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Aktuell Interview

Boris Palmer über Morddrohungen, Ängste und die Oberbürgermeisterwahl

Tübingens OB Boris Palmer gibt Kritikern zu bedenken, dass sich das Virus nicht an Vorstellungen von Gerechtigkeit hält.  FOTO:
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne). FOTO: DPA
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne). FOTO: DPA

TÜBINGEN. Es sind turbulente Zeiten für Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne). Seine Äußerungen im Sat-1-Morgenmagazin über ältere Corona-Patienten lösten einen Shitstorm aus. Es ist nicht das erste Mal, dass diverse Aussagen oder Facebook-Postings von ihm bundesweit durch den Fleischwolf gedreht werden. Doch dieses Mal sind die Auswirkungen größer. Am Montag entzog ihm die Grünen-Parteispitze jegliche Unterstützung. Auch viele seiner Partei-Kollegen des Tübinger Kreisverbands und der Gemeinderatsfraktion könne sich nicht vorstellen, Palmer im Jahr 2022 bei der Oberbürgermeisterwahl zu unterstützen. Morgen Abend berät der Grünen-Landesvorstand in Stuttgart per Videoschalte über mögliche Ordnungsmaßnahmen gegen ihn. Sogar ein Parteiausschluss steht im Raum. Und es kommt noch schlimmer: Palmer und seine Familie erhalten mittlerweile Morddrohungen. In einigen Schreiben, die dem GEA vorliegen, wünschen ihm die Verfasser, teilweise anonym, teilweise mit Klarnamen, dass er »endlich verreckt«. Heute hat er Strafanzeige gestellt.

GEA: Was hat sich für Sie seit Ihrem Interview im Morgenmagazin verändert?

Boris Palmer: »Ich werde von E-Mails, Anrufen und Briefen nahezu erschlagen. Mittlerweile habe ich von über 5.000 Menschen persönliche Reaktionen erhalten, Facebook gar nicht mitgerechnet.«

Darunter sind auch Morddrohungen?

Palmer: »Vor allem als Mails, das waren über 100. Die Drohungen am Telefon mussten meine Mitarbeiter aushalten. Mehrere haben mir gesagt, dass sie es nicht aushalten können. Daher ist jetzt ein Anrufbeantworter geschaltet. Die Briefe sind in einem Karton, die öffne ich noch. Ich habe meinen Mitarbeitern diese Aufgabe abgenommen, da sie Sorge vor Anschlägen haben.«

Wie gehen Sie damit um? Trifft Sie das persönlich?

Palmer: »Ich habe nichts Unrechtes getan, daher geht es mir gut. Aber ich bin tief besorgt über den Zustand unserer Demokratie. Ich hätte niemals gedacht, dass ein im TV dokumentierter Vorschlag für einen Strategiewechsel in der Corona-Krise zum besseren Schutz von Menschenleben erfolgreich zu einer Euthanasieforderung entstellt werden kann.«

Haben Sie Angst um sich und Ihre Familie?

Palmer: »Nein, ich halte das für psychologische Kriegsführung, nicht für eine reale Bedrohung.«

Können Sie sich vorstellen, bei der Bürgermeisterwahl 2022 ohne Unterstützung der Grünen anzutreten, oder haben Sie noch Hoffnung, dass es sich die Partei anders überlegt?

Palmer: »Ich habe dem Landes- und Kreisvorstand eine ausführliche Erklärschrift übermittelt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass man in meiner Partei für etwas verurteilt wird, was man gar nicht getan hat. Es gibt überhaupt keinen inhaltlichen Dissens. Wir alle wollen jedes Leben retten, soweit wir das eben als Menschen können.« (GEA)