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Aktuell Denkmaltag

Mut zum »richtigen Schnitt« in Eningen

Pfarrer Johannes Eißler stellt das Bauhaus und die Neue Sachlichkeit der Eninger Andreaskirche vor

Die Andreaskirche gilt als Beispiel für den Baustil der Neuen Sachlichkeit. foto: bernklau
Die Andreaskirche gilt als Beispiel für den Baustil der Neuen Sachlichkeit. foto: bernklau
Die Andreaskirche gilt als Beispiel für den Baustil der Neuen Sachlichkeit. foto: bernklau

ENINGEN. Ob es ein Fehler war, die marode, 1528 geweihte hochgotische Andreaskirche an der Eninger Hauptstraße abzureißen, das mag Gemeindepfarrer Johannes Eißler, einer von drei Referenten am gestrigen Denkmaltag, nicht entscheiden. Das neue, von 1929 an erbaute Gotteshaus ist aus Eißlers Sicht jedenfalls ein herausragendes Baudenkmal der Neuen Sachlichkeit, die wiederum von der epochemachenden Ästhetik des Bauhauses – vor genau 100 Jahren in Weimar unter Rektor Walter Gropius gegründet – beeinflusst war.

Nur 14 Jahre bestand dieses Bauhaus, erst in Weimar, später in Dessau. Aber seine Architekten und Künstler (darunter Wassily Kandinsky, Paul Klee, Lyonel Feininger und Oskar Schlemmer), seine Kunsthandwerker und Designer, Fotografen und Lehrer haben mit ihren strengen Formen die Moderne bis heute stärker und nachhaltiger geprägt als jede andere Schule. Grund genug, den diesjährigen Denkmaltag diesem Jubiläum zu widmen. Und das tat der frühere Landesmedien-Pfarrer – über die lokalen Besonderheiten hinaus – ausdrücklich.

Das Chorfenster könnte von einem Werk Lyonel Feiningers inspiriert sein. fotos: kirche
Das Chorfenster könnte von einem Werk Lyonel Feiningers inspiriert sein. fotos: kirche Foto: Unbekannt
Das Chorfenster könnte von einem Werk Lyonel Feiningers inspiriert sein. fotos: kirche
Foto: Unbekannt

Die gotische Kirche, erzählte Eißler, war offenbar so baufällig, dass sie längst eine Gefahr für die Gottesdienstbesucher darstellte: »Man konnte wohl durch einzelne Mauern schon hindurchsehen.« Die staatlichen und kirchlichen Denkmalschützer wollten zumindest den Chor und den Turm erhalten wissen. Doch der energische Pfarrer Wilhelm Huppenbauer setzte sich durch mit seiner Forderung nach einem »richtigen Schnitt«. Entgegen aller Kostenbedenken wurden nach heftigen Debatten die Stuttgarter Architekten Rudolf Behr und Karl Oelkrug mit Planung und Ausführung beauftragt.

Bauhaus-Schülerin schuf Engel

Erhalten blieben vom alten Bau das Kruzifix und die Fenster mit ihrem gotischen Maßwerk samt wenigen Glasmalereien. Der Kirchenraum und der darunterliegende Gemeindesaal erfüllen die Bauhaus-Forderungen nach klaren Linien bestens. Was sich »Neue Sachlichkeit« nennt, hat aber auch Wurzeln im Expressionismus. So hat der doppelte Treppenaufgang ins Kirchenschiff durchaus etwas Feierlich-Erhabenes.

Das neue Chorfenster gestaltete der Kunstmaler Gustav Kress – als perspektivischen Hintergrund für das alte Kruzifix. Der Reutlinger Dekan Marcus Keinath, berichtet Johannes Eißler, habe in diesem Glasbild die kaleidoskopisch fragmentierte Linienführung eines Holzschnitts von Lynonel Feininger auf dem Titelblatt des Bauhaus-Manifests wiederzuerkennen geglaubt und schrieb im Gemeindebrief von einer »auffallenden Ähnlichkeit«. Auf diesem Blatt ist eine Kirche das Zentrum, für Dekan Keinath »das steingewordene Sinnbild des Glaubens«.

Foto: Archiv
Foto: Archiv

Die sechs Engel im Chor, wohl im Jahr 1936 im sogenannter Scrafitti-Technik als Mischung aus Mosaik und Relief gestaltet, sind ein Werk von Gertrud Elisabet Ebert-Püttmann. Sie war im Jahr 1922 Schülerin im Bauhaus, noch in Weimar. Und in ihrem Engelbild, findet der Gemeindepfarrer, zeigt sich wie im Glasbild noch die erste, stark expressionistische Ader des Bauhauses.

Kirche im Bauklötzchenstil

Nachdem 1925 ein politischer Rechtsrutsch in Thüringen die Kündigung des Bauhauses zur Folge hatte, bemühten sich Mannheim und Dessau um die Schule. Dessau bekam den Zuschlag, bis zur Schließung durch die Nazis 1933. Aber in einem berühmten Mannheimer Ausstellungsplakat zur Neuen Sachlichkeit, gestaltet vom dortigen Kunsthallenleiter Gustav Friedrich Hartlaub, sieht Johannes Eißler »frappierende Ähnlichkeit zu den Fenstern in der Vorderfront unserer Andreaskirche«. Das führte er in seinem Bildervortrag vor. Eißler nennt den Anblick seiner Kirche aus der Ferne liebevoll »Bauklötzchenstil«. Mehr sachliche Distanz zeigt der Dekan. »Doch an der neuen Eninger Andreaskirche kommt sicher niemand vorbei, der sich für dieses Kapitel der Kirchenbaugeschichte interessiert«, schrieb Marcus Keinath im Gemeindebrief. (GEA)

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