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Was wird künftig aus den Kirchen im Land?

Protestanten und Katholiken verlieren Gläubige und müssen sparen. Warum das auch eine Chance sein kann

Zur Kletterhalle umfunktionierte Kirche in Mönchengladbach. Auch in Metzingen gibt es eine Kletterkirche. FOTO: WEIHRAUCH/DPA
Zur Kletterhalle umfunktionierte Kirche in Mönchengladbach. Auch in Metzingen gibt es eine Kletterkirche. FOTO: WEIHRAUCH/DPA
Zur Kletterhalle umfunktionierte Kirche in Mönchengladbach. Auch in Metzingen gibt es eine Kletterkirche. FOTO: WEIHRAUCH/DPA

REUTLINGEN. Während vor 20 Jahren noch drei Viertel der Bürger einer der beiden großen Konfessionen angehörte, ist es heute noch gut die Hälfte. Beide Konfessionen denken deshalb über Sparprogramme nach. Dabei stehen das Personal, aber auch die Gebäude im Mittelpunkt der Überlegungen.

- Wie entwickelt sich die Zahl der Gläubigen aktuell?

Im Jahr 2023 sind in Baden-Württemberg 53.908 Menschen aus der evangelischen und 63.836 Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten. In Baden-Württemberg gibt es damit noch 3,2 Millionen Katholiken (28,4 Prozent der Bevölkerung) und 2,8 Millionen Evangelische (25,3 Prozent der Bevölkerung). 2001 stellten Katholiken noch 39,1 Prozent, evangelisch waren 34,9 Prozent der Bürger. Allerdings besuchen nur 9,1 Prozent der Katholiken und 3,4 Prozent der Protestanten regelmäßig den Sonntagsgottesdienst.

- Wie entwickeln sich die Einnahmen der Kirchen?

Bis zum Jahr 2022 stiegen die Kirchensteuer-Einnahmen aufgrund der guten wirtschaftlichen Entwicklung an. Im Jahr 2000 nahmen die Katholiken 4,45 Milliarden Euro und die evangelische Kirche 4,25 Milliarden Euro ein. 2022 waren es 6,85 Milliarden Euro für die katholische Kirche und 6,25 Milliarden Euro für die evangelische Kirche. Hinzu kommen 550 Millionen Euro, die beide Kirchen von den Bundesländern als »Pachtersatzleistungen« für 1806 beschlagnahmte Immobilien bekommen. Diese stehen allerdings auf dem Prüfstand und die Kirchen bereiten sich darauf vor, künftig ohne diese Zahlungen auskommen zu müssen. Das Bistum Rottenburg-Stuttgart rechnet damit, dass die Einnahmen bis 2040 um 40 Prozent zurückgehen werden und sie weniger Einnahmen haben. Ähnlich sieht es in der Erzdiözese Freiburg und den Evangelischen Landeskirchen aus.

- Wofür geben die Kirchen Geld aus?

Der größte Posten ist das Personal. Bei der katholischen Diözese Rottenburg-Stuttgart machen die Kosten für das Pastorale Personal mit 104 Millionen Euro bei einem Gesamtbudget von 448 Millionen Euro den größten Einzelposten aus. Laut der Evangelischen Landeskirche Württemberg wird 36 Prozent der Kirchensteuer für Gemeindearbeit vor Ort ausgegeben, 8 Prozent für Jugendarbeit, 2 Prozent für Sonderstellen, etwa für Krankenhaus-, Polizei- Militär- oder Gefängnisseelsorge, 12 Prozent für Schulen und Erwachsenenbildung, 12 Prozent für Verwaltung, 8 Prozent für Gebäudeunterhalt. »Gebäude und Finanzen müssen unter dem Aspekt der Generationengerechtigkeit betrachtet werden, denn Gebäude binden einen Großteil der finanziellen Mittel in der Evangelischen Landeskirche in Baden«, schreibt deren Pressesprecher Stefan Herholz.

- Wie wollen die Kirchen sparen?

Die Zahl der Pfarrstellen wird zusammengestrichen, Kirchengemeinden werden zusammengelegt, aber auch die Anzahl der Gebäude wird reduziert. Auf katholischer Seite wird dabei zwischen sakralen und nicht-sakralen Gebäuden unterschieden. Der neue Rottenburger Bischof Klaus Krämer kündigte an, 30 Prozent der nicht-sakralen Gebäude veräußern zu wollen. Die sakralen Gebäude seien bisher ausgespart. Darüber müsse man jedoch in Zukunft nachdenken, so Krämer. Die Erzdiözese Freiburg bestätigt auf GEA-Anfrage, dass eine Umnutzung und Veräußerung von Kirchen »in den nächsten Jahren unvermeidbar« sei. Eine zentrale Kategorisierung anhand konkreter Kriterien gebe es in der Erzdiözese nicht. Man unterstütze und berate jedoch die Gemeinden, wenn Sanierungen an-stünden, heißt es.

- Wie wird entschieden, welche Kirchen verzichtbar sind?

Die Evangelische Landeskirche Württemberg ist da bereits weiter. Pressesprecher Dan Peter bestätigte dem GEA, dass derzeit alle Gebäude nach festen Kriterien kategorisiert werden. Dazu gehören der Sanierungsbedarf, Energieeffizienz, die Lebendigkeit des Gemeindelebens, aber auch die Frage, ob die Kirche wichtig für die Identifikation der Einwohner oder gar eine Touristenattraktion ist. Daraus werde ein Punktesystem errechnet, an dem sich die Gemeinden bei Entscheidungen über Gebäude orientieren können, sagt Peter. Er betont allerdings, dass die Entscheidung über den Verkauf eines Gebäudes immer die Gemeinde treffe und nicht die Landeskirche. Auch sei das Punktesystem eine Entscheidungshilfe, aber kein absolutes Kriterium. »Ein so zentrales Gebäude wie die Reutlinger Marienkirche werden wir sicherlich auch dann behalten, wenn es im Punktesystem nicht ganz so gut abschneidet«, sagt Peter, der in Gomaringen lebt, dort Gemeindepfarrer war und sich deshalb in der Region auskennt. Bisher seien in Württemberg nur wenige Kirchen verkauft oder umgewidmet worden und wenn, dann seien sie anderen Religionsgemeinschaften innerhalb der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen überlassen worden. Ausschlusskriterien bei einer Umnutzung gebe es nicht, allerdings tue man sich schwer mit Nutzungen, die den Wertvorstellungen der Evangelischen Kirche entgegenstünden. Auch würden eher die nach dem Krieg erbauten sogenannten Siedlungskirchen veräußert als barocke, gotische oder romanische Kirchen. »Da ist es so, dass die Generation, die diese Kirchen teilweise mit großem Eigenengagement aufgebaut hat, für den Erhalt dieser Kirchen kämpft«, sagt Peter.

Umfrage (beendet)

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Protestanten und Katholiken verlieren Gläubige und müssen sparen. Während vor 20 Jahren noch drei Viertel der Bürger einer der beiden großen Konfessionen angehörte, ist es heute noch gut die Hälfte.

43%
44%
13%

Deutlich weiter ist man bei den Protestanten im badischen Landesteil. Dort wurden bereits alle Kirchen und Gemeindehäuser nach einem Ampelsystem klassifiziert. Das Ergebnis: 30 Prozent des Bestandes wurden als grüne Gebäude eingestuft, die dauerhaft von der Landeskirche mitfinanziert und gehalten werden sollen. Die Zukunft gelber Gebäude (40 Prozent) soll in den nächsten Jahren sukzessive geklärt werden. Rote Gebäude (30 Prozent) erhalten keine Baubeihilfe mehr. »Für rote Gebäude müssen fortan andere Finanzierungs- und Nutzungskonzepte gefunden werden. Nicht zuletzt müssen jedoch auch Gebäude – insbesondere rote und gelbe Gemeinde- und Pfarrhäuser, aber auch Kirchen – verkauft werden. Dieser Prozess soll bis 2050 kontinuierlich überprüft werden. Das Ziel ist, dann eine klimagerechte Sanierung des Gebäudebestandes abgeschlossen zu haben«, so Pressesprecher Herholz.

- Wer will eine Kirche kaufen?

Immobilienmakler Michael Pinteric aus Plochingen betreibt das Portal www.kirche-kaufen.de. Er schildert, dass die Nachfrage von potenziellen Käufern an Kirchengebäuden hoch sei, dass allerdings bisher nur wenige Kirchengebäude zum Verkauf stünden. »Es kommen noch zu wenige Kirchen auf den Markt und dann gibt es zu viele Auflagen«, sagt er auf GEA-Anfrage.

- Wie viele Kirchen stehen zum Verkauf?

In einem Positionspapier bezifferten die evangelischen und katholischen Bistümer die bis 2060 zum Verkauf stehenden Kirchenimmobilien auf 40.000. Damit sind aber nicht nur Gotteshäuser, sondern auch Pfarrhäuser und Gemeindehäuser gemeint. Auf dem Portal kirchengrundstuecke.de, das von der evangelischen Kirche betrieben wird, stehen derzeit vier Kirchen zum Verkauf, darunter die denkmalgeschützte ehemalige Thomaskirche in Mannheim-Neuostheim zum Preis von 640.000 Euro.

- Was wird aus einem Kirchengebäude, wenn es verkauft wird?

In Neustetten-Remmingsheim wurde aus einer neuapostolischen Kirche ein Heimatmuseum, in Albstadt-Pfeffingen wird eine ehemalige methodistische Kirche für Tierbestattungen genutzt. In Nordrhein-Westfalen wird eine ehemalige Kirche als Kletterhalle genutzt. In Füssen wurde eine Kirche abgerissen. In den Niederlanden, wo der Prozess bereits weiter vorangeschritten ist, werden ehemalige Kirchen beispielsweise als Tanzstudios, Hotels oder Altersheime genutzt. Dort äußerten sich spezialisierte Immobilienentwickler dahingehend, dass man versuche, ehemalige Kirchen als für die Öffentlichkeit zugängliche Gebäude zu erhalten. Denn viele Gemeinden würden einer privaten Nutzung ehemaliger Kirchen skeptisch gegenüberstehen. Im Bistum Würzburg, wo erstmals eine Kategorisierung der Bestandskirchen vorgenommen wurde, ist bei einem Verkauf eine Nutzung als Bordell oder Spielhalle ausgeschlossen worden.

- Welche Chance liegt in der Veränderung der Kirchenstruktur?

»Die Fusion von Kirchengemeinden kann auch eine Chance sein. Wenn man bisher immer sechs bis acht Leute im Gottesdienst war und plötzlich sind das mit der Nachgemeinde zusammen 150 Leute«, sagt Dan Peter. In Stuttgart hätten einige Kirchengemeinden durch Spezialisierungen etwa auf Gospel-Musik einen regelrechten Boom verzeichnet. Auch die Kesselkirche in Stuttgart, die als Jugendkirche begann, nun aber eine Familienkirche sei, nennt Peter als Positivbeispiel. Großen Zulauf gab es auch bei Einzelveranstaltungen wie Gottesdiensten mit Liedern von Taylor Swift, die vielfach kopiert worden seien. Bischof Klaus Krämer, der lange für die Weltkirche zuständig war, sagte dem GEA, dass man sich einiges von Diaspora-Christen, beispielsweise in Indien abschauen könne, wo die räumlichen Distanzen, die es zu überwinden gelte, noch viel größer seien, als alles, was hierzulande bei den Reformen geplant sei. Und dennoch gebe es dort einen lebendigen Glauben, der ihn beeindruckt habe, sagt Krämer. (GEA)

 

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