Logo
Aktuell Zivilcourage

Wenn Passanten zu Rettern werden: Sieben Beispiele aus der Region

Zivilcourage zu zeigen, ist nicht immer leicht. Dass es sich trotzdem immer lohnt, sich einzumischen, wenn jemand in Not ist, zeigen diese Beispiele für Zivilcourage aus Reutlingen und der Region.

Die »Aktion-Tu-Was« ist  eine Initiative der Polizei für mehr Zivilcourage.
Die »Aktion-Tu-Was« ist eine Initiative der Polizei für mehr Zivilcourage. Foto: Privat
Die »Aktion-Tu-Was« ist eine Initiative der Polizei für mehr Zivilcourage.
Foto: Privat

REUTLINGEN. Jeder kann Opfer eines Unfalls, eines medizinischen Notfalls oder einer Straftat werden. Und jeder ist dann sicher froh, wenn jemand zu Hilfe kommt. »Wir brauchen Zivilcourage«, betont nicht nur Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier immer wieder. Die Gesellschaft brauche starke Persönlichkeiten. Menschen, die sich einmischen, die Hilfe organisieren. Diese modernen Helden gibt es in der Region Neckar-Alb, wie sieben Paradebeispiele für Zivilcourage zeigen.

Reutlinger Bauarbeiter verhindern Entführung eines Kindes

Der Reutlinger Zeki Yasik (rechts) rettete einen zehnjährigen Jungen aus dem Auto eines mutmaßlichen Kindesentführers. Dragan (l
Der Reutlinger Zeki Yasik (rechts) rettete einen zehnjährigen Jungen aus dem Auto eines mutmaßlichen Kindesentführers. Dragan (links) und Dusko Vukobrat halfen ihrem Kollegen, die Kindesentführung in Böblingen zu verhindern. Auch sie arbeiten für die Reutlinger Baufimra ErBe. Foto: Privat
Der Reutlinger Zeki Yasik (rechts) rettete einen zehnjährigen Jungen aus dem Auto eines mutmaßlichen Kindesentführers. Dragan (links) und Dusko Vukobrat halfen ihrem Kollegen, die Kindesentführung in Böblingen zu verhindern. Auch sie arbeiten für die Reutlinger Baufimra ErBe.
Foto: Privat

Ende Oktober 2023 wollte ein Mann einen zehnjährigen Jungen in Böblingen am helllichten Tag entführen. Drei Bauarbeiter aus Reutlingen, die dort gerade auf einer Baustelle waren, retteten das Kind. Zeki Yasik hörte das Kind schreien und zog den Jungen aus einem Kleinbus. Sein Kollege Dragan Vukobrat hat das mitbekommen und sofort die Polizei alarmiert. Die Beamten waren schnell vor Ort und nahmen den Mann fest. »Ich würde es jederzeit wieder so machen und so sollten es alle machen«, sagt Dragan Vukobrat. Für ihren mutigen Einsatz sollen die Bauarbeiter jetzt das Bundesverdienstkreuz erhalten. Das wollen parteiübergreifend die Böblinger Bundestagsabgeordneten Tobias Bacherle (Grüne), Marc Biadacz (CDU), Jasmina Hostert (SPD) und Florian Toncar (FDP) erreichen.

Pflegebedürftigen Senior in Grabenstetten gerettet und Dreijährigen aus der Erms gezogen

Ausgezeichnete Lebensretter: Nadine Sprenger und Josef Graz.
Ausgezeichnete Lebensretter: Nadine Sprenger und Josef Graz. Foto: Kirsten Oechsner
Ausgezeichnete Lebensretter: Nadine Sprenger und Josef Graz.
Foto: Kirsten Oechsner

Zwei Ermstäler haben umsichtig, aber schnell reagiert und damit jeweils ein Leben gerettet. Nadine Sprenger hat am 13. Oktober 2022 in Grabenstetten in der Nacht Hilferufe aus dem in Flammen stehenden Nachbarhaus gehört. Sie alarmierte sofort die Feuerwehr und hievte dann ihren 72-jährigen, pflegebedürftigen und damit hilflosen Nachbar durch die Terrassentür in Sicherheit. »Es ist wichtig, dass man füreinander und miteinander lebt«, sagte sie bescheiden. Der Metzinger Josef Graz hat im Juni 2022 einen dreijährigen Jungen aus der Erms gezogen. Von einer Brücke aus sah er das Kind, kletterte die steile Böschung herunter und holte den Jungen aus dem Wasser. »Ich habe ganz normal reagiert und nicht lange überlegt«, sagte der Senior. Beide Lebensretter wurden für ihre Zivilcourage vom Fördervereins Kriminal- und Verkehrsprävention im Landkreis Reutlingen ausgezeichnet.

Münsinger rettet bewusstlose 86-Jährige aus der Erms

Für seine Rettungsaktion wurde Klaus Schweikardt aus Münsingen von Bad Urachs Bürgermeister Elmar Rebmann geehrt.
Für seine Rettungsaktion wurde Klaus Schweikardt aus Münsingen von Bad Urachs Bürgermeister Elmar Rebmann geehrt. Foto: Andreas Fink
Für seine Rettungsaktion wurde Klaus Schweikardt aus Münsingen von Bad Urachs Bürgermeister Elmar Rebmann geehrt.
Foto: Andreas Fink

Ohne die Hilfe von Klaus Schweikardt aus Münsingen wäre eine 86-Jährige wohl ertrunken. Am 28. Oktober 2022 war die Bewohnerin des Seniorenzentrums Herzog Christoph in Bad Urach offensichtlich in die Erms gefallen und blieb bewusstlos im flachen Wasser liegen. Schweikardt, der damals in der Nähe arbeitete, fiel ein verwaister Rollator auf, lief zur Erms und entdeckte die Frau. Ohne zu zögern, sprang er ins Wasser und barg die Seniorin, die zu dieser Zeit schon eine Dreiviertelstunde in der Erms gelegen hatte. Für die Frau bestand akute Lebensgefahr, wie ein Notarzt festgestellt hatte. »Sie sind ein Vorbild für uns alle«, sagte Bad Urachs Bürgermeister bei einer Ehrung für Klaus Schweikardt. »Und Sie sind der Beweis dafür, dass es immer noch Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die hinschauen, statt wegzuschauen.«

Fußballer von Anadolu Reutlingen überwältigen bewaffneten Täter

Hüseyin Irdem (rechts), Spielertrainer von Anadolu Reutlingen II, hat als Erster die Verfolgung eines mit einer Säge bewaffneten
Hüseyin Irdem (rechts), Spielertrainer von Anadolu Reutlingen II, hat als Erster die Verfolgung eines mit einer Säge bewaffneten Angreifers aufgenommen. Foto: JoBaur
Hüseyin Irdem (rechts), Spielertrainer von Anadolu Reutlingen II, hat als Erster die Verfolgung eines mit einer Säge bewaffneten Angreifers aufgenommen.
Foto: JoBaur

Sein Leben für andere riskiert hat Hüseyin Irdem. Der Spielertrainer von Anadolu Reutlingen II hat nach einem Fußballspiel seines Teams im September 2022 als Erster die Verfolgung eines mit einer Säge bewaffneten Angreifers aufgenommen. Ein 17-Jähriger wollte am Dietweg-Sportgelände ein Pärchen ausrauben. Um die beiden, aber auch die Zuschauer zu schützen, zögerte Irdem »keine Sekunde«. Auf der Verfolgungsjagd warf der Angreifer die Säge ins Gebüsch. Er selbst hat den Täter zwar nicht mehr eingeholt, aber dafür seine herbeigeeilten Teamkollegen, die den Angreifer überwältigten und festhielten, bis die Polizei eintraf. Auch wenn Irdem nun weiß, dass auch eine gehörige Portion Glück im Spiel war, sagt er: »Ich würde es jederzeit wieder so machen.«

Mössinger belebt Mann erfolgreich wieder

Tobias Weimar rettete einem Mössinger durch sein beherztes Eingreifen das Leben.
Tobias Weimar rettete einem Mössinger durch sein beherztes Eingreifen das Leben. Foto: Maximilian Ott
Tobias Weimar rettete einem Mössinger durch sein beherztes Eingreifen das Leben.
Foto: Maximilian Ott

Weil Tobias Weimar zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und das Richtige getan hat, hat er einem Mann in Mössingen das Leben gerettet. Dass im August 2021 im »Mühlengärtle« an der Steinlach etwas nicht stimmte, war dem damals 40-Jährigen direkt klar, als er auf eine Gruppe aufgeregter älterer Frauen und Männer traf. Ihr Boule-Freund lag regungs- und bewusstlos auf dem Boden. Er atmete nicht mehr, sein Herz schlug nicht. Weimar setzte sofort einen Notruf ab und begann mit der Reanimation. Nach kurzer Zeit kam der Mann wieder zu sich. »Ich habe keinen medizinischen Hintergrund, nur einen Erste-Hilfe-Kurs, den ich mal vor zwanzig Jahren absolviert habe. Das war alles rein instinktiv«, erzählt Weimar. Für sein beherztes Eingreifen wurde Tobias Weimar beim Mössinger Bürgerempfang geehrt.

Uracher Reserveoffizier befreit Mann aus sinkendem Auto

»Handeln war das Gebot der Stunde«, sagt Oberstleutnant der Reserve Winfried Schupp (links, neben Bürgermeister Elmar Rebmann),
»Handeln war das Gebot der Stunde«, sagt Oberstleutnant der Reserve Winfried Schupp (links, neben Bürgermeister Elmar Rebmann), der in der Oberpfalz einen Mann vor dem Ertrinken gerettet hat. Foto: Andreas Fink
»Handeln war das Gebot der Stunde«, sagt Oberstleutnant der Reserve Winfried Schupp (links, neben Bürgermeister Elmar Rebmann), der in der Oberpfalz einen Mann vor dem Ertrinken gerettet hat.
Foto: Andreas Fink

Winfried Schupp hat einen Mann vor dem Ertrinken gerettet. Der Uracher leitete als Oberstleutnant der Reserve im Mai 2019 eine Wehrübung in der Oberpfalz. Auf dem Weg zum Abendessen sah er, wie vor ihm ein Auto von der Straße abkam und in die Naab fuhr. Ohne zu zögern, sprang er hinterher in das kalte Wasser und zog mithilfe von zwei weiteren Helfern das Auto mit der Strömung ans Ufer des Flusses. Eine junge Frau half mit, das Unfallauto festzuhalten. Mit vereinter Kraft schafften es die Helfer, die Tür zu öffnen und den Mann aus dem Auto zu ziehen. »Handeln war das Gebot der Stunde«, sagte Schupp bei einer Ehrung in Bad Urach.

Lebensretter und mutig gegen Kriminellen: Moderne Helden von der Alb

Ehrung für Zivilcourage durch den Förderverein Kriminal- und Verkehrsprävention im Landkreis Reutlingen. Von links: Landrat Thom
Ehrung für Zivilcourage durch den Förderverein Kriminal- und Verkehrsprävention im Landkreis Reutlingen. Von links: Landrat Thomas Reumann, Constantin Bayer, Simon Groß und Polizeipräsident Alexander Pick. Foto: Maria Bloching
Ehrung für Zivilcourage durch den Förderverein Kriminal- und Verkehrsprävention im Landkreis Reutlingen. Von links: Landrat Thomas Reumann, Constantin Bayer, Simon Groß und Polizeipräsident Alexander Pick.
Foto: Maria Bloching

Großen Mut bewiesen haben zwei junge Menschen von Alb im Jahr 2019. Constantin Bayer aus Indelhausen hatte im Februar zwei mit dem Auto verunglückten Menschen das Leben gerettet. Er hatte keine Sekunde gezögert, in die kalte Lauter zu springen, um beide aus dem Auto zu befreien und Erste Hilfe zu leisten. Es war eine »unglaubliche physische wie auch psychische Leistung«, erkannte der damalige Polizeipräsident Alexander Pick an. Der elfjährige Simon Groß aus Upfingen war im März vorsichtig, als ein Krimineller sich Zutritt zum Haus verschaffen wollte, in dem sich der Junge allein aufhielt. Der Mann gab sich als Polizist aus und forderte, ihm Geld und Wertsachen zum Schutz vor Dieben mitzugeben. »Es ist mutig, zu seiner Überzeugung zu stehen und sich nicht von Drohungen beeinflussen zu lassen«, lobte der damalige Landrat Thomas Reumann bei einer Ehrung des Fördervereins Kriminal- und Verkehrsprävention im Landkreis Reutlingen. (GEA)

Polizei gibt Tipps: Sechs Regeln für Zivilcourage in brenzligen Situationen

Die Polizei hat auf der Webseite der »Aktion-Tu-Was« sechs Regeln für Zivilcourage in brenzligen Situationen zusammengestellt:

1. Acht geben: Helfen, sich aber nicht in Gefahr bringen

2. Polizei rufen: Notruf 110 wählen

3. Hilfe holen: Leute in der Nähe direkt und aktiv zur Unterstützung auffordern

4. Details erkennen: Tätermerkmale einprägen

5. Mithelfen: Sich um Opfer kümmern

6. Mund aufmachen: Als Zeuge bei der Polizei aussagen.

www.aktion-tu-was.de