REUTLINGEN. Als ob einer Maschine das Schmieröl langsam ausgeht, sieht der Förderverein Industriemuseum Reutlingen den Treibstoff für seine Zukunft allmählich schwinden. »Der bisherige Vorstand möchte seine Arbeit nicht fortsetzen«, sagt der Vorsitzende Hans Hubert Krämer dem GEA nach einer Vorstandssitzung am Donnerstagabend. Damit stehe der Verein insgesamt auf der Kippe. Um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, genügt passend zum Thema ein Blick in die Vergangenheit.
Vereinszweck ist die Museumsgründung
Vor 30 Jahren ist der Förderverein mit einem Ziel gegründet worden: »Die Gründung eines Museums, das die Geschichte eines der wichtigsten Industrie-Standorte im Südwesten Deutschlands dokumentiert«. Bereits damals hat das Heimatmuseum Reutlingen, der Tradition der Industriestadt angemessen, eine Spezialsammlung von Objekten zur Geschichte der Industrialisierung angelegt. Sie umfasst zahlreiche Maschinen und Produkte des Reutlinger Maschinenbaus, darunter eine 1886 hier gebaute Dampfmaschine – eine der ältesten noch erhaltenen in Süddeutschland. Diese einzigartige Kollektion hat bis heute ein sehr bescheidenes Quartier gefunden – jedoch eben kein Museum.
In den alten Shedhallen der Metalltuchfabrik Christian Wandel betreibt die Stadt Reutlingen ein Industriemagazin weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Geöffnet ist nur jeden zweiten Samstag jeden Monats, zwischendurch höchstens mal bei Sonderaktionen. Hinter den Mauern sowie unter einem Dach, an dem der Zahn der Zeit nagt, leisten freilich die wissenschaftliche Mitarbeiterin Marisse Hartmut und eine Gruppe von Ehrenamtlichen ganz Erstaunliches. Die Herren halten die Maschinen am Laufen, und gemeinsam vermitteln sie bei Führungen Geschichte charmant und lebendig. Dies alles hat auch der Förderverein immer wieder unterstützt, aber dabei den Traum vom Museum niemals aus dem Blick verloren.
»Ich habe bis jetzt vier Oberbürgermeister erlebt. Eine hat’s nicht gewollt. Drei haben es gewollt, aber keiner hat es geschafft«, zieht Hans Hubert Krämer eine bittere Bilanz. Was habe es nicht alles schon für Planungen und kraftvolle Absichtserklärungen gegeben, aus denen bis heute nichts geworden sei. Zu erinnern sei etwa an die Entwürfe eines Studentenwettbewerbs, den der Förderverein 2000 organisierte. Dort ist zu sehen, wie Studierende der Architekturfakultäten der Universität Stuttgart und der Fachhochschule Würzburg sich eine Umnutzung der alten Feuerwache als Industriemuseum vorgestellt haben. Daraus ist nix geworden. Krämer und seine Mitstreiter, sowohl Privatpersonen als auch Firmenmitglieder, warten immer noch auf ein Industriemuseum. Wer trägt die Schuld daran?
»Die Stadt hat immer Geld für Dinge gehabt, die wichtiger waren«
»Die Stadt hat schon immer Geld für irgendwelche Dinge gehabt, die wichtiger waren«, schiebt der Fördervereinsvorsitzende Krämer den schwarzen Peter rüber zum Rathaus. Dort sitzt mit Anke Bächtiger eine Frau als Leiterin des Kulturamtes, deren Karriere einstmals im Industriemagazin ihren Anfang nimmt. Von 2007 bis 2012 hat sie eine befristete 50-Prozent-Stelle, ist mit dafür zuständig, dieses Magazin zu eröffnen. Bächtiger vermittelt glaubwürdig, dass sie sich verbunden mit den Menschen dort und ihrem schützenswerten Maschinenpark fühlt. Auch den Förderverein würdigt sie, »die haben uns damals in Gestalt eines Jahresausfluges für die Ehrenamtlichen oder Druckwerke unterstützt«. Eine Erklärung fürs jahrzehntelange Warten auf ein richtiges Industriemuseum hat sie auch, womit sie Krämer klar widerspricht.

»Die Idee eines Industriemuseums gibt es sehr lange«, ist der Kulturamtsleiterin wohlbekannt, auch die Pläne zum Einzug in die ehemalige Feuerwache kennt sie natürlich komplett. »Nachdem das nicht geklappt hat, hat man versucht, den Standort weiterzuentwickeln«, berichtet Bächtiger. »Es ist immer am Geld gescheitert«, beklagt sie. Mehr Mittel als zum Halten des aktuellen Status seien eben nicht drin. Ab 1. September gebe es immerhin eine 50-Prozent-Stelle zum Betrieb der Maschinen. Bächtiger gibt sich zerknirscht, wenn sie äußert »um jedes bisschen Geld zu kämpfen«. Krämer wirkt ziemlich frustriert, wenn er von einer drohenden Auflösung des Fördervereins redet.
»Wegen Sinn- und Zwecklosigkeit« sehe er ein Ende der Vereinsarbeit im Bereich des Möglichen. »Ich werde jetzt für Mitte bis Ende Juli zu einer Mitgliederversammlung einladen. Wenn sich dann niemand für den Vorstand findet, müssen wir den Verein beerdigen«. (GEA)


