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Aktuell Psychologie

Landkreis Tübingen: Immer mehr Kinder leiden an psychischer Erkrankung

Die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen bereitet einer AOK-Präventionsexpertin Sorgen.

Die ersten Anzeichen einer psychischen Störung oder Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen sind oft unspezifisch. Foto: Tanya Yatsenko/dpa
Die ersten Anzeichen einer psychischen Störung oder Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen sind oft unspezifisch.
Foto: Tanya Yatsenko/dpa

TÜBINGEN. Bis zu 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland leiden laut dem Deutschem Zentrum für Psychische Gesundheit an einer psychischen Störung. »Etwa jedes fünfte Kind gibt psychosomatische Beschwerden an – also Beschwerden, die sowohl psychische als auch physische Ursachen haben.« Diese Zahlen findet Sandra Goal, AOK-Präventionsexpertin, alarmierend. Besonders auffällig sind laut Expertin die Unterschiede nach Geschlecht, Alter und sozialer Herkunft: »Jungen sind bis zur Pubertät stärker gefährdet, danach sind Mädchen häufiger betroffen. Kinder aus sozioökonomisch schwächeren Familien erkranken zudem häufiger.«

Nach einer aktuellen Auswertung wurden im Jahr 2024 in Baden-Württemberg insgesamt 165.046 Kinder und Jugendliche im Alter bis 19 Jahre wegen einer psychischen Erkrankung ärztlich behandelt. Das macht 17,62 Prozent aller AOK BW-Versicherten in dieser Altersgruppe aus. Zu den psychischen Erkrankungen zählen Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsstörungen, Essstörungen, affektive Störungen wie Depression, aber auch Störungen durch Alkohol und andere Drogen.

Viele Betroffene im Landkreis Tübingen

Im Landkreis Tübingen wurde zuletzt bei 2.839 Kindern und Jugendlichen eine psychische Erkrankung diagnostiziert. Dabei handelt es sich vor allem um Verhaltensstörungen (1.457), aber auch Fälle von Depression (240), Angststörungen (170) oder Essstörungen (53). Insgesamt stieg die Krankheitshäufigkeit in den letzten Jahren um knapp fünf Prozent jährlich. Die Verschärfung dieses Negativtrends führt die AOK-Expertin auf mehrere Aspekte zurück: »Die Covid-19-Pandemie hat tiefe Spuren hinterlassen, mit anhaltenden Belastungen auch Jahre danach. Wir erleben eine Zunahme globaler Krisen, die auch auf Kinder und Jugendliche massiv einwirken: Kriege, wirtschaftliche Unsicherheiten, die Klimakrise«, erläutert Sandra Goal. Hinzu kämen die Digitalisierung mit ihrem hohen Medienkonsum und die damit verbundenen Zukunftsängste vieler junger Menschen.

Dabei sieht die Präventionsexpertin Eltern und Lehrkräfte beziehungsweise Schulen gleichermaßen in der Pflicht, um den »fundamentalen Schutzfaktor Beziehungen« zu stärken. Kinder bräuchten im familiären, aber auch im schulischen Umfeld stabile Bezugspersonen.

Die ersten Anzeichen einer psychischen Störung oder Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen sind oft unspezifisch: Schlafstörungen, innere Unruhe, körperliche Beschwerden wie Bauch-, Kopf- und Rückenschmerzen. Auch eine Verschlechterung der Konzentration und damit der schulischen Leistungen ist häufig zu beobachten. Das Schlüsselwort ist Veränderung. Wenn ein Kind plötzlich nicht mehr so ist wie sonst, wenn Freude, Lachen und Spaß verloren gehen, wenn sich ein Kind sozial zurückzieht oder sein Essverhalten ändert, ist Aufmerksamkeit geboten. Dann sollten Erwachsene genau hinschauen und das Gespräch mit dem Kind suchen. (pm)