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Aktuell Journalismus

Die Korrektur als Tugend der Tageszeitung

Was wir tun, um Fehler möglichst zu vermeiden. Und warum sie weder »Fake News« noch Lügen sind

Abendliche Seitenkontrolle beim GEA: Mediengestalterin Heike Bäuerle sowie die Redakteure Philipp Förder und Gabriele Küster auf
Abendliche Seitenkontrolle beim GEA: Mediengestalterin Heike Bäuerle sowie die Redakteure Philipp Förder und Gabriele Küster auf der Suche nach Unstimmigkeiten. FOTO: PIETH
Abendliche Seitenkontrolle beim GEA: Mediengestalterin Heike Bäuerle sowie die Redakteure Philipp Förder und Gabriele Küster auf der Suche nach Unstimmigkeiten. FOTO: PIETH

REUTLINGEN. Über Fehler spricht man nicht gern. Schon gar nicht über die eigenen. Die dann zu allem Überfluss auch noch in der Zeitung stehen – schwarz auf weiß. Schreib- oder Grammatikfehler sind dabei noch das kleinste Problem, auch wenn immer wieder Leser klagen, es gebe zu viele davon im Blatt.

Von den unzähligen Fehlern, die Redakteure aus eingereichten Manuskripten eliminieren, redet niemand. Aber das gehört ja auch zu unserem Job. Und natürlich ist jeder Tippfehler einer zu viel. Doch wo gehobelt wird, fallen Späne. Eine rein redaktionelle GEA-Seite besteht aus 9 000 bis 10 000 Buchstaben – bei einer Werktagsausgabe summiert sich das rasch zu 300 000 Zeichen oder mehr, die unter Zeitdruck verarbeitet werden. Was vielleicht den einen oder anderen Vertipper dann doch etwas relativiert.

Wer meint, wir nähmen das auf die leichte Schulter, irrt jedoch. Und wir verlassen uns auch nicht ausschließlich auf Rechtschreibprogramme – so hilfreich sie bei richtiger Bedienung sind.

Mit dem Rotstift

Im Lokal-/Regionalteil beispielsweise wird unter normalen Umständen jeder Artikel von Kollegen gegengelesen. Am Abend hängen alle GEA-Seiten – ob ganz oder teilweise fertig – zur internen Qualitätskontrolle aus, wobei es hier schwerpunktmäßig um die Überschriften und das Layout geht. Und bevor der jeweilige Schlussredakteur die digital erstellten Seiten von 19 Uhr an sukzessive freigibt, werden sie im Korrektorat auf Papier noch einmal sorgfältig gecheckt: mit dem Rotstift in der Hand, so wie man es aus der Schule kennt.

Roland Hauser  kam 1988 zum GEA. Seit 2004 ist er Lokalchef in  Reutlingen.  FOTO: PIETH
Roland Hauser kam 1988 zum GEA. Seit 2004 ist er Lokalchef in Reutlingen. FOTO: PIETH
Roland Hauser kam 1988 zum GEA. Seit 2004 ist er Lokalchef in Reutlingen. FOTO: PIETH

Je vorgerückter die Stunde, desto weniger greift jedoch das Vier- oder gar Sechs-Augen-Prinzip. Einen süffisanten Leserbrief bescherte mir so vor knapp zwei Jahren die »Kernerarbeit«, die mir spätabends aus der Feder geflossen war, nachdem FWV-Stadtrat Jürgen Fuchs die Investorensuche fürs Stadthallen-Hotel als »Riesen-Kärrnerarbeit« bezeichnet hatte. Dass der TV-Moderator Johannes B. Kerner mit alledem nichts zu tun hatte und meine Schreibweise falsch war, trieb mein Unterbewusstsein mutmaßlich so lange um, bis ich irgendwann aus dem Schlaf hochschreckte. Aber da war der GEA längst gedruckt …

Glauben Sie mir, das fühlt sich nicht gut an – zu wissen, einen Bock geschossen zu haben, aber nichts mehr dagegen tun zu können. Wenigstens ist der verkorkste Kärrner (Karrenschieber) zwar peinlich, tangiert aber andere nicht. Unangenehmer sind da schon falsche Namen. Wenn man zum Beispiel den damaligen Kreissparkassenchef vom Eugen zum Erwin Schäufele macht, obwohl man ihn schon lange kennt, oder die Reutlinger Trägerin des Landesverdienstordens Bettina Noack zur Barbara.

»Wie kann man nur so blöd sein?«, mögen sich nicht nur Menschen fragen, die selbst keine Fehler machen. Oft sind es, wie beim Nachnamen Noack und der Schriftstellerin Barbara, falsche Assoziationen – oder Ablenkungen. Ein Telefonat mit dem Kollegen Erwin, während man gerade über den Banker schreibt, und schon ist’s passiert.

Tageszeitung heißt: Sechsmal in der Woche Zeitung machen. Von null auf hundert. Keine Ausgabe gleicht der anderen – weder inhaltlich noch optisch. Der Redaktionsschluss sitzt einem ständig im Nacken, bei nächtlicher Produktion mitunter sogar der Andruck. Telefonate, eingehende E-Mails, Rat suchende Kollegen (»Hast du mal eine Minute?« oder, noch beliebter, »nur ganz kurz …«), aktuelle Veränderungen der Nachrichtenlage, Konferenzen – wer meint, Redakteure zögen sich in schalldichte Räume zurück, um ungestört komplizierte Sachverhalte allgemein verständlich »zu Papier« bringen zu können, liegt falsch. Ablenkungen und Zeitdruck sind allgegenwärtig, und beides zusammen ist fehlerträchtig.

Eigene Rubrik

Die gute Nachricht dabei: Fehler sind weder »Fake News« noch Lügen. Wenn wir inhaltlich falsch liegen und es selbst erkennen oder von unseren aufmerksamen Lesern – ein extrem wichtiges Korrektiv! – darauf hingewiesen werden, stellen wir das richtig.

Während es in den Sozialen Medien keine redaktionelle Kontrolle gibt und bewusste oder unbewusste Falschmeldungen nur schwer identifizierbar sind, gibt es beim GEA für Richtigstellungen eine eigene Rubrik: »Wir korrigieren«. Wenn der betreffende Beitrag auch auf www.gea.de im Internet steht, kann die Korrektur sogar »in Echtzeit« erfolgen.

Und weil wir uns nicht wegducken, wenn wir etwas falsch gemacht haben, sondern den Sachverhalt richtigstellen, sind förmliche Gegendarstellungen im GEA selten. Erscheint tatsächlich einmal eine, dann ist das fast schon ein Indiz dafür, dass die Redaktion zu ihrer Version steht. Denn das Recht auf Gegendarstellung verpflichtet die Verlage, eine Entgegnung ohne Prüfung ihres Wahrheitsgehalts zu veröffentlichen, sofern bestimmte formale Kriterien erfüllt sind. (GEA)

DIE KAMPAGNE

Mit der Kampagne »Journalismus zeigt Gesicht« wollen die baden-württembergischen Zeitungsverlage auf die Bedeutung des Journalismus hinweisen und die Arbeit der Journalisten transparent machen. In der Serie beschreiben wir, wie der Alltag in der GEA-Redaktion aussieht, und erklären, nach welchen Kriterien wir arbeiten. (GEA)