Logo
Aktuell Kriminalität

Die in Pliezhausen vermuteten Verbrecherbanden gibt es nicht

Die Polizeistatistik hat ihre Tücken. Ein Hauptkommissar erläutert die Fallzahlen für Pliezhausen

Immer wieder fallen Senioren am Telefon auf falsche Polizeibeamte rein. Das liegt daran, dass die Anrufer die älteren Leute mass
Immer wieder fallen Senioren am Telefon auf falsche Polizeibeamte rein. Das liegt daran, dass die Anrufer die älteren Leute massiv unter Druck setzen. FOTO: GOLLNOW/DPA
Immer wieder fallen Senioren am Telefon auf falsche Polizeibeamte rein. Das liegt daran, dass die Anrufer die älteren Leute massiv unter Druck setzen. FOTO: GOLLNOW/DPA

PLIEZHAUSEN. Polizeihauptkommissar Hubert Rudolf hat die Kommunalpolitiker und die Zuschauer im Gemeinderat vorgewarnt: »Die Zahlen sind mehr Schein als sein. Es ist nicht so schlimm, wie es scheint.« Rudolf, der Leiter des Polizeipostens Reutlingen-Nord, stellte im Rat am Dienstag die Polizeistatistik für 2019 vor. Warum er das nun erst im Oktober tut, erklärte Pliezhausens Bürgermeister Christof Dold mit der veränderten Situation durch das Coronavirus. Darum habe sich ihr Besuch verspätet.

»Die Verbrecherbanden, die Sie nach der Statistik in Pliezhausen vermuten, gibt es nicht«, sagte Rudolf. Eine Schwachstelle der Statistik sei, dass Fälle mitunter zweimal darin auftauchten, nämlich im Tat- und im Aufklärungsjahr. Ein Beispiel: Im vergangenen Jahr gab es 45 schwere Diebstähle, im Vorjahr aber nur 16. »Davon sind 18 Einbrüche in Kellerräume, die ein Täter begangen hat.« Insgesamt konnten ihm zusammen mit Wohnungseinbrüchen 20 Taten nachgewiesen werden. »Das hat Ihnen die Statistik verhagelt. Das muss man wissen«, sagte Rudolf. Weil die Polizei den Täter in diesem Jahr geschnappt hat, stünden die Taten erneut in der Kriminalitätsstatistik 2020. »Wenn man nur den Blick für die Zahlen hat, kann es missverständlich sein«, stellte Rudolf klar.

Die Statistik 2019 weist für den Kernort Pliezhausen 168 Taten (97 im Vorjahr) aus, für Rübgarten 33 (2018: 15), für Gniebel 21 (2018: 33) und für Dörnach sechs (2018: fünf). »Es ist aber so, dass Fälle, die keinem Teilort zugeordnet werden können, automatisch zu Pliezhausen gerechnet werden«, erklärte Rudolf. Die Statistik verzeichnet für das vergangene Jahr 259 Straftaten und damit eine deutliche Zunahme um 71 gegenüber 2018. Doch trotzdem bestünde in Pliezhausen kein Grund zur Sorge: »Ihre Gemeinde ist sicher – ohne Wenn und Aber.«

Die Kriminalitätshäufigkeitszahl, also die Fälle eines Orts hochgerechnet auf 100 000 Einwohner und damit vergleichbar, ist für Pliezhausen 2664. Zum Vergleich: In Reutlingen beträgt sie 6141. »Dort ist sie immer hoch, aber niedriger als in ähnlich großen Städten wie Pforzheim oder Ulm.« Im Kreis an der Spitze liegen Metzingen wegen der Kriminalität in der Outletcity mit 6963 und Zwiefalten mit 6815. »Das liegt an den Patienten in Zwiefalten«, erläuterte Rudolf. Dort ist eine psychiatrische Klinik angesiedelt.

Zurück zu Pliezhausen: Dort gab es 2019 wie schon im Vorjahr keine Tötungsdelikte. Die Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung waren wie im Vorjahr konstant bei drei Taten. Dazu zählte ein Fall, in dem ein Beschuldigter zwei Mädchen über Instagram aufgefordert haben soll, ihm erotische Aufnahmen zu schicken. Der Täter bekam aber keine Bilder.

Mehr Körperverletzungen

Die Zahl der sogenannten Rohheitsdelikte, also Raub, Körperverletzungen, Freiheitsberaubung, Nötigung und Bedrohung, ist mit 40 Fällen um zehn gestiegen. Der Schwerpunkt sind Körperverletzungen, die im Vergleich zu 2018 von zehn auf 24 Fälle angestiegen sind. Rudolf hat sich die Taten im Einzelnen angeschaut. »Es waren keine schweren Straftaten.« Beispielsweise habe ein Mann einem anderen eine Bierflasche auf den Kopf gehauen, weshalb der Geschädigte sich dann beim Täter revanchierte.

Deutlich zugenommen hat die Zahl der Betrugsdelikte von 19 auf 53 Taten. »Früher haben wir die am Ort des Täters verortet«, erklärt Rudolf. In diesem Jahr tauchen sie erstmals beim Ort der Betrugsopfer auf. Darunter fallen der Enkeltrick, falsche Gewinnversprechen und Warenbetrug über Internetportale, bei denen nach der Zahlung keine Ware kommt. »Die hat es vorher auch gegeben, sie wurden aber nicht bei den Orten eingetragen.« Dadurch komme es zu einer Erhöhung. Auch wenn die Opfer in Pliezhausen sind, säßen die Täter oft im Ausland. »Die Zahlen erschrecken, es steckt aber etwas anderes dahinter«, stellte Rudolf klar.

Das eine ist die Statistik, das andere das Handeln in den Gemeinden. »Die Kollegen vor Ort wissen, wo der Hase im Pfeffer liegt und können sofort reagieren.« In Pliezhausen ist das die Aufgabe von Oberkommissar Tobias Pape vom örtlichen Polizeiposten. (mak)