PARIS. Sie ist das sportliche Gesicht des Widerstands bei diesen Olympischen Spielen. Jaroslawa Mahutschich erspringt nicht nur Gold, sie ist Hochspringerin zwischen Krieg und Frieden. »Ich möchte der Welt zeigen, dass wir Ukrainer stark sind«, sagt die 22-Jährige. Gold für Mahutschich, Gold für die Ukraine. Damit hat die junge Frau alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt: Sie ist Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin. In Paris verbesserte sie vor wenigen Wochen den 37 Jahre alten Weltrekord der Bulgarin Stefka Kostadinova, die 1987 in Rom mit 2,09 Metern Weltmeisterin geworden war mit einem Sprung ins nächste Jahrzehnt: 2.10 Meter. Das Stade France in Paris ist ein gutes Pflaster für sie, 70.000 Zuschauer haben sie gefeiert, und damit ein sportliches Zeichen in den Krieg geschickt.
Plötzlich im Krieg gewesen
Und auch diesen Rekord widmete sie den Menschen in ihrer vom Krieg heimgesuchten Heimat. »Die Russen töten Menschen in meinem Land, diese werden nie mehr feiern, nie mehr eine solche Atmosphäre wie hier genießen können«, sagt Mahutschich, die politisch motivierte Athletin.
Erst mit 13 hat sie mit dem Hochsprung begonnen und ist in nur neun Jahren kometenhaft zur weltbesten Springerin aufgestiegen. Am 24. Februar 2022 erlebte sie in ihrer Heimatstadt Dnipropetrowsk sie dramatische Tage. In den Morgenstunden war sie am Bombenlärm aufgewacht. »Was ist das?!« hat sie ihren Vater gefragt. »Es ist Krieg«, lautete dessen Antwort. »Es war schrecklich, in diesen Zeiten über Wettkämpfe nachzudenken«, erinnert sie sich an diese Augenblicke.
Mahutschich machte sich mit ihrer Trainerin Tatjana Stepanowa dennoch im Auto auf den Weg 2.000 Kilometer quer durch Europa nach Belgrad und wurde dort Hallenweltmeisterin. Seitdem ist sie auf ihrer fast endlosen Reise unterwegs durch die Stadien der Leichtathletik-Welt, fernab der Heimat Dnipro. Ihr Markenzeichen: blau gelb, die Farben der Ukraine, im Trikot, als Lidschatten über den Augen oder auf den Fingernägeln. Mahutschich, die Patriotin.
Jaroslava Mahutschich hat in Paris die langjährige russische Überfliegerin Marija Lassizkene als Olympiasiegerin abgelöst. Vor dem Krieg waren sie befreundet. Bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 posierten beide mit ihren Nationalflaggen: die Russin mit Gold, Mahutschich mit Bronze. Der Krieg hat die Freundschaft zerbrochen. Die klare Botschaft der Ukrainerin: »Russische und belarussische Athleten dürfen nicht zu den Olympischen Spielen zugelassen werden.« So ist es in der Leichtathletik gekommen. Mahutschich die Kämpferin.
Zwischenzeitlich hatte sie in Eberstadt trainiert, inzwischen ist sie in Belgien gelandet. Die Trainerin ist wie eine zweite Mutter: sie klatscht, gestikuliert, umarmt ihren Schützling und gibt ihm die notwendige Nestwärme fernab der Familie. Dieses Hochsprung-Unternehmen ist perfekt, die Ergebnisse beweisen es. »Mahutschich ist einfach grandios«, sagt die zweifache deutsche Olympiasiegerin Ulrike Meyfarth.
Doppelte Mission erfüllt
Der Wettkampf in Paris ist spannend. Die Ukrainerin kämpft gegen die Australierin Nicola Olyslagers oberhalb von zwei Meter um Gold. Beide bleiben bei zwei Meter stehen, die Ukrainerin hat die Höhe im ersten Versuch gesprungen und ist Olympiasiegerin. Ihren Weltrekord von 2.10 Meter war sie an gleicher Stelle gleich im ersten Versuch gesprungen. »The sky is the limit«, sie träumt von mehr, »ich werde daran arbeiten«. Ukrainische Flaggen im Publikum, die Friedensbotschafterin hat ihre doppelte Mission erfüllt. Mahutschich, die Überfliegerin.
Innerhalb einer Stunde hat die Ukraine gleich drei Medaillen gewonnen: Irina Geraschenko mit Bronze im Hochprung, Michaylko Kohkan Bronze im Hammerwerfen. Alle drei Starterinnen geben in ihren Statements nach dem Wettkampf politische Botschaften ab. »Das ist ein Feiertag für die Ukraine, wir können unserem Land, das uns so unterstützt, etwas zurückgeben«.
Und sie gibt ein Versprechen ab: »Die Ukraine wird gewinnen, weil wir stärker sind«, sendet sie Pfeile nach Moskau. »Meine Freunde sind im Krieg, ich darf mein Land glücklicherweise hier im Sport repräsentieren«, sagt Hammerwerfer Kokhan, »und es ist richtig, dass die Russen nicht hier sind«. Olympische Spiele zwischen Krieg und Frieden. (GEA)

