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Missbrauch im Sportverein: Betroffene aus Kreis Reutlingen erzählt

Sexueller Missbrauch.
Die Zahlen der Missbrauchsfälle im Breitensport übertreffen die in der katholischen Kirche bei weitem. Foto: Deutsche Presse Agentur
Die Zahlen der Missbrauchsfälle im Breitensport übertreffen die in der katholischen Kirche bei weitem.
Foto: Deutsche Presse Agentur

REUTLINGEN. Über einen vom GEA initiierten Aufruf im Internet, meldete sich eine Betroffene zum Thema Missbrauch im Sportverein zu Wort. Die Frau (hier nennen wir sie Anne) berichtet im Gespräch mit GEA-Volontärin Isabelle Wurster über sexualisierte Gewalt, die sie als Kind in einem Sportverein in der Region ertragen musste. Bis heute leidet die ehemalige Badmintonspielerin unter dem Geschehenen, einem Verbrechen, das etlichen Kindern und Jugendlichen angetan wird. Und sie leidet unter den Folgen eines Verbrechens, für das der Täter nie zur Rechenschaft gezogen wurde.

GEA: Was ist Ihnen widerfahren und wie alt waren Sie damals?

Anne: Es gab Übergriffe während des Aufbaus im Geräteraum, bei Übungen, in der Umkleidekabine. In die Dusche kam er einfach rein. Das war im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren.

Wem konnten Sie sich anvertrauen, nachdem es passiert war?

Anne: Es blieb, bis ich 32 Jahre alt wurde, ein Geheimnis.

Warum hat es so lange gedauert?

Anne: Ich denke, man traut sich einfach gar nicht, etwas zu sagen. Man ist so voller Schock. Und dann fängt man an zu verdrängen.

Wem haben Sie schließlich von dem Missbrauch erzählt?

Anne: Einem Therapeuten, wir haben mit einer Trauma-Therapie angefangen.

Gab es noch andere Betroffene?

Anne: Ja, zwei andere Mädchen aus dem Verein. Wir haben aber selbst untereinander nicht darüber gesprochen.

Hatte die Tat Folgen für den Täter?

Anne: Leider nein.

Wie beeinflusst der Missbrauch Ihr Leben bis heute?

Anne: Ich habe kein Selbstwertgefühl und traue mir nichts zu. Das spiegelt sich in der Arbeitswelt extrem wider. Also meist bei Leistungsdruck.

Was geschieht dann mit Ihnen?

Anne: Es gibt Situationen im Leben, die mich ›antriggern‹. Dann fange ich an zu dissoziieren. Mir schlafen die Hände ein. Ich sehe nicht mehr richtig und kann mich nicht bewegen. Man nennt das eine Abspaltung der Seele.

Sie konnten mit dem Thema bisher also nicht abschließen?

Anne: Es ist schon besser geworden, jedoch nie ganz in die Auflösung gegangen. Meine Sexualität ist keine schöne. Ich habe Schwierigkeiten zu vertrauen. Allgemein bei sozialen Kontakten.

Können Sie mir sagen, in welchem Landkreis der Verein liegt?

Anne: Es war in der Herrenberger Region.

Haben die Übergriffe dazu geführt, dass Sie mit Badminton aufgehört haben?

Anne: Nein. Ich habe noch weitere Jahre gespielt. Aber der Trainer hat gewechselt.