REUTLINGEN. Zwei Ausstellungen in einem Buch: »Oststadt: Ein Zeitspaziergang« erweist sich beim Durchblättern als Schatzkästlein und bietet Anregungen, in eigenen Erinnerungen zu schwelgen. Jetzt gibt es das lange vergriffene Druckwerk wieder. Die Spende eines Aktiven der Initiative Lebenswerte Oststadt (ILOS) macht's möglich, berichtet ILOS-Sprecher Karl-Heinz Krauß. Erhältlich ist es zum Beispiel am Samstag beim Oststadt-Flohmarkt auf dem Leonhardsplatz oder auf Bestellung über die Website der Initiative.
Die seit Kurzem pensionierte Diplom-Pädagogin, langjährige Kreisrätin und überzeugte Oststädterin schmunzelt, wenn sie von dem Projekt erzählt. Bei einer Lesung jüngst auf dem Leonhardsplatz wirkte das noch immer partizipativ. Zum Bücherflohmarkt hat sie aus der Dokumentation zweier tatsächlich begehbarer »Zeitspaziergänge« in der Reutlinger Planie im Juli 2009 und Mai 2011 vorgelesen. Zuhörer nickten immer wieder zustimmend und begannen selbst zu erzählen. »Jeder konnte etwas beitragen und in Erinnerungen schwelgen, das war richtig nett«, findet sie.

Ähnlich war es bei den Vorarbeiten. Mit der Idee, »Geschichte von unten« zu dokumentieren und sich dazu von älteren Bürgern ihre Geschichten erzählen zu lassen, begann das ILOS-Projekt. Claus Roth, der die Methode eines Zeitstrahls zum Nachvollziehen von Situationen, aber auch Brüchen, innerhalb einer (Lebens-)Geschichte aus seiner psychotherapeutischen Praxis kannte, übernahm die Leitung und Akquise. »Man muss für solch' ein Vorhaben ja Spenden einsammeln«, sagt Rosemarie Herrmann. Sie selbst sammelte zwischen November 2008 und Dezember 2010 Geschichten um das Entstehen und Wachsen des Stadtteils ab 1820.
Dabei war es zunächst »ein bisschen schwierig« an die Menschen heranzukommen. Einer Fremden wie ihr gegenüber waren manche misstrauisch. Und: »Wir sind ja Schwaben. Die stellen sich nicht gern in den Vordergrund.« Was man selbst erlebt hat, erscheint nicht bedeutend genug. Doch gerade bei Kriegserinnerungen spiegle sich »im Erleben des Einzelnen kollektives Schicksal«, ist sie überzeugt. So galt es erst, die Zeitzeugen zu überzeugen, dass das, was sie zu erzählen haben, wichtig ist. Auch für andere.
Persönliches lässt den Charme des Stadtteils wieder aufleben
»Ohne dass einer beim anderen angeklopft hätte, wären nie so viele Geschichten zusammengekommen«, meint die 1960 geborene und in Erpfingen aufgewachsene Frau, die selbst seit 1987 in der Oststadt lebt. Ursula Schmidt und Lothar Rossig waren da wichtige »Türöffner«, schufen bei weiteren Ansprechpartnern »Vertrauen für unsere Sache« und erzeugten »Bereitschaft, andere am eigenen Erleben teilhaben zu lassen«. »Das war dann wie ein Schneeball.« Ist der erst angestoßen, rollt er immer weiter. Und wächst dabei.
»Manchmal habe ich zunächst gar nichts aufgenommen«, berichtet sie. Erst als sie die Zustimmung erhielt, zeichnete sie die Geschichten auf, schrieb sie zuhause in vielen Stunden nieder, ließ sie von den Betroffenen gegen- und dann von Renate Schrade korrekturlesen, bevor sie in die Dateiensammlung für die »Zeitspaziergang«-Ausstellungen kamen. So wurden nüchterne Fakten um Erlebnisse und Erinnerungen angereichert, das tägliche Leben und der Charme des Stadtteils trat durch Persönliches hervor. Den Initiatoren ging es darum, »wie haben die Menschen die unterschiedlichen Epochen erlebt?« - deshalb heißt das Buch im Untertitel »Ein Stadtteil lässt seine Geschichte sichtbar werden«.
Mischung aus leichten Anekdoten und schweren Erlebnissen
»Nicht nur Schweres« wollten sie festhalten, »sondern auch Nettes«, sagt Herrmann. So umfasst das gebundene Buch in DIN-A4 nun neben Karten wie dem Katasterplan von 1820, in dem Reutlingen noch an der Gartenstraße endete, historische Fotos und Anekdoten: Wilhelm Borth beschreibt, wie die Planie zu Zeiten, da die spätere Kaiserstraße noch ein »Hundsgraben« war, als Zeichen der Entwicklung vom »großen Dorf« einer »alten Reichsstadt« zum modernen, urbanen Zentrum wahrgenommen wurde - mit »Alleen zum Spazierengehen«, »Comödien und Caffehäusern«.

Gerda und Hermann Schwille lassen den Lumpensammler mit Tanzbär von 1930 wieder aufleben, wobei die Lumpen damals zur Papierherstellung zerrissen wurden. Matthias Böning erinnert an ein Haus, das sich 1934 um 1,15 Meter »erhob«; Hermann Schöllkopf an den ersten Autounfall 1935 - als »Maßstab für die Bedeutung eines Gemeinwesens«. Eleonore Kartmann erzählt vom »Spezereiengeschäft« in der Burgstraße, für Butter und »Bombola«; Werner Wunderlich von seiner ersten Autofahrt 1936 mit Eugen Lachenmann, »dem Herausgeber vom Generalanzeiger«, und einer Bemerkung anlässlich späterer Verkehrsunfälle: »Man muss auch nicht mit 30 Stundenkilometern durch die Stadt rasen.« Wie sich die Zeiten ändern.
»In der Oststadt gab es einst ganz viele Läden«, erzählt Rosemarie Herrmann. »In allen Eckhäusern mit Treppeleszugang.« Denn der auch von Fabrikanten wie Gminder oder Büsing mit Produktionshallen besiedelte Teil Reutlingens war schon immer Mischgebiet. »Früher hieß es, in die Stadt geht man nur, wenn man einen Mantel braucht oder ein Kostüm.« Den täglichen Bedarf deckte man 1909 etwa im Delikatessen-Laden Ecke Burg-/Urbanstraße und 1925 bei der Viktualien-Handlung B. Brodbeck in der Ulrichstraße 17. Um Bäcker Schäufele, den Vorläufer vom Wollmertshäuser, ranken sich viele Kindheitserinnerungen älterer Oststädter. Dorthin brachten die Hausfrauen einst ihre Kuchen und Gutsle auf dem Blech zum Rausbacken.
Werner Hohloch berichtet, wie 1955 die Kanalisation in sein Elternhaus in der Burgstraße 46 - heute in Blau - kam; Karl-Heinz Nisi, wie er 1982 als Student zum »Versperholer« für die Alu-Druckgussfabrik Ammer in der August-Lämmle-Straße wurde. Ursula Schmidt würdigt Otto Kimmerle, der quasi als Ur-Urban-Sketcher, alle alten Häuser der Stadt malte, die abgerissen werden sollten. Postkarten aus dem Fundus von Gerhard und Ursula Vohrer, deren väterliches Sportartikelgeschäft in den 1920-ern als »Einmannbetrieb« in einer Dachkammer in der Albstraße 1 begann, belegen den Wandel im Umgangston nach der Machtergreifung der Nazis: aus »Mein Herr! (...) erlaube ich mir, Sie um Zusendung Ihres werten Katalogs zu bitten« wurde »Schicken Sie bitte eine kostenlose ausführliche Preisliste. Mit deutschem Gruß, Heil Hitler...«.
Die Dokumentation, die aus dem ersten »Zeitspaziergang« 2009 hervorging, hatte nur etwa ein Drittel des Umfangs des heutigen Buchs. »Da haben wir nochmal zwei Jahre dran geschafft«, erinnert sich Rosemarie Herrmann, »und die Leute mit Fragebögen zum Plaudern gebracht«. So greift der zum Teil farbig illustrierte Band nun bis 2010 auch neuere Entwicklungen und Errungenschaften auf. »Die Oststädtler haben glücklicherweise eine große Bandbreite von Geschick und Können zu bieten«, findet die Geschichtensammlerin. Und viele Erinnerungen zu teilen. (GEA)
ILOS lädt zum Oststadt-Flohmarkt am Samstag
Der nächste Oststadt-Flohmarkt der Initiative Lebenswerte Oststadt (ILOS) auf dem Leonhardsplatz ist am Samstag, 21. September zwischen 10 und 16 Uhr. Alle sind eingeladen zum gemeinsamen Flanieren, Genießen, Stöbern und Verkaufen. Nur bei Dauerregen könne der Flohmarkt nicht stattfinden, teilt die ILOS mit. Anmeldungen für Verkäufer mit Adresse per E-Mail an:
oststadt-flohmarkt@gmx.de


