Warum das Leben nicht etwas lässiger nehmen? Zumal, wenn die Sonne so schön scheint über der Adria. Schließlich müssen die Besucher von Montenegro nicht das fürchten, was die Bewohner dieses Landstrichs jahrhundertelang in Angst und Schrecken versetzte: Piraten oder Soldaten fremder Völker, die sich dieses schöne Stückchen Erde unter den Nagel reißen wollten – und die Menschen, die dort lebten. Das versuchten die Osmanen, die Venezianer und auch Österreich-Ungarn gegen den Widerstand des eigenwilligen Bergvolks, das hier lebte und sich seine Identität bewahren wollte. Gegen alle Angriffe.
Vor vielen Jahrhunderten, sagt die Fremdenführerin, waren nicht Olivenöl oder Wein die kostbarste Beute, sondern Männer. Die konnten nämlich auf dem Sklavenmarkt in Tripolis teuer verkauft werden. Wenn die Männer aufs Meer hinausfuhren, beteten ihre Frauen dafür, dass sie wieder zurückkehren und nicht gekapert und verschleppt wurden.
Aus dieser Sorge ist wohl auch eine Insel mitten in der Bucht von Kotor entstanden, die zu den schönsten 25 Buchten der Welt gezählt wird. 1452 hatten zwei Fischer auf einem aus dem Wasser ragenden Felsen ein Bildnis der Madonna mit dem Jesuskind entdeckt und nahmen das als Zeichen von oben, hier eine heilige Stätte zu errichten.
100 Schiffe versenkt
Viele Steine wurden ins Wasser geworfen, rund 100 Schiffe versenkt, die Steine geladen hatten, bis die Insel ihre heutige Größe von rund 3.000 Quadratmetern erreicht hatte und nun mit Kirche und Museum Anziehungspunkt nicht nur für Gläubige, sondern auch für Touristen ist.
Noch immer wird auf die wundersame Wirkung dieser Stätte vertraut, sei dies, um mit Unterstützung von oben eine lange Kinderlosigkeit zu beenden oder andere Lebensziele zu erreichen. Im Erfolgsfall ist es Tradition, besondere Gaben, kunstvoll Gesticktes oder andere kleine Kostbarkeiten, zu spenden, die im Museum ausgestellt werden. Neben dem orthodoxen Kloster Ostrog im Hinterland Montenegros, das kunstvoll in eine Felswand hineingebaut wurde, ist der Besuch der Insel Maria vom Felsen fast ein Muss für Besucher des kleinen Landes, das eine erstaunliche Vielfalt aufweist.
Wer seinen Urlaub am Strand der Adriaküste verbringen will, kommt hier ebenso auf seine Kosten wie diejenigen, die bei Städtebesichtigungen ihren Horizont erweitern möchten. Denn die Hauptstadt Podgorica oder die Hafenstadt Bar lohnen ebenso einen Besuch wie Budva, einst südlichste Stadt der K.-u.-k.-Monarchie, von der aus mit einem Spiegelsystem Nachrichten innerhalb einer Stunde Wien erreichten.

Charme haben auch der kleine Ort Perast oder die alte Handelsstadt Kotor. Bei Letzterer empfiehlt sich eine Besichtigung dann, wenn nicht gerade eines der 500 Kreuzfahrtschiffe, die dort im Jahr anlegen, seine Passagiere auf Landurlaub geschickt hat.
Aber auch für diejenigen, die es in die Natur zieht, hat Montenegro viel zu bieten. Die einst von schwarzen Kiefern bewachsenen Berge, denen Montenegro seinen Namen verdankt, locken den Wanderer ebenso wie die fünf Nationalparks des Landes. Spektakulär ist auch der Fluss Tara. Dessen 1.300 Meter tiefe Schlucht wird nur noch vom Grand Canyon in den USA übertroffen.
Mit der Seilbahn
Manchmal sind Kultur und Natur auch nur eine ganz kurze Reise voneinander entfernt. Von Kotor, geprägt von der einstigen venezianischen Herrschaft und Weltkulturerbe seit 1979, geht es mit der vor einem Jahr eröffneten Seilbahn auf einer Strecke von 3,9 Kilometern hinauf zum Nationalpark Lovcen. In gerade mal elf Minuten bringt die Seilbahn Wanderer und Mountainbiker auf 1.348 Meter Höhe, wo sich ein atemberaubender Ausblick auf die Bucht von Kotor bietet. Schöner und leichter dürfte es woanders kaum möglich sein, von der Kultur in die Natur einzutauchen. (GEA)
Mehr Infos über Montenegro
Montenegro liegt an der Adria-Küste, grenzt an Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, den Kosovo und Albanien. Mit rund 13.800 Quadratkilometern Fläche ist es kleiner als Schleswig-Holstein. Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle. Der 620.000-Einwohnerstaat mit der Hauptstadt Podgorica ist EU-Beitrittskandidat. Zahlungsmittel ist der Euro, davor war es die D-Mark. Probleme des Landes sind Korruption und organisierte Kriminalität. (al)




