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Soziale Netzwerke in der Corona-Zeit: Gleichzeitig Fluch und Segen

Mittels sozialer Medien halten viele gerade Kontakt zu ihren Liebsten. Doch es boomt in diesen Zeiten auch der Online-Pranger.

Miteinander, ohne wirklich zusammen zu sein, das schaffen gerade soziale Medien. Hier gibt der Sänger Marc Marhall für seine Fans ein Konzert, das bei Facebook übertragen wird. Doch die sozialen Medien haben auch in diesen Zeiten ihre Tücken. Foto: dpa
Miteinander, ohne wirklich zusammen zu sein, das schaffen gerade soziale Medien. Hier gibt der Sänger Marc Marhall für seine Fans ein Konzert, das bei Facebook übertragen wird. Doch die sozialen Medien haben auch in diesen Zeiten ihre Tücken.
Foto: dpa

REUTLINGEN/STUTTGART. Ein Video-Telefonat über Whats-App mit der ganzen Familie. Meetings im Homeoffice über Skype und Abends dann ein Live-Konzert vom Lieblingssänger über Instagram. Ohne die sozialen Medien wäre diese Corona-Zeit wohl viel schwerer zu ertragen. Sie helfen persönlichen Kontakt zu halten und geben soziale Wärme, wo Nähe gerade nicht sein darf.

»Soziale Medien sind zurzeit populärer als andere Formate. Sie ermöglichen Formen des Austauschs, die andere Formate eben nicht leisten können«, sagt Professor Swaran Sandhu von der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart. Besonders sei, dass es in den  sozialen Medien eben eine hohe Spezialisierung gebe. »Da findet der Comic-Fan, der gerade zu Hause sitzt, genauso Angebote, wie der Kunstsammler«, sagt Sandhu.

Jede Plattform hat dabei auch in der Coronakrise ihren eigenen Schwerpunkt. »Instagram setzt  auf Selbstinszenierung und Ästhetik«, sagt Sandhu.  »Jetzt posten die Influencer eben nicht mehr ihr Essen aus einem  Restaurant, sondern von daheim.« So ermöglichten sie  ihren Fans  einen Einblick in das normale Leben. »Da sieht man dann auch mal, wenn ein Essen nicht so gelungen ist«, sagt Sandhu.

Auf Facebook hingegen finden sich viele Aufrufe für gemeinsame Aktionen während der Coronakrise. Es werden Nachrichten zum Thema geteilt oder Diskussionen geführt – gern auch in großen Gruppen oder auf Nachrichtenseiten.

Auch auf der GEA-Facebookseite finden sich Beispiele dafür, wie Corona den Umgang der Menschen miteinander im Netz verändert. Es boomt auf der einen Seite der Online-Pranger. Screenshot: Facebook
Auch auf der GEA-Facebookseite finden sich Beispiele dafür, wie Corona den Umgang der Menschen miteinander im Netz verändert. Es boomt auf der einen Seite der Online-Pranger. Screenshot: Facebook

Hin und wieder werden die Postings  aber auch  zum öffentlichen Pranger. So finden sich zahlreiche Bilder auf Facebook, auf denen sich Nutzer über vermeintliche Menschenansammlungen in der Öffentlichkeit beschweren – auch wenn nur wenige Personen auf den Bildern zu sehen sind. Unter Postings oder Nachrichtenmeldungen kann die Diskussion dann schon einmal aus dem Ruder laufen. Das zeigt sich auch unter einem Beitrag auf der Facebookseite des Reutlinger General-Anzeigers, in dem über eine Corona-Party in Gomaringen berichtet wird. Darunter Kommentare wie: »Falls ihr Egoisten euch hier befindet und DAS lest: SCHÄMT EUCH!«  Ein anderer Nutzer fordert die Einführung eines öffentlichen Prangers, wiederum andere eine Verurteilung und Gefängnis ohne Strafverfahren.

Normal in solchen Zeiten? »Wir haben gerade eine emotionale Ausnahmesituation«, sagt Kommunikationswissenschaftler Sandhu. Bei aus dem Ruder laufenden Diskussionen  im Internet fehle das soziale Regulativ: »In der realen Welt würden wir das einem anderen Menschen so nie  ins Gesicht sagen«, meint Sandhu. Die öffentliche Anprangerung sei aber  auch eine Form der Stressbewältigung. »Die Menschen rückversichern sich  damit selbst, nach dem Motto: Ihr macht es falsch, ich mache es richtig«, so Sandhu. Besser als Anprangern sei, das in Posts zu loben, was gut laufe: »Nicht sich darüber aufregen, dass es kein Klopapier mehr gibt und ein leeres Regal posten. Besser ist,   den Kassierern in einem Post zu danken, dass sie einen guten Job machen.« Auch das passiert – und so finden sich neben Pranger-Postings  unzählige Mut machende Nachrichten online. »Soziale Medien wirken wie ein Brennglas: Sie verstärken das Gute und auch das Schlechte«, sagt Sandhu.

Es boomt aber auch: eine Welle der Solidarität. Hier ein Screenshot von Kommentaren unter einem Video über einen Trucker - einer der »Helden der Krise«. Screenshot: Facebook.
Es boomt aber auch: eine Welle der Solidarität. Hier ein Screenshot von Kommentaren unter einem Video über einen Trucker - einer der »Helden der Krise«. Screenshot: Facebook.

Ob und wie die Coronakrise unsere Nutzung der digitalen Plattformen verändern wird, kann der Forscher noch nicht sagen, jedoch:  »Man sieht: Digitalisierung geht dann doch.« Der Kommunikationswissenschaftler  beobachtet, dass zurzeit vieles  in Schwung kommt, was vorher  skeptisch gesehen wurde, wie Homeoffice oder digitale Lernangebote. Eine positive Konsequenz daraus:  autofreie Innenstädte und weniger Staus. »Wir müssen uns aber auch fragen, was wir dadurch verlieren.« Zum einen hofft er, dass die Menschen nach der Coronakrise Begegnungen im echten Leben wieder mehr wertschätzen. Zum anderen gibt er auch zu bedenken, dass viele der Plattformen, mit denen wir heute Kontakt zu unseren Liebsten halten, von kommerziellen Interessen getrieben sind. »Facebook, Instagram und Whats-App gehören  zu einem großen, US-amerikanischen Konzern«, gibt er zu bedenken. Was als unverzichtbare Infrastruktur erlebt werde, sei eben nicht gemeinnützig, sondern man bezahle mit seinen Daten. Darüber müssten sich Nutzer, aber vor allem  die Politik dringend Gedanken machen.

Wer in der aktuellen Situation  seine Daten nicht den großen US-Firmen geben will, habe aber Alternativen, sagt Sandhu. Es gebe zum Beispiel zahlreiche Messengerdienste, deren Daten-Sicherheit besser sei als die bei Whats-App. »Und dann gibt es auch noch  Telefon und E-Mail.« (GEA)