TRIER. »Sie sind auf jeden Fall deutlich besser eingespielt als unsere Mannschaft, die sich in den kommenden Wochen weiter finden muss«, sagte Tübingens Headcoach Domenik Reinboth im Vorfeld des Zweitliga-Eröffnungsspiels beim Top-Favoriten Gladiators Trier. Was nachvollziehbar klingt. Angesichts einer komplett neu zusammengewürfelten Tigers-Mannschaft auf der einen und einem praktisch komplett zusammengehaltenen Trierer Fast-Aufstiegsteam auf der anderen Seite. Wie bereit die Raubkatzen zum Saisonauftakt aber tatsächlich schon sind, zeigten sie ihrem Coach am Freitagabend eindrucksvoll.
Mit einem 77:69 (45:36)-Auswärtserfolg starteten die Neckarstädter vor 2.872 Zuschauern, davon etwas mehr als eine handvoll mitgereist aus Tübingen, in der modernen SWT-Arena in die neue ProA-Saison und setzten damit direkt ein kleines Ausrufezeichen in Richtung Konkurrenz. Bemerkenswert: Nicht einmal lagen die favorisierten Hausherren während den 40 Minuten in Führung. Das hatte aber rein gar nichts zu sagen. Denn: Gleich mehrere Male hätte die Partie in der zweiten Hälfte kippen können. Warum das nicht passierte?
Brutale Intensität in der Verteidigung
»Ganz klar aufgrund unserer Defense. Wir haben die wichtigen Stops bekommen. Wir haben offensiv - also schon viel besser als letzte Woche - zwar immer wieder unerfahrene Dinge gemacht, die so nicht sein sollten. Aber der Fokus ist die Verteidigung und die stand«, sagte der Tigers-Headcoach. Und wie sie stand. Es war ein Unterschied wie Tag und Nacht im Vergleich zur vergangenen Bundesliga-Saison, als die Tübinger bei Gegenwind etliche Male wie ein Kartenhaus in sich zusammenfielen und sich im Prinzip kampflos ergaben. Nun leckte sich jeder Spieler der Raubkatzen förmlich die Pfoten danach, seinem Gegenspieler in der Verteidigung das Leben zur Hölle zu machen. Es war eine brutale Intensität, die die energiegeladenen Reinboth-Schützlinge an den Tag legten. Längst lief jedoch - vor allem in der Offense - noch nicht alles perfekt. Zudem hatten die Tübinger auch eine kleine Portion Glück. Denn dass die Trierer nur acht ihrer 36 Dreier verwandeln, wird es im weiteren Saisonverlauf ziemlich sicher nicht oft geben.
Gleichzeitig gibt es eine spannende Erkenntnis im Vergleich zum Vorjahr. Die Verantwortung ist nun auf deutlich mehr Schultern verteilt, die Tigers so weniger ausrechenbar. Oder: Mehr Team, weniger Individuen. Gleich neun Akteure kamen 15 oder mehr Minuten zum Einsatz. Zudem punkteten vier Spieler zweistellig. Darunter Kapitän und Routinier Till Jönke (zehn). Der 32-Jährige ist aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung im Profi-Geschäft der Schlüsselspieler in dieser Saison. Auf der Bank feuerte der zweifache Familienvater seine Mitspieler kräftig an, schrie sich förmlich die Seele aus dem Leib und gab seinen Teamkollegen auf dem Feld immer wieder wichtige Anweisungen.
Jönke zeigt seinen Wert
Abseits des Feldes ist Jönke sowieso über jeden Zweifel erhaben. Doch wie wertvoll er für die Mannschaft auch auf dem Parkett sein kann, zeigte der Deutsche am Freitagabend vor allem in der zweiten Hälfte. Triers Topscorer Clayton Guillozet verkürzte nach 34 Minuten den Rückstand auf nur noch sieben Punkte. Es war wieder eine dieser Phasen, in der das Momentum auf die Seite der Gastgeber kippte. Jönke blickte zu seinen Mitspielern und zeigte an: Männer, ruhig bleiben. Direkt danach wurde er schließlich von seinem Coach aufs Feld geschickt und brachte von Beginn an die nötige Ruhe ins Spiel. Doch nicht nur das.
Mit ihm auf dem Feld überstanden die Tigers diese kritische und hektische Phase, zogen zwischenzeitlich sogar auf 17 Punkte davon und waren immerhin wieder zwölf Zähler in Führung, als er knapp vier Minuten später wieder vom Feld ging. »El Capitanooo«, brüllte der jüngste Tigers-Profi Silas Oriane, 19, auf der Bank. Mehr Führungspersönlichkeit kann ein Spieler nicht verkörpern.
Reinboth fordert: Hungrig bleiben
Schon früh in der Saison hat sich gezeigt, wie charakterstark und widerstandsfähig die neue Tigers-Mannschaft offenbar ist. Das sah auch Trainer Reinboth so: »Beim Vorbereitungsturnier in Nürnberg haben wir gegen Fribourg den Hintern versohlt bekommen. Doch wir sind zurückgekommen und haben am nächsten Tag wieder performt. Genauso letzte Woche im Pokal gegen Oldenburg. Und auch jetzt sind wir wieder zurückgekommen.« Auch wenn der erste Schritt getan ist, »sind wir immer noch in einem Prozess und müssen immer weitermachen«, meinte der 41-Jährige und ergänzte abschließend: »Wir dürfen auf keinen Fall jetzt schon zufrieden sein, sondern müssen hungrig bleiben. Doch die Jungs haben richtig Charakter gezeigt.« (GEA)

