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Landkreis Reutlingen zieht eine erste Corona-Bilanz

Experten berichteten im Kreistag über Tests in Seniorenzentren und die Situation an den Kreiskliniken

Coronavirus
Ein Coronavirus unter dem Mikroskop. Foto: Center for Disease Control/epa/dpa/Archivbild
Ein Coronavirus unter dem Mikroskop. Foto: Center for Disease Control/epa/dpa/Archivbild

KREIS REUTLINGEN. Über die Auswirkungen der Corona-Pandemie im Landkreis Reutlingen berichteten Dr. Gottfried Roller, Leiter des Kreisgesundheitsamts, und Dr. Dieter Mühlbayer, Chefarzt für Klinikhygiene der Kreiskliniken, am Mittwoch dem Kreistag. Roller gab bekannt, dass der Landkreis nachhaltige Strukturen für derartige Entwicklungen schaffen und eine Organisationseinheit Pandemie einrichten werde.

Nachdem Roller die aktuellen Fallzahlen bekannt gegeben hatte (siehe nebenstehende Grafik), informierte er über die flächendeckende Untersuchung in Seniorenzentren sowie über anlassbezogene Abstrichuntersuchungen. In der Zeit vom 6. bis 18. April waren in allen 37 stationären Einrichtungen der Altenhilfe die Bewohner und Mitarbeiter auf das Coronavirus getestet worden. Insgesamt sind dabei bei 4 495 Personen untersucht und 5 293 Abstriche gemacht worden.

Roller ging dann ins Detail: Von den 1 985 Bewohnern der Altenpflegeeinrichtungen sind 97,5 Prozent getestet worden. Dabei gab es 11,9 Prozent positive Befunde. Von den insgesamt 2 510 Mitarbeitern wurden 91,8 Prozent untersucht, bei 6,5 Prozent von ihnen fiel das Testergebnis positiv aus. Von den positiv getesteten Bewohnern zeigten 27 Prozent Symptome der Covid-19-Erkrankung. 73 Prozent waren asymptomatisch, also symptomfrei. Vom infizierten Personal hatten 52 Prozent Symptome, 48 Prozent nicht.

In 26 von 37 Seniorenzentren im Landkreis – das entspricht 70 Prozent – sind Covid-19-Fälle aufgetreten. Roller schlüsselte das weiter auf: In 17 Einrichtungen gab es einen bis sieben Fälle, in neun Pflegeheimen traten zwischen 10 und 81 Fälle auf. Elf Einrichtungen blieben coronafrei.

In einem Ausblick kündigte der Gesundheitsamtsleiter dann an, dass eine Organisationseinheit Pandemie etabliert werden soll. Kontinuierlich beobachtet werde zudem die Entwicklung der Fallzahlen. Regelmäßig ermittelt werde der Sieben-Tage-Inzidenzwert, also die Zahl der neuen Covid-19-Fälle innerhalb einer Woche bezogen auf 100 000 Einwohner.

Liege dieser Wert bei 35 Fällen je 100 000 Einwohnern, trete eine interne Vorwarnstufe in Kraft. Dann müsse auch das Landesgesundheitsamt eingeschaltet werden, um die Lage abzuschätzen, erklärte Roller. Steige diese Zahl auf 50 pro 100 000 Einwohner, werde zunächst geschaut, ob das Infektionsgeschehen lokal begrenzt sei. Dementsprechend würden dort Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung der Infektion einzudämmen. Derzeit liegt der Sieben-Tage-Inzidenzwert im Landkreis bei knapp unter sechs Fällen pro 100 000 Einwohner.

Dr. Dieter Mühlbayer, Chefarzt am Institut für Labordiagnostik und Krankenhaushygiene an den Kreiskliniken Reutlingen, berichtete dem Kreistag, wie das Klinikum auf die Corona-Entwicklungen reagierte. Als sich abzeichnete, dass sich das Infektionsgeschehen zur Pandemie ausweitet, wurde an allen drei Klinikstandorten die Auslastung zurückgefahren und zum Beispiel Patienten, bei denen eine Behandlung oder Operation nicht dringend erforderlich war, abbestellt. Der Ambulanzbetrieb wurde weitgehend eingestellt und das Personal zur Verstärkung der Isolier- und Intensivbereiche neu verteilt. An der Albklinik in Münsingen wurde sogar die gesamte Chirurgie vorübergehend stillgelegt. Des Weiteren wurden zusätzliche Beatmungsgeräte, Blutgasanalyse-Geräte und natürlich Schutzausrüstung für das Personal angeschafft.

Dank dieser Maßnahmen konnten kurzfristig 150 Betten im Isolierbereich und 50 Betten in der Intensivmedizin für Covid-19-Fälle zur Verfügung gestellt werden. Das ist ein Viertel der Gesamtbettenkapazität der Kreiskliniken.

Die ersten zwei Patienten wurden am 10. März stationär aufgenommen. In den folgenden Wochen stieg diese Zahl kontinuierlich an, Mitte April wurde der Höchststand mit etwa 54 Covid-19-Erkrankten in den drei Kliniken erreicht. Danach war die Zahl der Behandelten rückläufig, sie liegt aktuell bei sechs Patienten.

Die Auslastung der Kreiskliniken entwickelte sich unterschiedlich. Im März wurden an allen drei Standorten deutlich weniger Patienten behandelt als zuvor. Das Klinikum am Steinenberg sowie die Ermstalklinik in Bad Urach waren Ende des Monats nur gut zur Hälfte belegt. In der Albklinik in Münsingen war der Rückgang noch drastischer: War sie zu Monatsbeginn noch zu mehr als 70 Prozent ausgelastet, so sank dieser Wert bis zum Monatsende auf rund 25 Prozent. Im April und Mai wurden in Reutlingen und Bad Urach wieder steigende Belegungszahlen mit einer Auslastung zwischen 50 und über 70 Prozent erreicht. In der Albklinik blieb sie zunächst weiter rückläufig, um sich dann bei Werten zwischen 20 und 30 Prozent einzupendeln.

Insgesamt sind nach Mühlbayers Angaben bis zum 25. Mai 176 Covid-19-Patienten im Alter von 26 bis 96 Jahren in den Kreiskliniken behandelt worden. Das Durchschnittsalter liegt bei 73,2 Jahren. 129 Patienten konnten wieder entlassen werden. 32 Personen im Alter von 69 bis 94 Jahren (Durchschnittsalter 80,8 Jahre) sind im Krankenhaus verstorben.

Der Chefarzt gab auch bekannt, dass insgesamt 41 Mitarbeiter der Kreiskliniken sich mit dem Coronavirus infiziert haben, davon sind aber 39 bereits wieder genesen. Derzeit werden die coronabedingte Umschichtung der Krankenhausbetten sowie alle Beschränkungen zu Kontakten von außen nach und nach wieder zurückgenommen, um den Normalbetrieb wieder herzustellen. (GEA)