REUTLINGEN. Die Erwähnung eines Schulmeisters namens Walter am 25. Januar 1276 gilt als frühester sicherer Beleg für eine Lateinschule in Reutlingen. In der Tradition dieser reichsstädtischen Schule steht das heutige Friedrich-List-Gymnasium. Zugleich kann noch eine zweite Schule in diesem Jahr auf eine respektable Tradition zurückblicken: Seit 150 Jahren ist das heutige Johannes-Kepler-Gymnasium »Vollanstalt«. Das Stadtarchiv zeigt aus diesem Anlass ausgewählte Dokumente in einer Ausstellung, die die Reutlinger Schul- und Bildungsgeschichte vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert Revue passieren lassen.
Gedruckte Schulbücher
So wird deutlich, wie der gelehrte Schulmeister Konrad Spechtshart († 1395) Schüler von weither, von Ellwangen bis Schlettstadt, nach Reutlingen zog. Die Stadt war obendrein auch eine der ersten im Land, wo Schulbücher auch gedruckt wurden: »Es tu scholaris?« – (Bist du ein Schüler?) hieß eine verbreitete Fibel aus der Offizin von Michael Greyff. Das Auf und Ab der Reutlinger Lateinschule im Gang durch die Zeit wird ebenso deutlich wie die Aktualität damaliger Probleme: Wie sorgt man für die nötige Aufmerksamkeit der Schüler? Gegen übermäßige körperliche Züchtigung schritt der reichsstädtische Rat jedenfalls schon 1574 ein.
Schließlich brachten die Umbrüche im Gefolge der Französischen Revolution auch für die Reutlinger Traditionsschule grundlegende Umwälzungen: Realien und moderne Fächer gewannen an Bedeutung, Reutlingen wurde als gewerblich geprägte Stadt dann im 19. Jahrhundert einer der wichtigsten Bildungsstandorte für das realistische Schulwesen im Königreich.
1834 setzte diesbezüglich eine kontinuierliche Entwicklung ein. Auch räumlich war die junge Reutlinger Realschule zunächst eng mit der Lateinschule verbunden. Das »Lyzeum« am Weibermarkt sowie der Spitalhof beherbergten entsprechende Unterrichtsräume. Doch immer mehr drängten die Verantwortlichen auf eine Trennung des »Unterrichts der Oberlyceal- und Oberrealschüler«. Ansteigende Schülerzahlen bewirkten schließlich markante bauliche Veränderungen. Zunächst fand 1872 die Lateinschule ein neues Domizil am Kanzleiplatz und hat im Lauf der Zeit das stattliche Fachwerkgebäude vollständig in Beschlag genommen. Für die Oberrealschule wurde bis 1906 auf der Rennwiese ein für damalige Verhältnisse überaus stattlicher Schulneubau errichtet. Die heutigen Namen haben beide Bildungseinrichtungen erst relativ spät erhalten. 1934 wurde aus der Latein- die »Friedrich-List-Schule« und 1938 die Oberrealschule nach Johannes Kepler benannt.
Die Wandvitrinenausstellung kann bis Ende April zu den üblichen Öffnungszeiten vor den Diensträumen des Stadtarchivs im Erdgeschoss besichtigt werden. (eg)

