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War die Baumfällung am Reutlinger Lucas-Haus nötig?

Weshalb musste die stattliche Blutbuche beim Eduard-Lucas-Haus beseitigt werden? Ein GEA-Leser meint, dass der Baum hätte gerettet werden können. Konnte er aber nicht, wie Experten erklären.

Multimorbide und nicht mehr verkehrssicher war die Blutbuche beim Eduard-Lucas-Haus. Deshalb wurde sie jetzt gefällt.
Multimorbide und nicht mehr verkehrssicher war die Blutbuche beim Eduard-Lucas-Haus. Deshalb wurde sie jetzt gefällt. Foto: Steffen Schanz
Multimorbide und nicht mehr verkehrssicher war die Blutbuche beim Eduard-Lucas-Haus. Deshalb wurde sie jetzt gefällt.
Foto: Steffen Schanz

REUTLINGEN. Der Mann, ein GEA-Leser, ist nicht amüsiert. Kopfschüttelnd lässt er die Redaktion wissen, dass beim Eduard-Lucas-Haus am Saum der Pomologie eine prächtige Blutbuche der Kettensäge zum Opfer gefallen ist. Mit Betonung auf Opfer. Denn nach Einschätzung des Informanten soll der Baum höchsten ein bissle geschwächelt haben. Unter gar keinen Umständen, sagt er sinngemäß, handele es sich um einen Wackelkandidaten, sondern vielmehr um einen Patienten, der zu retten gewesen wäre: wenn »Baumkletterer« ihm nicht am Mittwoch vergangener Woche den Garaus gemacht hätten.

»Wie kann das sein?«, fragt der Mann, der sich nach eigenem Bekunden mit Bäumen auskennt. »Wer hat das veranlasst?« Und: »Hätten wir eine Baumschutzsatzung«, wäre es niemals zur Fällung gekommen. Ob der GEA deshalb nicht mal recherchieren und die Verantwortlichen zur Rede stellen könne? Denn ein solcher Frevel, noch dazu vor dem ehemaligen Wohnhaus des großen Pomologen Eduard Lucas, müsse zwingend publik gemacht werden.

Der etwa 150 Jahre alte Baum war dem Tode geweiht

Frevel? Davon kann keine Rede sein. Denn anders, als der Mann vermutet, ist die mittlerweile gefällte und zerlegte Blutbuche definitiv dem Tode geweiht gewesen. Wurzeln geschlagen hatte sie auf einem Grundstück der GWG-Wohnungsgesellschaft und ist jetzt in deren Auftrag und aus Gründen der Verkehrssicherheit gefällt worden: von vier Baumpflege-Experten, die die rund 150 Jahre alte Patientin abgeräumt haben - wegen Multimorbidität und weil der geschwächte Baum darob ein Unfallrisiko für Passanten darstellt.

Großflächiger Pilzbefall und Sonnenbrand machten jede Hoffnung auf Heilung zunichte.
Großflächiger Pilzbefall und Sonnenbrand machten jede Hoffnung auf Heilung zunichte. Foto: STEFFEN SCHANZ
Großflächiger Pilzbefall und Sonnenbrand machten jede Hoffnung auf Heilung zunichte.
Foto: STEFFEN SCHANZ

Zumal es mehr als bloß eine gesundheitliche Beeinträchtigung war, mit der die Blutbuche zu kämpfen hatte. Zum einen waren da diverse Pilze, die den Stamm großflächig befallen hatten, zum anderen trockenheitsbedingte Schädigungen der Krone. Und als dann im zurückliegenden Jahr auch noch ein Sonnenbrand hinzukam, war’s für den Baum des Schlechten endgültig zu viel. Auch deshalb, weil Buchen extrem dünnhäutig sind.

Parasitenbefall und Folgen des Klimawandels

»Ihre Rinde«, sagt die Baumsachverständige Elena Bührle, »misst nur wenige Millimeter. Und das direkt darunter liegende Kambium (Wachstumsschicht) ist sehr hitzeempfindlich. Es stirbt schon bei 45 Grad ab.« Mithin waren es also weder die GWG noch Bührle und ihre Kollegen, sondern Parasiten und die Folgen des Klimawandels, denen die betagte Schönheit beim Lucas-Haus zum Opfer gefallen ist.

Unter strenger Beobachtung stand die rotblättrige Seniorin übrigens schon seit ein paar Jahren. Regelmäßig wurde sie auf ihre Rest-Vitalität hin untersucht – auch schalltomographisch, um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was sich im Innern des Stammes tut.

Übriggeblieben ist vom etwa 150 Jahre alten Baum lediglich ein Stumpf.
Übriggeblieben ist vom etwa 150 Jahre alten Baum lediglich ein Stumpf. Foto: STEFFEN SCHANZ
Übriggeblieben ist vom etwa 150 Jahre alten Baum lediglich ein Stumpf.
Foto: STEFFEN SCHANZ

»Uns war klar, dass ihre Tage wegen abnehmender Verkehrssicherheit gezählt sind«, erklärt Bührle. »Das Fällen war bloß noch eine Frage der Zeit.« Womöglich, so die studierte Forstwirtschaftlerin mit Schwerpunkt Baumpflege, »hätten wir die Buche tatsächlich etwas länger stehen lassen können.« Dann wäre sie jedoch zum lupenreinen »Palliativ-Pflegefall« geworden.

Außerdem hätte eine auf später verschobene Beseitigung des Baumes das Unfallrisiko für die Baumpfleger drastisch erhöht, wären Straßensperrung und Einsatz eines Krans erforderlich geworden. Alles in allem keine gute Idee. Und eine sehr kostspielige obendrein.

Die Fällung war kein Sonntagsspaziergang

Doch schon jetzt war die Fällung der Blutbuche wahrlich kein Sonntagsspaziergang. »Wir haben sie kletternd Stück für Stück abgetragen.« Vier Personen waren zwei Tage damit beschäftigt. Und zwar schweren Herzens, wie Elena Bührle durchblicken lässt.

Als Fachfrau, die sich dem Baumerhalt verschrieben hat, ist jede Fällung ein bitteres Ereignis und fühlt sich wie eine kleine Kapitulation an. »Keiner von uns Baumpflegern gibt Bäume kampflos auf. Sie sind für uns schützenswerte Individuen«, betont sie. Doch manchmal führt eben kein Weg am Äußersten vorbei. So, wie jetzt beim Lucas-Haus geschehen.

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Unwahrscheinlich übrigens, dass eine Baumschutzsatzung die Blutbuche vor der Kettensäge bewahrt hätte. Denn eine solche Verordnung verhindert zwar Fällungen nach dem Lust-und-Laune-Prinzip, greift indes nicht bei nachweislich sterbenskranken Stadtbäumen, die Menschen gefährden. (GEA)