen der Missbrauchsfälle zu beraten. Diese waren auch Thema bei der Dekanatskonferenz in Pfullingen. FOTO: DPA
Die Silhouetten zweier Männer vor dem Petersdom in Rom. Im Vatikan treffen sich bis Sonntag die Spitzen der Bischofskonferenzen aus aller Welt, um über Folgen der Missbrauchsfälle zu beraten. Diese waren auch Thema bei der Dekanatskonferenz in Pfullingen. FOTO: DPA

PFULLINGEN.  Der frühere Pfarrer von Oberstetten war vor Kurzem zu Gast bei der Dekanatskonferenz der Priester und pastoralen Mitarbeiter in Pfullingen.

Für Dekan Hermann Friedl war dies eine gute Gelegenheit des offenen Austausches mit der Diözesanleitung, heißt es in einer Mitteilung des Dekanats Reutlingen-Zwiefalten.

»Wie geht es Ihnen derzeit als Mensch?« – diese von Dekan Friedl bewusst an den Weihbischof persönlich gestellte Frage markierte den ungezwungenen und offenen Rahmen der gut 90-minütigen Austauschrunde.

Auch er leide unter der momentanen Situation, erklärte Renz, wie alle, die sich für den Dienst in der Kirche entschieden haben. Das Ausmaß des Missbrauchsskandals und die benannten Ursachen zeigten deutlich, wie groß die Kluft zwischen Lehre und Leben in der Kirche sei und wie weit sich die Kirche von den Menschen entfernt habe. Sie gebe »Antworten, die keiner hören will, auf Fragen, die niemand gestellt hat«, so der Weihbischof. Zunehmend rücke auch die Frage des »geistlichen« Missbrauchs in den Fokus, meinte Renz in Anspielung auf die Veröffentlichung von Doris Wagner über ihre Erfahrungen als Nonne.

Weihbischof Thomas Maria Renz war jetzt zu Gast bei der Dekanatskonferenz. FOTO: PRIVAT
Weihbischof Thomas Maria Renz war jetzt zu Gast bei der Dekanatskonferenz. FOTO: PRIVAT
Weihbischof Thomas Maria Renz war jetzt zu Gast bei der Dekanatskonferenz. FOTO: PRIVAT

Trotz der erschütternden Zahlen sei ein Generalverdacht gegenüber ganzen Berufsgruppen aber unangebracht. Freilich sei für ihn eine »wahrhaftige« Aufarbeitung des Missbrauchsskandals unabdingbar. Dies schließe auch die kritische Überprüfung der kirchlichen Strukturen und des Klerikalismus ein: »Die Kirche wird sich ändern müssen«, lautete das Fazit des Weihbischofs.

Auch wenn ihm manchmal »zum Davonlaufen« sei – Hoffnung schöpft der frühere Pfarrer aus der Tatsache, dass die Kirche am Ort mit ihrer Botschaft bei den Menschen ankomme. Ihr soziales und kulturelles Engagement, ihre Kompetenz in Bildungs- und Jugendarbeit werde nach wie vor hochgeschätzt.

Es gelte mehr denn je, sich weniger an Einzelfragen als vielmehr an der Botschaft Jesu zu orientieren, auch wenn dabei das Spannungsfeld zwischen »Reformer« und »Bewahrer«, das auch in der Bischofskonferenz immer wieder zutage trete. Renz fordert, mit Entwicklungen in der Kirche und ihrer Seelsorge über Absichtserklärungen hinaus Ernst zu machen: In der gegenwärtigen Phase der pastoralen Entwicklung brauche es Raum für Experimente mit freien Gestaltungsmöglichkeiten. Dabei müsse auch Platz für ein mögliches Scheitern sein, betonte Renz.

Schöpfung bewahren

Begonnen hatte der Besuch des Weihbischofs mit einer Andacht in der Pfullinger Kirche St. Wolfgang. Im Mittelpunkt stand ein weiteres Anliegen von Renz: die Bewahrung der Schöpfung. Der heiße Sommer im vergangenen Jahr habe den Klimawandel konkret erfahrbar gemacht. Es sei höchste Zeit umzusteuern, vor allem auch aus dem christlichen Verständnis, dass der Mensch einen Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung habe.

Das bayerische Volksbegehren zum Erhalt der Artenvielfalt zeige, dass dieses Bewusstsein in der Bevölkerung durchaus vorhanden sei. Völlig unverständlich für den Weihbischof sind Äußerungen führender Politiker, die den Klimawandel negierten. »Wem der gesunde Menschenverstand fehlt, dem hilft auch keine künstliche Intelligenz«, stellte Renz fest.

Für seinen Besuch und die offene Gesprächsrunde dankte ihm Dekan Hermann Friedl. Wichtig sei die Erkenntnis: »Wir – vor Ort – sind Kirche und dazu aufgerufen, den Auftrag und die Botschaft Jesu menschennah umzusetzen.« (fm)