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Senioren-Landesverband kritisiert Tübinger Appell zum Bus-Verzicht

Tübingen appelliert an die Eigenverantwortung und rät Älteren, freiwillig aufs Busfahren zu verzichten - das führt zu Kopfschütteln beim Landesseniorenrat.

Boris Palmer
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne). Foto: Tom Weller/dpa/Archiv
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne). Foto: Tom Weller/dpa/Archiv

TÜBINGEN. Der »Tübinger Appell« an ältere Menschen stößt bei den betroffenen Senioren auf wenig Verständnis. Der Aufruf von Oberbürgermeister Boris Palmer, dem Erste Bürgermeister Cord Soehlke und Bürgermeisterin Dr. Daniela Harsch sowie Dr. Lisa Federle, Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes im Kreis Tübingen, und Professor Dr. Michael Bamberg, Leitender Ärztlicher Direktor am Universitätsklinikum Tübingen an Ältere, angesichts der steigenden Corona-Infektionszahlen den Stadtbus nicht zu nutzen und aufs Fahrrad oder auf das bereits seit April zur Verfügung stehende Anrufsammeltaxi umzusteigen, sei nicht nachvollziehbar, sagte der Vorsitzende des Landesseniorenrats, Uwe Bähr, am Montag. »Mir ist nicht ersichtlich, warum Sammeltaxis mit fremden Mitfahrern weniger risikoreich sein sollen als Busse oder Straßenbahnen.«

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Die Senioren-Union der CDU Baden-Württemberg hält den Appell für »nicht angebracht«. Die aktuellen Corona-Maßnahmen stellten für die Menschen bereits eine hohe Herausforderung dar, die nicht durch weitere einschränkende und bevormundende Appelle in ihrer Akzeptanz belastet werden sollten, forderte sie. »Die Erfahrung der letzten Monate hat gezeigt: Seniorinnen und Senioren sind sich ihrem Status als Corona-Hochrisikogruppe bewusst.« Sie verhielten sich im eigenen Interesse und regelkonform.

Im »Tübinger Appell« wurden zudem junge Menschen gebeten, zwischen 9.30 und 11.00 Uhr nicht einkaufen zu gehen und diese Zeit den Senioren zu überlassen. Außerdem sollen alle Menschen in Tübingen über 65 Jahren kostenlos mit hochwertigen FFP2-Masken versorgt werden.

»Es ist völlig unangemessen, solche Kohorten beim Einkaufen zu bilden«, sagte Landessenionrenrats-Vorsitzende Bähr dazu. »Ältere Menschen werden auf diese Weise stigmatisiert. Ein Einkauf ist zudem auch die Möglichkeit für Senioren, am gesellschaftlichen Alltag teilzunehmen und einen sozialen Kontakt zu pflegen.«

Neben Palmer und seinen Stellvertretern hatten den Aufruf auch die Kreisvorsitzende des Deutschen Roten Kreuzes und der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums unterzeichnet. »Der Tübinger Appell setzt wie Schweden auf Eigenverantwortung und besonderen Schutz der Alten«, sagte OB Palmer der »Bild«-Zeitung über die Verhaltens-Vorschläge, die über die aktuellen Corona-Maßnahmen der Landesregierung hinausgehen. Schweden hatte in der Pandemie vor allem auf freiwillige Vorsichtsmaßnahmen gesetzt, die sich hauptsächlich an ältere Bürger richteten. Der schwedische Umgang mit dem Coronavirus ist allerdings auch hochumstritten.

Seit Montag gilt in ganz Deutschland wegen Corona ein - vorerst auf vier Wochen beschränkter - Teil-Lockdown. Die um Mitternacht in Kraft getretenen Regelungen stehen nach wie vor in der Kritik. (dpa)

Tübinger Appell