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Tonne-Theater in Grafeneck: Bewegende Szenen am Originalschauplatz

Das Tonne-Theater kommt mit dem Stück »Hierbleiben … Spuren nach Grafeneck« zum Ausgangspunkt zurück.

Das inklusive Ensemble des Theater Die Tonne Reutlingen in Grafeneck.
Das inklusive Ensemble der Tonne spielt sein Stück in Grafeneck. FOTO: TONNE
Das inklusive Ensemble der Tonne spielt sein Stück in Grafeneck. FOTO: TONNE

MÜNSINGEN-GRAFENECK. Seit Herbst 2020 ist das Reutlinger Tonne-Theater mit seinem spartenübergreifenden inklusiven Straßentheaterprojekt »Hierbleiben … Spuren nach Grafeneck« unterwegs und bespielt damit Plätze in Orten, aus denen im Jahr 1940 Menschen mit Behinderung systematisch abgeholt wurden, um sie in Grafeneck zu ermorden. Nach bisher 16 Spielorten kam das Ensemble nun am Dienstag an jenen Ort, der für 10.654 Menschen nicht nur Endpunkt ihrer Reise in den berüchtigten grauen Bussen, sondern auch gewaltsamer Endpunkt ihres Lebens war: ins Schloss Grafeneck.

Zu Beginn der Arbeit waren alle Beteiligten schon einmal dort gewesen und hatten sich in der Gedenkstätte über die unfassbaren Geschehnisse kundig gemacht sowie die Atmosphäre aufgesogen, um daraus Ideen zu gewinnen für die Produktion auf den Spuren deportierter und ermordeter Menschen.

Berichte über die Erlebnisse und Gefühle der Ensemblemitglieder bei dieser ersten Begegnung sind ins Stück eingebaut. Ebenso Erkenntnisse aus dem dokumentarischen Material, wie etwa die »Trostbriefe«, die nach der Ermordung, mit fiktiven Todesursachen versehen, die Angehörigen ruhigstellen sollten.

Mit – trotz aller persönlicher Betroffenheit – großer Spielfreude nähert sich das zwölfköpfige Ensemble in der 90-minütigen Auseinandersetzung über Schauspiel und Tanztheater mit viel (Live-)Musik sowie bildender und Medienkunst dem Umgang der Nazis mit Menschen, die nicht der gesetzten Norm entsprachen.

Interaktive Momente wie das Überreichen der selbst gestalteten Porträts schaffen eine enge Verbindung zwischen Agierenden und Publikum. So sprang auch bei der Vorstellung in Grafeneck schnell der Funke über zu den rund 120 Zuschauern. Sicherlich spielte dabei auch der geschichtsträchtige Ort eine Rolle, der auch die Mitwirkenden bei aller Professionalität besonders berührte. In vom gerade Gesehenen angeregten Gesprächen berichteten im Anschluss an die Vorstellung zahlreiche Zuschauer von einem bewegenden Theatererlebnis.

Über 1.800 Zuschauer verfolgten die bisher 17 gespielten Aufführungen. Coronabedingt hatte es nach der Premiere im September 2020 eine lange Unterbrechung der Aufführungsreihe gegeben. Außerdem hatte der interaktive Aspekt der Produktion, als endlich eine Premiere stattfinden konnte, reduziert werden müssen. Statt des ursprünglich angedachten Laufpublikums musste es feste Sitzplätze geben, um genügend Abstand zu garantieren. Trotz dieser Hürden haben mittlerweile bei nun 17 Vorstellungen über 1 800 Zuschauer die Produktion erlebt – in der Region etwa in Gammertingen-Mariaberg, Zwiefalten, Sigmaringen und Reutlingen.

Die Vorstellung in Gomadingen-Grafeneck bildete den Abschluss der Aufführungsreihe vor den Sommer- und Theaterferien. Ab Mitte September sollen noch bis Mitte Oktober 2021 weitere acht Termine das Projekt beschließen.

Kooperationspartner sind BAFF (Träger: Lebenshilfe und Bruderhaus-Diakonie), die Fakultät für Sonderpädagogik der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, die Bruderhaus-Diakonie-Werkstätten Reutlingen sowie die Habila GmbH Rappertshofen Reutlingen. (eg)