LEVERKUSEN. »Der Gipfel für Genießer«, titelte das Sportmagazin Kicker in dieser Woche vor dem Topspiel zum Auftakt des neunten Bundesliga-Spieltags. Ja, es waren wahre und vor allem spektakuläre Fußball-Feste, die sich Bayer Leverkusen und der VfB Stuttgart in den letzten vier Aufeinandertreffen lieferten. Somit waren die Erwartungen vor dem bereits fünften Duell in den vergangenen elf Monaten gewaltig. Leverkusens Meistertrainer Xabi Alonso wusste jedenfalls bereits am Donnerstag auf der Pressekonferenz, was auf ihn zukommt: »Nach jedem Spiel gegen Stuttgart bin ich kaputt.«
Kaputt vor Anspannung, in jedem Fall aber vor purer Erleichterung, dürfte dagegen das Team von VfB-Trainer Sebastian Hoeneß am Freitagabend nach dem 0:0-Remis gewesen sein. Nach der ersten torlosen Punkteteilung in der nun eineinhalbjährigen Amtszeit des 42 Jahre alten Coaches stellte sich im Rund der mit 30.210 Zuschauer ausverkauften Bay-Arena eigentlich nur eine Frage: Wie um alles in der Welt kann diese Begegnung mit 0:0 enden? Das ist eine gute Frage. Fakt ist: Der VfB hatte mehr Glück als Verstand.
Leverkusen fast mit drei Expected Goals
Es war ein Endergebnis gegen alle Wahrscheinlichkeiten. Wortwörtlich. Denn der Wahrscheinlichkeit zugrunde, den sogenannten zu erwartenden Toren, hätten die in der vergangenen Bundesliga-Saison ungeschlagen gebliebenen Hausherren gegen den VfB sage und schreibe fast drei Treffer erzielen müssen (VfB: 0,35 »Expected Goals«). 19 Mal schossen die Leverkusener auf das Gehäuse von Gäste-Keeper Alexander Nübel, darunter befanden sich etliche hochkarätigste Möglichkeiten. Doch die Stuttgarter, die erst nach 56 Minuten den ersten Schuss abgaben und insgesamt nur auf vier Abschlüsse kamen, hatten das Glück am gestrigen Abend fest auf ihrer Seite gepachtet.
Mal war es VfB-Keeper Nübel, der in der 73. Minute durch eine überragende Fußabwehr im Eins-gegen-Eins-Duell gegen Bayer-Stürmer Victor Boniface, der zuvor in der 53. Minute den Pfosten getroffen hatte, die Oberhand behielt. Mal war es Leverkusens Jeremie Frimpong, der nach einer butterweichen Flanke von Supertalent Florian Wirtz freistehend am langen Pfosten den Ball per Kopf neben das Tor setzte und vor lauter Verzweiflung und Wut seinen Frust an einer Werbebande abließ. Mal war es die Latte, die ein Kopfballtor von Edmond Tapsoba nach einer Ecke verhinderte. Oder eine Kopfabwehr von VfB-Verteidiger Anrie Chase im Strafraum aus kurzer Distanz, die eben nicht unglücklich im eigenen Tor landete. Unfassbar.
Chase lässt Fußball-Fans staunend zurück
Jener Chase, der den Gelb-Rot-gesperrten Jeff Chabot in der Innenverteidigung ersetzte, ließ im Topspiel erneut zahlreiche Fußball-Fans und Experten staunend zurück, wie weit ein 20-Jähriger in seiner Entwicklung trotz seines erst siebten Bundesliga-Einsatzes sein kann. Das Spiel des japanischen U-Nationalspielers mag zwar noch von der einen oder anderen technischen Unsauberheit begleitet sein, was Chase jedoch in den direkten Zweikämpfen wegverteidigt und wie er seine Gegenspieler regelmäßig abkocht, das sieht man bei einem Spieler mit so wenig Erfahrung und diesem jungen Alter selten.
Der VfB, bei dem Jamie Leweling bereits nach drei Minuten aufgrund einer Oberschenkelverletzung ausgewechselt werden musste, kam wie bereits beim 0:4 gegen den FC Bayern kaum einmal in längere Ballbesitzphasen, was allerdings auch am extrem starken und hohen Pressing der Leverkusener lag, die die Cannstatter über jeden Quadratzentimeter des Rasens energisch jagten und beackerten. »Wir hatten hier vier Duelle in diesem Jahr, das war unser schlechtestes Spiel«, betonte der bärenstarke Stuttgarter Keeper Nübel nach dem 13. Zähler im neunten Spiel. Mit dieser Einschätzung trifft der stets sehr reflektiert sprechende 28-Jährige den Nagel auf den Kopf. Aber manchmal darf man auch ein wenig Glück haben. Erst recht mit Blick auf die jüngere Geschichte, als dem VfB gleich zweimal in letzter Sekunde von Leverkusen der Sieg aus der Hand gerissen wurde. Zwar wurde es dieses Mal kein »Gipfel für Genießer«, fest steht jedoch: Diese Begegnung hat scheinbar immer etwas zu bieten. (GEA)

