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Diskussion in Trochtelfingen: Wie hässlich darf ein Hochsitz sein?

Jäger brauchen schnell versetzbare Ansitzeinrichtungen. Die sind oft mehr praktisch als ästhetisch. So wohl auch in Trochtelfingen.

Der Sitz aus dem Fass ist eigentlich nicht dumm, gefällt aber nicht jedem.  FOTOS: WURSTER
Der Sitz aus dem Fass ist eigentlich nicht dumm, gefällt aber nicht jedem. FOTOS: WURSTER Foto: Steffen Wurster
Der Sitz aus dem Fass ist eigentlich nicht dumm, gefällt aber nicht jedem. FOTOS: WURSTER
Foto: Steffen Wurster

PFRONSTETTEN. Wie hässlich darf ein Hochsitz sein? Solange er den Unfallverhütungsvorschriften der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Gartenbau und Forsten (SVLFG, die unter anderem die Aufgaben einer Berufsgenossenschaft ausfüllt) entspricht, ist es irrelevant, wie er aussieht, meint Kay Lucie Ostertag, Pressesprecherin beim Landesjagdverband (LJV) in Stuttgart. Eine Empfehlung des LJV, wie ein Hochsitz auszusehen hat, gebe es nicht. Sehr zum Leidwesen mancher Naturfreunde.

Wanderern, die um einen Trochtelfinger Teilort herum die Schönheiten der Alb genossen, waren eigenwillige Konstruktionen aufgefallen. In bei Gartenfreunden recht beliebten 1 000-Liter-Fässern wird hier nicht Regenwasser gesammelt. Die stabilen Fässer im Metallrahmen wurden zu Hoch- oder besser Niedersitzen für die Jagd umgebaut. Der findige Waidmann hat sie an einer Seite aufgeschnitten, um bequem einsteigen zu können. Gegen drohenden Niederschlag wurde ein Dach errichtet, die Seiten sind von Haus aus hundertprozentig wasserdicht.

Quadratisch, praktisch, gut? Oder schön? Eine Spaziergängerin, die sich beim GEA gemeldet hat, findet den Fassjägersitz auf jeden Fall »sooo hässlich«. Zur Ehrenrettung der Waidmänner ergänzt sie, dass die Jäger, sonst »sehr darauf bedacht sind, dass alles im Wald passt«. Nur die Fässer passen halt nicht.

Nur Sicherheitsvorschriften

Das Hochsitzbauen lernt der angehende Waidmann schon in der Jagdschule, bei der Vorbereitung auf die recht anspruchsvolle Jägerprüfung. Dort werden verschiedene Konstruktionen vorgestellt, vom schlichten Leitersitz – wie der Name schon sagt im Wesentlichen eine Leiter mit Sitzbrett und Gewehrauflage – bis zur komfortablen vollverkleideten Kanzel, in der man auch mal eine Nacht auf Sauen warten kann, ohne den Unbilden der Witterung ausgesetzt zu sein.

Gern wird mit dem Holz gebaut, das um den künftigen Standort herum wuchs. Das ist meist günstig, und weite Transportwege entfallen. Und wenn der Sitz aus Fichtenstangen verkleidet mit Fichtenbrettern im Fichtenwald steht, passt der sich sehr schön der Landschaft an. Irgendwann kam aber mal einer auf die Idee, die Vorzüge der Industriegesellschaft zu nutzen und seine Kanzeln mit wetterbeständigen Schaltafeln oder Ähnlichem zu verkleiden. Da geht schon ein bisschen was an jagdlicher Romantik verloren. Oder, wie es die Spaziergängerin schreibt: »Jagdeinrichtungen, die nicht in die Landschaft passen, stören.«

Die Meinungen gehen sowieso darüber auseinander, was in die Landschaft passt und was nicht. Wenn an der Waldkante alle Hundert Meter eine Kanzel steht, fühlt sich sogar mancher an die Berliner Mauer erinnert. Zumindest auf jagdkritischen Internetseiten.

Wahrscheinlich ist schon vorher jemand auf die Idee gekommen, aber Kaiser Wilhelm zwo habe den Hochsitz in Deutschland eingeführt, weiß die Legende. Der letzte deutsche Kaiser war zum einen Jäger, zum anderen ein Mensch mit Behinderung. Sein linker Arm war wegen Komplikationen bei seiner Geburt unbeweglich. Ein Gewehr zu halten war ihm unmöglich, auf dem Hochsitz mit Gewehrauflage reichte der rechte Arm. Ein Hochsitz ist also so etwas wie eine Prothese, wie zum Beispiel ein Rollator, und die sind ja auch nicht immer schön.

Oder halt ein Werkzeug, das Rundumblick, Wetterschutz und vor allem Sicherheit bietet: Die Kugel, die von oben Richtung Boden abgefeuert wird, bleibt im selben stecken und landet nicht irgendwo in der Ferne, wo sie Schaden anrichten kann.

Das spielt bei dem hier kritisierten Bodensitz natürlich keine Rolle, der hat andere Vorteile. Der Wildschweine sind viele, beweglich und unberechenbar. Wenn die Schwarzkittel einen Acker heimsuchen, eine Streuobstwiese oder den Bolzplatz, müssen und wollen die Jagdpächter reagieren, sie kommen ja schließlich für den Wildschaden auf (nicht für den am Bolzplatz).

Einfach versetzbare Sitze gehören daher mittlerweile zur Standardausrüstung in den Revieren. Schön sind sie selten – außer, man gönnt sich einen Schäferwagen – aber praktisch. Dietmar Heinz, Hegeringleiter in Trochtelfingen, glaubt auch, dass der Fasssitz »der Schwarzwildbejagung an Brennpunkten dient«. Allerdings meint er, dass es auch »praxisnah und schön geht und dass man die Jagdeinrichtungen auch an diesen Stellen der Landschaft anpassen kann«. Können ja, müssen aber halt nicht.

Werkzeug gegen Wildschweine

Entschlossene Ästheten unter Grundbesitzern könnten gegen hässliche Ansitze gerichtlich vorgehen, die Erfolgschancen gehen aber gegen null. Zwar darf der Jäger den Hochsitz nur mit Zustimmung des Grundeigentümers aufstellen, heißt es im Paragraf 30 des Jagd- und Wildtiermanagementgesetzes des Landes. Die Zustimmung darf der aber nur aus sehr, sehr triftigen Gründen verweigern. Ärger über das Design reicht nicht, sogar ein veganer Waldbesitzer unterlag 2017 vor Gericht, und der hatte Gewissensnöte ins Verfahren eingeführt. Mit solchen Nöten konnte man mal den Wehrdienst verweigern, und damals stand der Russe und nicht die Wildsau vor der Tür. (GEA)