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Tübinger erforschen was Erotik im Gehirn anstellt

Forscher des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik kommen zum Ergebnis: Es gibt keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern

Paar im Bett
Ein Paar im Bett. Foto: Christophe Gateau
Ein Paar im Bett.
Foto: Christophe Gateau

TÜBINGEN. Männer denken immer nur an Sex. Ist das so? Sind sie wirklich schneller und leichter erregbar, während Frauen als vernünftiger und rationaler gelten? Beim wissenschaftlichen Blick auf die spontane, nicht kontrollierbare Reaktion des Gehirns auf erotisches Bildmaterial lassen sich jedoch keine geschlechtlichen Unterschiede feststellen. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher des Tübinger Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik.

Wissenschaftler aus der Abteilung für Physiologie kognitiver Prozesse und der Forschungsgruppe für Neuronale Konvergenz analysierten vergleichbare Daten von 61 Studien, welche in verschiedenen Laboren und Ländern weltweit mit insgesamt 1 850 Probanden stattfanden. Unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gab es eine vergleichbare Verteilung der Geschlechter und ihrer sexuellen Orientierung, ebenso wie eine Bandbreite verschiedener Nationalitäten.

Die spontane Reaktion im Gehirn auf erotische Reize ist bei Männern und Frauen gleich. Bild: Arthofer
Die spontane Reaktion im Gehirn auf erotische Reize ist bei Männern und Frauen gleich. Bild: Arthofer Foto: Privat
Die spontane Reaktion im Gehirn auf erotische Reize ist bei Männern und Frauen gleich. Bild: Arthofer
Foto: Privat

In den Studien betrachteten die Teilnehmenden erotische Bilder und Filme, während die unmittelbare Reaktion des Gehirns mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRI) gemessen wurde. Dies ist eine nicht invasive Methode, um Gehirnaktivitäten zu messen, indem sie Veränderungen des Sauerstoffgehalts des Blutes im Gehirn erkennt. Aktive Hirnareale haben einen höheren Sauerstoffverbrauch, hierdurch erscheinen sie heller auf den Aufnahmen. Je heller, desto aktiver die Region.

Starker Reiz von Bildern

Die Ergebnisse dieser Studien belegen, dass es keine geschlechtlichen Unterschiede in den Gehirnreaktionen auf visuelle Sexualreize gibt. Es gab jedoch signifikante Unterschiede in den Aktivitätsmustern. Je nachdem, wie die Reize präsentiert wurden, fielen die Reaktionen unterschiedlich stark aus. »Im Vergleich zu Filmen führt das Betrachten erotischer Bilder zu einer breiter gefächerten Erregung in mehreren Gehirnarealen gleichzeitig«, erklärt der Forschungsgruppenleiter Hamid Noori. Heißt das, der Playboy ist besser als ein Porno?

Auch die sexuelle Orientierung der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer beeinflusste die Aktivitätsmuster: »Heterosexuelle reagierten stärker auf die visuellen Reize als homosexuelle Probanden«, erläutert der Neurowissenschaftler die Ergebnisse. Männer und Frauen sprechen dagegen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung gleichermaßen auf die Stimuli an. Auf neurobiologischer Ebene unterscheidet sich die Erregung also nicht zwischen den Geschlechtern.

Diese Studien stellen nun die herkömmliche Sichtweise auf das Sexualverhalten grundlegend in Frage. Frühere Untersuchungen haben Unterschiede bei der sexuellen Erregung und Begierde zwischen den Geschlechtern belegt. Der vermeintliche Geschlechterunterschied in der neuronalen Verarbeitung von Sexualreizen könnte aber auf viele Faktoren zurückzuführen sein. Dazu gehören beispielsweise hormonelle Unterschiede, Diskrepanzen in der subjektiven Wahrnehmung der Erregung oder der sexuellen Motivationen oder einfach nur eine unzureichende Anzahl von Versuchspersonen in den Studien. Dennoch untermauerten diese Ergebnisse die weit verbreitete Annahme, dass das männliche Gehirn sexorientierter ist als das der Frauen.

Und was unser Verhalten betrifft: Soziale Einflüsse wie Eltern, Schulen, Freunde, der Staat und Rechtssysteme haben dazu beigetragen, Frauen von ihren eigenen sexuellen Wünschen zu entfremden. In vielen Kulturen wird Sex immer noch tabuisiert. Vielleicht kann die neue Erkenntnis, dass sich Männer und Frauen in Sachen Erregung gleich verhalten, dazu beitragen, Klischees und Tabus abzubauen. (pm)