REUTLINGEN. Seit beinahe zwei Jahren wird an drei Oberlandesgerichten gegen 26 Tatverdächtige verhandelt, die einen Putsch gegen die Regierung geplant haben sollen. Neun von ihnen wurden vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht angeklagt. Einer von ihnen ist der Sportschütze Markus L. aus Reutlingen.
Der Reutlinger Angeklagte
Markus L. hat bei einer Razzia am 22. März 2023 im Wohngebiet Ringelbach einen SEK-Beamten angeschossen und schwer verletzt – von der Schießerei im Ringelbach wurden im Prozess Aufzeichnungen gezeigt. Dabei stand er zunächst gar nicht im Verdacht, Mitglied der Terrorgruppe gewesen zu sein. Aber sein Name tauchte in beschlagnahmten Papieren auf, und er sollte befragt werden.
Die Großrazzia gegen die Gruppe »Reuß«
Bereits am 7. Dezember 2022 waren in elf Bundesländern 25 mutmaßliche Mitglieder und Unterstützer einer terroristischen Vereinigung festgenommen worden. Als Rädelsführer gilt Heinrich XIII. Prinz Reuß, das Ziel der Gruppe sei es, »die bestehende staatliche Ordnung in Deutschland zu überwinden und durch eine eigene, bereits in Grundzügen ausgearbeitete Staatsform zu ersetzen«, schreibt die Generalbundesanwaltschaft. Unter den Verhafteten sind unter anderem Handwerker, Polizisten, ehemalige Bundeswehrsoldaten, eine Ärztin und eine Richterin.
Das Weltbild der Verschwörer
Die Mitglieder dieser mutmaßlichen terroristischen Vereinigung seien Anhänger der Reichsbürger- sowie der QAnon-Ideologie. »Sie sind der festen Überzeugung, dass Deutschland derzeit von Angehörigen eines ,Deep State‘ regiert wird«, schreibt der Generalbundesanwalt zum wirren Weltbild der Verschwörer. Die Bundesrepublik existiert laut ihrer Logik nicht. Sie sehen es als ihre Aufgabe, die »BRD-GmbH abzuwickeln«. Hinzu kommen Verschwörungstheorien aus der rechtsextremistischen QAnon-Bewegung, laut denen Kinder in unterirdischen Kerkern gefangen gehalten werden, um aus ihrem Blut ein Verjüngungsserum zu gewinnen. Die »Patrioten und Reichsbürger« warten auf den Tag X, an dem sie die Macht übernehmen können. Darauf bereiten sie sich vor. Sie planen verwaltungsähnliche Strukturen, beschaffen sich Ausrüstung, führen Schießtrainings durch und rekrutieren neue Mitglieder. Laut Anklage wollten sie den Bundestag stürmen und mit Gewalt die Regierung ausschalten.
Prozess an drei Standorten
Wegen des Umfangs des Verfahrens und der vielen Angeklagten wurde der Prozess auf drei Standorte verteilt. Die Angeklagten in Stuttgart werden dem militärischen Arm der Gruppe zugerechnet, die unter anderem sogenannte »Heimatschutzkompanien« aufbauen sollten. Markus L. aus Reutlingen ist zudem wegen versuchten Mordes angeklagt. Die Angeklagten in Frankfurt sollen zum Führungskreis der Gruppe gehört haben, die Reuß nach dem angestrebten Machtwechsel als provisorisches »Staatsoberhaupt« vorsah. In München stehen acht weitere Angeklagte vor Gericht, die vor allem für das »Spirituelle« und die »Esoterik« zuständig waren, aber auch für die spätere »Militärgerichtsbarkeit« nach dem Umsturz.
Der Prozess
Die Verhandlungen gegen die Gruppe begannen im April und Mai 2024, ein Ende ist bislang nicht absehbar. Einige der Angeklagten verweigern die Aussage komplett, wie beispielsweise Markus L., andere machen ausufernde Angaben zur Person, nur die wenigsten äußern sich zur Anklage. (GEA)

