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Pro und Contra: Die vieldiskutierte #Helden-Kampagne der Bundesregierung

»Faul wie die Waschbären« auf der Couch - so können junge Menschen zu »Helden« im Kampf gegen das Coronavirus werden. Das ist jedenfalls die Botschaft ironischer Videos, mit denen die Bundesregierung zum Zu-Hause-Bleiben aufruft. Das Echo fällt gemischt aus, auch in der GEA-Redaktion. Ein Pro-und-Contra.

Drei Helden-Videos sind mittlerweile veröffentlicht. Foto: Screenshot
Drei Helden-Videos sind mittlerweile veröffentlicht.
Foto: Screenshot

REUTLINGEN. Die Bundesregierung wirbt mit augenzwinkernden Videos für das Zu-Hause-Bleiben in der Corona-Krise, in denen sie Nichtstuer auf der Couch zu Helden erklärt. Die unter dem Schlagwort »#besonderehelden« im Internet verbreiteten Clips sorgten am Wochenende für viel Aufmerksamkeit in den sozialen Medien - dabei gab es Lob, aber auch kritische Reaktionen. In den mit dramatischer Musik untermalten Videos erzählen fiktive ältere Menschen aus der Zukunft rückblickend, wie sie als junge Leute die zweite Welle »damals in diesem Corona-Winter 2020« erlebt haben.

»Eine unsichtbare Gefahr bedrohte alles, woran wir glaubten«, sagt ein Mann, der als Anton Lehmann vorgestellt wird. »Und das Schicksal dieses Landes lag plötzlich in unseren Händen.« Also hätten sie getan, was von ihnen erwartet worden sei: »Absolut gar nichts. Waren faul wie die Waschbären«, so der Mann.

Es gibt mittlerweile zwei weitere Videos, die dem ersten ähneln. Die Videos enden jeweils mit dem Appell der Bundesregierung: »Werde auch du zum Helden und bleib zu Hause«. Allein auf dem Twitter-Account von Regierungssprecher Steffen Seibert wurden die Clips, die in ihrer Inszenierung an TV-Geschichtsdokus erinnern, bis Sonntagnachmittag hunderttausendfach aufgerufen.

Pro: Die Videos reißen viele Menschen aus dem Selbstmitleid 

Kontakte reduzieren ist wichtig, um die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen. Wer das bis jetzt noch nicht begriffen hat, wird bestimmt auch durch ein humoristisches Video der Bundesregierung nicht umgestimmt werden. Trotzdem sind die Clips aus zwei Gründen gut gelungen.

Zum einen ist Humor in vielen brenzligen Situationen Gold wert. Wenn der gestresste Chef Anweisungen oder Kritik mit einem Augenzwinkern weitergibt, ist das besser, als mit erhobenem Zeigefinger. Auch eine Diskussion unter Freunden, Kollegen oder Paaren, die zu eskalieren droht, kann oft mit einem einzigen Witz entschärft werden. Im Alltag werden wir genug mit todernsten Hinweisen zum Abstandhalten, Maskentragen und sonstigen Corona-Regeln bombardiert, ein lustiger Appell ist da eine willkommene Abwechslung.

Wenn die Regierung im Zusammenhang mit Corona auf Humor setzt, heißt das auch nicht, dass sie die Sorgen der Menschen nicht ernst nimmt. So etwas an drei Videos im Internet festzumachen, ist sowieso Unsinn. Stattdessen zeigen Maßnahmen wie Corona-Hilfen, Datenschutz in der Corona-App und der vergleichsweise milde Lockdown, dass genau das Gegenteil der Fall ist.

Was die Videos besonders gut auf den Punkt bringen ist, dass von einem Großteil unserer Gesellschaft aktuell überhaupt nicht viel verlangt wird. Ja, Gastronomen, Künstler, medizinisches Personal und einige andere haben gerade allen Grund zum Jammern. Doch für die meisten besteht die größte Sorge aktuell nur darin, mit wie vielen Leuten sie Weihnachten feiern dürfen, ob das jährliche Skifahren ausfällt oder ob die Corona-Regeln die Freiheit zu sehr beschränken. Diese Menschen werden von den Clips hart aus dem Selbstmitleid gerissen. Die Botschaft ist klar: Der Staat schickt euch nicht in den Krieg, er fordert euch lediglich auf, es euch zuhause gemütlich zu machen. Also stellt euch nicht so an.
Kaya Egenberger

Contra: Von der Bundesregierung erwartet man keine Comedy

Handwerklich ist die kleine Videoreihe der Bundesregierung unbestreitbar gut gemacht. Das ist aber auch das einzig Positive, das man dem Ganzen selbst nach mehrfacher Betrachtung abgewinnen kann. Mit den Spots will man jungen Menschen die Botschaft nahe bringen, dass »Kontakte zu reduzieren« das derzeit wichtigste Mittel ist, »um die Pandemie einzudämmen«, heißt es von Regierungsseite. Gut: Diese Botschaft dürfte nach sieben Monaten Pandemie auch ohne die drei Clips mittlerweile bei allen jungen Menschen angekommen sein.

Diejenigen, die Corona entweder leugnen, oder denen die Kontaktreduzierung völlig egal ist, die werden auch durch gut produzierte Clips sicher nicht zum Umdenken bewegt. Die vielen jungen Menschen allerdings, die Corona ernst nehmen und die auch ihre Kontakte reduzieren, die hätten einige Fragen und Sorgen, auf die man dringlicher in einem Video eingehen sollte. Wann und wie können Unterricht und Studium wieder in geregelten Bahnen laufen? Wann dürfen junge Studenten wieder in ihren Nebenjobs in Gastronomie und Kultur arbeiten, auf die sie finanziell teilweise dringend angewiesen sind? Wie bekämpft man Isolation und Einsamkeit in der kleinen Studentenbude in der fremden Stadt? Und wie sollen all die Schulden, die aktuell aufgebaut werden, jemals von eben diesen jungen Leuten (heldenhaft?) wieder abbezahlt werden?

Angesichts dieser offenen Fragen bleibt vielen jungen Menschen bei den drei Clips verständlicherweise das Lachen im Hals stecken. Von der Bundesregierung wird keine Comedy erwartet. Sondern dass sie Probleme und Sorgen ernst nimmt. Das Leben in der Pandemie hat auch für junge Menschen mehr Facetten, als Chips, Sofa und Pizza. Wären die Spots in der Sendung der Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf gelaufen - deren Produktionsfirma sie auch produiert hat -, hätte man noch müde schmunzeln können. So aber wirkt das Ganze wie der plumpe und verzweifelte Versuch der Regierung, junge Menschen anzusprechen, deren Lebenswelt sie nicht zu verstehen scheint. Übrigens: Wer einen Krieg erlebt hat oder in Krankenhäusern arbeitet, der dürfte die Clips auch nur bedingt lustig finden.
Kathrin Kammerer