PFULLINGEN. Die Pfullinger können Fasnet – so viel ist sicher. Den ganzen Sonntag über wurde gefeiert. Los ging’s in der Früh mit der Narrenmesse, der Höhepunkt war jedoch wie immer der Umzug durch die Innenstadt: Gestartet wurde in der Sandstraße und wie ein riesiger Lindwurm zogen die 73 Narrenzünfte aus nah und fern mit den rund 3.800 Hästräger durch die Innenstadt am Marktplatz vorbei bis zur Kirchstraße.
Trotz Temperaturen um die null Grad ließen sich die Tausenden Umzugsbesucher an den Straßen den Spaß nicht nehmen. Vor allem die Jüngsten hatten die größte Freude, denn Tausende Bonbole oder Gummibären verteilten die Hästräger und konnte so in die Tasche oder gleich in den Mund gesteckt werden. Dank der Moderatorenteams am Marktplatz, in der Großen Heerstraße und am Hallenbad fehlte es nicht an Anfeuerung und Information zu jeder vorbeiziehenden Narrenzunft. Und immer wieder lautete der Aufruf: »Hend aus de Tascha ond klatscha no wird’s euch warm.«
»Hend aus de Tascha ond klatscha, no wird’s euch warm«
Vorneweg, wie könnte es anders sein, die Gastgeber: Unter »Uschl-du Hex-Rufen« startete der Hexennachwuchs gleich mit einer Kinder-Pyramide. Die Uschlaberghexen, die sich auf die alte Berghexe Urschel berufen und ihr Häs auf der Grundlage der alten Sage geschaffen haben, blicken auf über 25 Jahre Vereinsgeschichte zurück. Direkt hinter ihnen liefen die Neckartailfinger Neckarbätscher, die regelmäßig in Pfullingen dabei sind.
Furchteinflößend anzusehen »Mottles Heer«, das wilde Heer, das einst die Heergasse zur Weihnachtszeit herunterkam und Angst und Schrecken verbreitete: »Wenn ned brav bischd hold de Mottles Heer« wurde den Kindern gedroht. Zur Gattung Kinderschreckfigur zählten auch die Pfullinger Nachtkrappen – ganz in Schwarz gekleidet. Für Stimmung zwischendurch sorgten die Los Mexicanos aus Bühl oder der Musikverein Deißlingen, der noch eine riesige Zahl Narren im Schlepptau hatte – insgesamt waren 250 Narren vom Oberlauf des Neckars gekommen. Seit über 100 Jahren existiert die dortige Narrenzunft und der Schlachtruf »Hage-Muh« geht auf die sogenannten Hageverwürger zurück.
Als einst der Bulle Hagen im Farren-stall mit einem Seil buchstäblich erwürgt wurde. Eine weite Anreise hatten auch die Hörnlebuben aus Lenzkirch im Hochschwarzwald. Aus Singen dabei waren die Hohentwielhansele und aus Villingen waren die Fazenedle-Guggenmusiker an-gereist.
Zur ausgelassenen Stimmung und musikalischen Bereicherung trugen die Lombakapell aus Großengstingen genauso bei wie die Narrenkapelle »D’Achalmer«. Sie hatten die Eninger Häbleswetzer mit in Schlepptau: In angeheitertem Zustand sieht der Ango, ein alter Eninger Wengerter, über seine Weinberge hinweg. Er kommt ins Träumen, und plötzlich beginnen die Weinreben sich zu bewegen und nehmen menschliche Gestalt an. Daraus entstand die Weinreben-Figur »Häbles-Wetzer«, erfahren die Zuschauer an der Strecke.
An Hexen ist bei der Fasnet nun wirklich kein Mangel: Ob die Hexa Deifl aus Gächingen, die Göckeleshexa aus Pfullingen, die Burgstoihexa vom Lichtenstein, die Hungerberghexen aus Münsingen, die Krumhexen aus Bronnweiler, die Betzinger Kräuterhexa oder die Brandweinhexen aus Kohlstetten.
»Mir send an der frische Luft gwä und hend schöne Häs gseha«
Die Hexe ist eine alte, mythologische Figur, die böse Wintergeister vertreiben soll, aber auch, weil die Rolle der Hexe mehr Freiheit für wilderes Verhalten bietet, was sie attraktiv für die Zünfte macht. Anfang des 20. Jahrhunderts grenzte sich die schwäbisch-alemannische Fastnacht bewusst vom rheinischen Karneval ab und besann sich auf eigene, alte Bräuche, wobei die Hexe eine zentrale Rolle spielte.
Fast komödiantischen Charakter hat, wie die Unterhausener Krautscheißer zu ihrem Namen kamen. Als im Dreißigjährigen Krieg es nichts mehr zu essen gab, holten einige Unterhäusener das Kraut aus dem Pfarrgarten. Doch nicht nur das, einer setzte noch eine Hinterlassenschaft ab, was die Bewohner zu Krautscheißern machte und die Zunft zu ihrem Namen brachte. Derart gut versorgt mit Zunftnachrichten an der Strecke, verging für alle trotz Kälte der Umzug wie im Flug oder wie sagte ein Zuschauer: »Mir send an der frische Luft gwä und hend schöne Häs gseha.« (GEA)



