REUTLINGEN. »Martin, Martin: Es geht doch hier ums Überleben der Menschheit!« Paul Sigloch ist auf seinem Campingstuhl in den letzten Minuten immer mehr nach vorne gerutscht. Nun sitzt er auf der Kante und beugt sich weiter nach vorn. Der 35-Jährige fasst sein Gegenüber am Arm, rüttelt den 82-jährigen Karl Martin Wörz etwas, dann probiert er es noch mal. »Martin, wir müssen das alles in Kauf nehmen!« Sein Blick: eine Mischung aus Angst und Entsetzen. Eigentlich waren sich die Gesprächspartner in der vergangenen Stunde zu verschiedenen Punkten beim Thema Klimawandel einig geworden. Jetzt kocht die Stimmung hoch.
Es ist dieser Moment, der von dem Gespräch wohl am meisten in Erinnerung bleiben wird. Die Szene macht deutlich, wo die eigentlichen Konfliktlinien in der Debatte liegen und dass fast alle anderen Diskussionsfelder nur Nebenschauplätze waren. Klimawandel, Erderwärmung: Für Sigloch steht hier die Menschheit auf dem Spiel. Er ist bereit, alles zu tun, um durch Klimaschutz die Spezies Mensch zu retten. Karl Martin Wörz nennt sich dagegen »Realist«. Er will zum Thema Klimawandel Lösungen suchen, die die bisherigen Errungenschaften der Menschheit – Wohlstand, Sicherheit – nicht zu sehr gefährden.
Mit dem Projekt »Lass uns reden« will der GEA den Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher Meinung befördern. An dem Abend soll es um Klimawandel gehen und darum, ob die ältere Generation der Jüngeren die Zukunft geklaut hat. Auf dem Feld zwischen Trailfingen und Münsingen liefern Paul Sigloch und Karl Martin Wörz aber erst mal ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, den springenden Punkt zu klären, zu klären, von welcher Basis der Einzelne ins Gespräch startet.Klärung der Gesprächsbasis»Können wir uns auf die Prämisse einigen, dass es einen Klimawandel gibt und wenn ja, dass er von uns aufgehalten werden muss?« Das Gespräch in der heißen Julisonne ist um 19.15 Uhr kaum eine Viertelstunde alt, da macht der 35-jährige Sigloch Druck – will festzurren, ob Wörz überhaupt glaubt, dass der Klimawandel menschengemacht ist und die Menschheit ihn also steuern kann.

Immer wieder fragt Sigloch dazu nach, fasst zusammen. »Ich betrachte es als meine Pflicht, mitzumachen«, hatte er zu Anfang betont. Nun sorgt er dafür, dass klar ist, worüber in der nächsten Stunde gesprochen wird. »Es gab in der Geschichte oft Kalt- und Warmphasen, die abwechselten. Ich bin nicht sicher, ob Menschen das befördern«, sagt Wörz. »Wir sind uns aber einig, dass der Klimawandel gestoppt werden muss?«, fragt Sigloch. »Nein.« Nur die Hartnäckigkeit des 35-Jährigen führt dazu, dass Wörz doch eine Art menschengemachten Klimawandel als Prämisse hinnimmt.
»Natürlich haben sich Kalt- und Warmzeiten immer schon abgewechselt. Aber das passierte über riesige Zeitabstände hinweg. Heute geht das rasanter, die Evolution kommt nicht mit«, versucht Sigloch seinen Gesprächspartner mitzunehmen. Der nickt. Den Klimawandel aufhalten will er noch nicht. »Aber die Geschwindigkeit des Wandels muss verlangsamt werden, ja, da geb’ ich Dir recht«. »Uns geht es also um die zu hohe Geschwindigkeit des Wandels?« Sigloch zurrt den Sack zu. »Ja.« Problembereich abgesteckt: Sigloch und Wörz lächeln zufrieden. Was schon da zu bemerken ist: Es wird kein Gespräch unter feindseligen Fremden, sondern eins zwischen zwei Demokraten. Beide wollen sich verstehen. Klima finden sie beide wichtig – nur eben anders.
»Der Klimawandel interessiert mich noch mehr als Corona«, hatte Wörz in seiner Mail zuvor an den GEA geschrieben. Nur von Greta Thunberg halte er nicht viel. Er glaube auch nicht, dass das Klimathema eine Generationenfrage sei. Wörz war neben einem Mann der Einzige unter vielen älteren Lesern, der in seiner Antwort auf den GEA-Aufruf das Klimathema nicht unbedingt als »Generationenthema« definiert hatte. Wörz war der Einzige, der am Telefon sagte, dass auch jüngere Menschen irgendwann ein Haus und ein Auto wollten und auch für sie später nicht mehr nur die Umwelt zähle. Die meisten Leser, die antworteten, sahen das anders und attestierten jungen Klimaschützern Weitsicht, den Alten Behäbigkeit. Im Gespräch mit Sigloch ist die Problemstellung »zu schneller Klimawandel« nun gerade erst festgelegt, da will Wörz so schon auf die Frage hinaus, wer denn für die Lösung des Problems überhaupt verantwortlich sei.

»Wir Älteren schmeißen ja nicht die Kippen auf die Straße, wir trennen unseren Müll und sammeln das Pfand. Uns kann man doch nicht vorwerfen, zu wenig zu tun. Außerdem tun wir doch schon viel – gemessen an unserem Anteil an der Weltbevölkerung.« Während der 82-Jährige spricht, beißt sich Sigloch auf die Lippen. »Ja! Aber wir tun zu wenig«, schießt es aus ihm raus. Ob Deutschland mehr tun sollte oder China, ob die Älteren oder Jüngeren mehr Verantwortung tragen: Die Frage danach, um welche Zielgruppe es geht, die das Problem lösen soll, reißt in dem Moment ab. Sigloch ist schon bei der Problemlösung: »Das Fliegen« wird für ihn zum Exerzierobjekt, an dem er verhandelt, welchen Luxus die Menschheit für das Klima aufgeben muss.
»Es wird entscheidend sein, ob wir in Zukunft viel fliegen.« Fliegen müsse teurer werden, fordert der 35-Jährige und unterstreicht das mit Gesten. »Dann müssen die Leute eben Jahre auf den Urlaub sparen.« Eindringlicher Blick. Der Flugverkehr ist für ihn symbolische Stellschraube im Kampf gegen Erderwärmung. Wörz stimmt zu. Beide finden, dass sich was tun muss. Problem, Lösung sind so identifiziert: Wo ist der Haken?
»Das Problem ist nicht Deine Generation«, sagt Sigloch. »Ihr habt die Lebensleistung vollbracht, Deutschland wieder aufzubauen. Das Problem ist die Babyboomer-Generation.« Der 35-Jährige fläzt sich in seinen Stuhl und mimt einen satanistisch grinsenden Machtmenschen: »So haben die sich damals zurückgelehnt, als die alles hatten.« Die müsse man jetzt zum Umdenken bekommen. Aber wie? Bald ist das Thema Fridays-for-Future.
»Schade, dass kein Aktivist Zeit hatte, statt meiner zu diskutieren«, hatte Sigloch zuvor noch gesagt. Er nimmt nun die Position ein, die ein noch jüngerer Mensch bekommen hätte – hätte ein solcher sich denn auf das Format gemeldet. Zum ersten Mal fliegen jetzt Fetzen.
»Die Jugend hat das Recht zu demonstrieren, aber warum demonstriert sie nicht für konkrete lokale Themen?«, fragt Wörz. »Warum demonstrierst Du nicht für konkrete lokale Themen?« Sigloch ist wütend. »Die jungen Menschen sind doch froh, wenn sie Schule schwänzen können. Für die ist Demonstrieren ein Happening«, meint Wörz. »Du misstraust ihren Motiven. Dir liegt Demonstrieren nicht?« In der schwächer werdenden Sonne sitzen zwei Menschen, die beide für Klimaschutz sind. »Dieses Demonstrieren ist mir unsympathisch. Ich fühle mich an den Pranger gestellt.« Für Wörz geht es um eine »Art und Weise« und um die Radikalität der jungen Klimaschützer, nicht um ihr Anliegen. Plötzlich wird klar, worum sich diese Debatte eigentlich dreht.Knackpunkt am Ende sichtbar»Die wollen auch mal in den Urlaub fahren, leben. Das wollen die auch«, sagt Wörz.
»Ich bin Realist«, wiederholt er später. »Weißt Du, was hier los ist, wenn im Zuge der Energiewende der Strom ausfällt? Ich will diese Zeiten nicht mehr erleben.« Wörz ist laut, Siglochs Stimme ist fest: »Ich fordere, dass der Strom ab und an ausfällt. Martin, ihr habt aus dem Nichts Deutschland aufgebaut und das sollt ihr nicht aushalten?« Er werde seine Enkel nicht mehr ansehen können, wenn die Erde einst nicht lebenswert sei. »Jetzt übertreibst Du aber«, meint Wörz. Was sind die Folgen eines zu schnellen Klimawandels? Welchen Preis sollte die Menschheit zahlen, um ihn zu stoppen? Am Ende bleiben diese Fragen offen.
»Wir haben keine Einigkeit hergestellt, sondern nur aufgedeckt, wo wir übereinstimmen und wo nicht«, wird Sigloch später das Gespräch bewerten. »Der zentrale Dissens ist, dass Du, Martin, sagst, dass den Menschen die Veränderungen nur bis zu einem gewissen Punkt zuzumuten sind. Und ich sage: Es muss mehr passieren.« »Ich denke an die Arbeiter und Familien«, betont Wörz. Sigloch wird nochmals eindringlich: »Mensch, es geht hier ums Überleben der Menschheit.« (GEA)


