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Was hilft gegen Heuschnupfen?

Jeder Siebte leidet an der Allergie. Was im Körper schiefläuft, welches Präparat nutzt und wozu der Arzt nötig ist.

Die Augen tränen, die Nase läuft, der Rachen juckt: Für Heuschnupfen-Geplagte wird der Frühling zur Tortur. Kurzfristig helfen z
Die Augen tränen, die Nase läuft, der Rachen juckt: Für Heuschnupfen-Geplagte wird der Frühling zur Tortur. Kurzfristig helfen zwar Medikamente aus der Apotheke, langfristig aber nur die Immuntherapie beim Arzt. FOTO: SHUTTERSTOCK / EVA FOREMAN/WORT & BILD VERLAG/OBS
Die Augen tränen, die Nase läuft, der Rachen juckt: Für Heuschnupfen-Geplagte wird der Frühling zur Tortur. Kurzfristig helfen zwar Medikamente aus der Apotheke, langfristig aber nur die Immuntherapie beim Arzt. FOTO: SHUTTERSTOCK / EVA FOREMAN/WORT & BILD VERLAG/OBS

BERLIN. Die Augen tränen, die Nase läuft, der Rachen juckt. Blühende Gräser, Getreide und Bäume werden zur Gefahr. Im Frühling bekommen es Heuschnupfen-Geplagte mit der Angst zu tun. Was bei der Allergie im Körper schiefläuft, warum der Klimawandel alles schlimmer macht, welche Medikamente helfen und warum ein Arztbesuch dringend nötig ist: Der GEA hat nachgefragt.

- Was ist Heuschnupfen?

Bei Heuschnupfen reagieren die Schleimhäute in Augen, Nase und Rachen überempfindlich auf eigentlich harmlose Pollen von blühenden Gräsern und Kräutern, Körnern und Bäumen. Gegen die vermeintliche Gefahr wehrt der Körper sich mit einer überschießenden Immunreaktion: Bei Kontakt mit Pollen bildet er Antikörper. Die verbinden sich mit Körperzellen, vor allem der Atemwege und der Haut. Gegen die Antikörper schütten die Körperzellen Abwehrstoffe aus, der bekannteste ist Histamin. Histamin ist ein Botenstoff, er ruft Entzündungen hervor und provoziert allergische Reaktionen.

- Wie viele Menschen sind betroffen?

15 Prozent der Erwachsenen und 9 Prozent der Kinder in Deutschland haben Heuschnupfen, 9 Prozent der Erwachsenen allergisches Asthma. Das fand das Robert Koch-Institut (RKI) bei einer Befragung von 2008 bis 2011 heraus, neuere Daten gibt es nicht. Während bei Heuschnupfen die oberen Atemwege betroffen sind, ist es bei Asthma die tiefer liegende Lunge: Betroffene haben zum Beispiel Anfälle von Atemnot. Die Häufigkeit allergischer Erkrankungen hat dem RKI zufolge seit den 1970er-Jahren in westlichen Ländern stark zugenommen und sich auf hohem Niveau stabilisiert.

- Warum wird die Allergie schlimmer?

Heuschnupfen wurde in den letzten Jahrzehnten schlimmer: »Die Symptome treten häufiger, stärker und länger auf«, stellt Karl-Christian Bergmann fest. Der Professor erforscht Allergien an der Berliner Charité und leitet die Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID). »Die Verschlechterung hat mehrere Ursachen«, erklärt er.

Schuld ist vor allem der Klimawandel. Durch höhere Temperaturen blühen Pflanzen früher. Außerdem kommen zu den alten, heimischen Arten neue, fremde Arten hinzu; die Gesamtblütezeit verlängert sich. »Im Winter hatten Allergiker früher Verschnaufpause«, erinnert sich Bergmann. »Heute überschneiden sich die Zeiten fast, in denen die letzten Pollen der alten Saison verschwinden und die ersten Pollen der neuen Saison auftauchen.« Beschwerdefreie Monate gebe es kaum noch: »höchstens November und Dezember«.

Karl-Christian Bergmann, Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst:  "Ohne Behandlung wird jeder dritte Heuschnupfen zu Asthma
Karl-Christian Bergmann, Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst: »Ohne Behandlung wird jeder dritte Heuschnupfen zu Asthma.« FOTO: PRIVAT
Karl-Christian Bergmann, Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst: »Ohne Behandlung wird jeder dritte Heuschnupfen zu Asthma.« FOTO: PRIVAT

Der Klimawandel hat eine weitere Wirkung auf Pflanzen: Anzahl und Aggressivität der Pollen werden größer. Das erklären Umweltmediziner vom Helmholtz Zentrum München als Stressreaktion: Dürre setze Pflanzen unter Druck. Im Kampf ums Überleben produzierten sie mehr Pollen – und mehr Pollen bedeuteten mehr Allergien. Dasselbe gelte für Luftverschmutzung: Bei hoher Schadstoffkonzentration erzeugten Pflanzen mehr Pollen, um ihren Fortbestand zu sichern. Wobei die Schadstoffe nicht nur Pflanzen zusetzen, sondern auch Menschen. »Ozon, Feinstaub und Stickoxide verstärken die Beschwerden«, konstatiert PID-Vorsitzender Bergmann. »Sie reizen Schleimhäute und machen sie anfällig für Allergien.«

Ein weiterer Grund für die Zunahme von Allergien mag überraschen: mehr Hygiene in modernen Städten. Dadurch ist das Immunsystem von Kindern schlechter trainiert. Dahinter steckt die Idee: Wer in der Kindheit wenig Keimen und Infekten ausgesetzt ist, der reagiert überaktiv gegen eigentlich harmlose Stoffe aus der Umwelt. Dazu gibt es laut PID-Vorsitzendem Bergmann etliche Studien: Sie zeigten, dass Kinder, die auf dem Dorf aufgewachsen sind und im Kuhstall gespielt haben, eine größere Anzahl und eine größere Vielfalt an Bakterien im Darm haben. »Das schützt sie im weiteren Leben vor Allergien«, so Bergmann. Also schlechte Karten für Stadtkinder? Nicht ganz: »Städter können das Defizit mit Probiotika ausgleichen«, rät Bergmann. Das sind Bakterien in Kapseln zum Schlucken.

- Wo gibt es Infos zum Pollenflug?

Wer weiß, wann wo welche Pollen fliegen, der kann ihnen aus dem Weg gehen. Infos zum Pollenflug gibt es bei staat-lichen Stellen, Krankenversicherungen und Pharmaunternehmen. Eine gute Anlaufstelle ist der Deutsche Wetterdienst (DWD): Sein »Pollenflug-Gefahrenindex« stellt die erwartete Pollenkonzentrationen auf einer Deutschlandkarte dar. Die Internetseite macht dreitägige Vorhersagen für acht Pflanzen.      Die Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID) zeigt auf ihrer Webseite mit dem »Pollenflugkalender« für 16 Pflanzen die Saison im Jahresverlauf an. Die PID stellt auch die kostenlose App »Pollen+« für Android- und iOS-Handys in Google Play beziehungsweise im App Store zur Verfügung. Die App notiert die erwartete Belastung für verschiedene Pollenarten – und zwar heruntergebrochen für Postleitzahlengebiete, für mehrere europäische Länder und für drei Tage vorab. Für seine Prognosen betreibt der PID bundesweit 40 Messtationen, die Daten reicht er auch weiter an den DWD.

- Welche Hausmittel helfen?

Vor Pollen kann sich jeder mit einfachen Mitteln schützen. Experten raten zu Masken für Mund und Nase, Pollengittern für Fenster und Luftfiltern für Räume. Nasenduschen mit Kochsalzlösung aus der Apotheke reinigen die Nasenschleimhaut, Pfefferminzöl und Eukalyptusöl wirken positiv auf die Atemwege. Straßenkleider sollten außerhalb des Schlafzimmers ausgezogen, Körper und Haare vor dem Zu-Bett-Gehen gewaschen werden. Kleidung und Bettwäsche sind ebenfalls regelmäßig zu waschen und nicht im Freien zu trocknen. Der Wohnbereich sollte häufig gründlich gesaugt und nass gewischt werden.

- Welche Medikamente helfen?

Am gebräuchlichsten sind Antihistaminika. Sie blockieren die Rezeptoren des Botenstoffs Histamin und schützen den Körper auf diese Weise vor typischen Heuschnupfen-Symptomen. »Mittlerweile gibt es Antihistaminika der dritten Generation«, informiert Allergologe Bergmann. »Diese verursachen – anders als die Vorgänger – weniger Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Kopfschmerzen und Mundtrockenheit.« Einige Wirkstoffe – Cetirizin oder Loratadin etwa – sind in der Apotheke frei verkäuflich, für andere braucht es ein Rezept.      Die Medikamente liegen in drei Formen vor: »Tabletten wirken auf den ganzen Körper«, erklärt Bergmann. »Sie eignen sich für Patienten mit Beschwerden an Augen, Nase und Haut.« Tropfen dagegen zielen nur auf die Augen, Sprays nur auf die Nase. Manche Patienten jedoch sprechen auf Antihistaminika nicht an. »Dann – und nur dann – kann man Kortison nehmen«, empfiehlt Bergmann. »Kortison hemmt Entzündungen. Denn jede Allergie ist eine Entzündung.«

Für die Einnahme gilt: Die Präparate sollten Patienten nicht erst einsetzen, wenn sie Beschwerden haben. Stattdessen sollten sie zwei Wochen vor der Saison starten, raten Mediziner. Denn schon dann sind einzelne Pollen unterwegs, auch wenn Messstationen sie noch nicht anzeigen. In der Saison seien Präparate vorbeugend jeden Tag anzuwenden – nicht nur bei akutem Bedarf. Die Tageszeit hänge ab vom Leidensdruck: Antihistaminika wirken 24 Stunden, am stärksten die ersten 12 Stunden. Wer also nachts Beschwerden hat, nimmt das Präparat abends. Wer tags Beschwerden hat, nimmt das Präparat morgens.

Außerdem gut zu wissen: »Alle Medikamente – egal ob Antihistaminika oder Kortison – lindern Symptome«, sagt Bergmann. »Sie bekämpfen keine Ursachen.«

- Was bringt die Immuntherapie?

Die Immuntherapie bekämpft nicht nur die Symptome von Heuschnupfen, sondern auch die Ursachen. Das wirkt langfristig und nachhaltig: Die Beschwerden fallen milder aus und verschwinden bestenfalls ganz. Dafür wird der Patient hyposensibilisiert: Kleine Mengen der reizauslösenden Pollen werden verabreicht und die Dosen langsam gesteigert. Das Immunsystem gewöhnt sich an die Substanz und begreift sie nicht mehr als Gefahr. Es gibt zwei Möglichkeiten zur Verabreichung: Der Arzt setzt eine Spritze in der Praxis oder der Patient nimmt eine Tablette zu Hause. Beides erfordert Disziplin, denn es muss regelmäßig und langfristig erfolgen. »Nach drei Monaten stellt sich Besserung ein«, verspricht Charité-Allergologe Bergmann. »Ein Jahr reicht manchmal, drei Jahre werden allgemein empfohlen.« Bergmann rät dringend zur Immuntherapie: »Damit der Heuschnupfen nicht zum Asthma wird.«

- Wann ist der Arztbesuch nötig?

Bei Verdacht auf Heuschnupfen rät PID-Vorsitzender Bergmann in jedem Fall zum Arztbesuch. Infrage kommen hier Fachärzte für Allergie, Lunge, Hals-Nase-Ohren oder Haut. Die Untersuchung hat gleich mehrere Vorteile: Der Patient erfährt, auf welche Pollenart er allergisch reagiert, welches Medikament dagegen hilft und ob eine Immuntherapie möglich ist. Das erspart langes Rumprobieren. »Heuschnupfen sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen«, warnt Bergmann. »Ohne die richtige Behandlung verstärkt sich jede dritte Pollenallergie zum allergischen Asthma.« (GEA)