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Aktuell Veranstaltung

Tag der Archive: »Von der Depesche bis zum Tweet«

Reutlinger Einrichtungen beteiligen sich am 7. März an der bundesweiten Aktion

Dr. Marco Birn, Dr. Roland Deigendesch und Harald Müller-Baur (von rechts) im Keller des Kreisarchivs. FOTO: DÖRR
Dr. Marco Birn, Dr. Roland Deigendesch und Harald Müller-Baur (von rechts) im Keller des Kreisarchivs. FOTO: DÖRR
Dr. Marco Birn, Dr. Roland Deigendesch und Harald Müller-Baur (von rechts) im Keller des Kreisarchivs. FOTO: DÖRR

REUTLINGEN. »Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten« hat August Bebel, Begründer der deutschen Sozialdemokratie, gesagt. Vergangenheit zu konservieren, sie im wahrsten Wortsinn (be)greifbar zu machen, ist Aufgabe von Archiven. Wie dort gearbeitet, was dort aufbewahrt wird, steht beim bundesdeutschen Tag der Archive im Mittelpunkt. Bei der zehnten Auflage am 7. März lautet das Motto: »Von der Depesche bis zum Tweet«.

Alle zwei Jahre öffnen bei diesem Aktionstag mehrere Hundert Einrichtungen am ersten März-Wochenende ihre Türen und Magazine für die Öffentlichkeit. Organisiert wird der Tag vom Verband Deutscher Archivarinnen und Archivare. Mitarbeiter in Archiven arbeiten seit Monaten darauf hin, den Bürgern intensive – und dieser Form oft einzigartige – Begegnungen mit der Geschichte zu ermöglichen. Ziel ist es, die tägliche Arbeit in den Archiven einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, Archivschätze zu zeigen und Einblicke in sonst nicht zugängliche Orte zu geben. In Reutlingen beteiligen sich das Kreisarchiv und das Stadtarchiv an der Aktion. Die beiden Reutlinger Einrichtungen machen dabei erstmals gemeinsame Sache.

Angeboten werden am Samstag, 7. März, von 10 bis 15 Uhr unter anderem Führungen, Vorträge und Ausstellungen im Kreisarchiv in der Bismarckstraße 16 und im Stadtarchiv im Rathaus.

Das Kreisarchiv, das Gedächtnis des Landkreises und des früheren Oberamtes, so Kreisarchiv-Leiter Dr. Marco Birn, bietet eine Schreibwerkstatt an, wo die Besucher die altdeutsche Schrift und Archivmaterialien kennenlernen können. Wer sein eigenes Lesezeichen in der Schrift seiner Vorfahren und mit Materialien aus dem Alltag eines Archivars gestalten will, ist bei dieser Veranstaltung richtig.

Spannend ist auch die Frage, wie das digitale Kulturangebot des Landkreises aussieht. Wie arbeitet der Archivar im 21. Jahrhundert und welche digitalen Angebote gibt es bereits? Das Kreisarchiv stellt seine Social-Media-Kanäle und die neue Online-Kulturplattform vor und gewährt Einblicke in die digitale Archivierung. Und bei einem Bücherflohmarkt können Dubletten, antiquarische Bücher und Publikationen des Kreisarchivs erworben werden. Darüber hinaus gibt es einen Blick in die Bestände des Kreisarchivs, die zum Teil bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Im Rahmen von Magazinführungen, die etwa 45 Minuten dauern und zur vollen Stunde angeboten werden, werden in einer kleinen Archivalienschau ausgewählte Bestände vorgestellt: von der amtlichen Überlieferung, wie Amtsversammlungsprotokollen und Verwaltungsakten bis hin zu Sammlungsgut und privaten Nachlässen wie Feldpostbrief und Fotoalben. Diplom-Archivarin Nicole Spiller und Falko Dankesreiter, der zurzeit ein freiwilliges soziales Jahr im Kreisarchiv absolviert, führen die Besucher in den Keller der Einrichtung, wo die Schätze bei gleichbleibender Temperatur und Luftfeuchtigkeit lagern.

Wie sich die Kommunikation in den vergangenen 100 Jahren verändert hat, zeigt eine bürotechnische Sammlung. Vom Atari-Computer bis zur 100 Jahre alten Schreibmaschine werden Geräte präsentiert, die noch vor wenigen Jahrzehnten in Gebrauch waren und damals als technische Wunderwerke galten.

Auch das Stadtarchiv bietet zur vollen Stunde Magazinführungen an (Anmeldungen am Informationstisch). »Die Besucher kommen an diesem Tag an Orte, wo sie sonst nicht hinkommen«, sagt Stadtarchivar Dr. Roland Deigendesch. Ob »mit botten oder mit briefen«, ob über ein »Fern- und Selbstanschlussamt« oder per App: Die Übermittlung von Information hat auch in Reutlingen seit dem Spätmittelalter zahlreiche archivalische Spuren hinterlassen – eine Auswahl wird am 7. März gezeigt.

Darüber hinaus gibt es im Archivkino zwei Filme zu sehen: Der eine beschreibt das Amerika des Jahres 1935, der andere Reutlingen Mitte der 1950er-Jahre. Der professionelle Imagefilm »Ein südwestdeutsches Industriezentrum« (1955) wird ergänzt um Amateuraufnahmen einer Reutlinger Fabrikantenfamilie, deren Urlaubsreise 1935 in die USA und nach Kuba führte.

Zu den größten Schätzen des Stadtarchivs gehören mehr 500 000 Fotos. Sie dokumentieren in einer nahezu unerschöpflichen Motivvielfalt Lokal- und Landesgeschichte. In den vergangenen Jahren wurden viele dieser Fotos digitalisiert. Beim Tag der Archive werden Recherchemöglichkeiten in der neuen webbasierten Datenbank vorgestellt.

Apropos Recherche: Wer selbst einmal im Stadtarchiv forschen möchte, kann dies mit Unterstützung von Stadtarchivmitarbeitern tun. Im Lesesaal stehen ausgewählte Quellen zur Familienforschung in kommunalen Archiven zur Verfügung. Es werden die verschiedenen Recherchemöglichkeiten erläutert und die Benutzung der Archivdatenbank vorgeführt.

Und auch das Stadtarchiv bietet einen Bücherflohmarkt an. Antiquarische Raritäten und die vom Stadtarchiv erarbeiteten beziehungsweise mitherausgegebenen Publikationen können gekauft werden. Recherchemöglichkeiten gibt es auch bei Archion, dem Kirchenbuchportal der evangelischen Kirche in Deutschland. »Besucher haben am 7. März die Gelegenheit, sich auf die Spuren ihrer Vorfahren zu begeben«, sagt Harald Müller-Baur, Geschäftsführer des Kirchenportals Archion, das Kunden auf jedem Kontinent hat. »Es wurden 98 000 Kirchenbücher eingestellt. Das sind 32 Millionen Kirchenbuchseiten und knapp die Hälfte aller deutschen Kirchenbücher. Die ältesten in Reutlingen stammen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts.« Harald Müller-Baur ist am 7. März zu Gast im Stadtarchiv und zeigt den Besuchern beim Blick in den Computer, wie man in den Kirchenbüchern womöglich auf Vorfahren der eigenen Familie stößt. (GEA)