REUTLINGEN. Der Blick von Auswärtigen auf eine Stadt ist oft anders als der von Einheimischen. Und von daher erfrischend, manchmal erhellend. Anlässlich der aktuellen Schmähkampagne haben wir ein paar Besucher gefragt, was sie an Reutlingen mögen.
Die in Schottland lebende Künstlerin Vroni Holzmann hat im Juli 2023 in der Reutlinger Wilhelmstraße auf ihrer »Street Piano«-Tour Station gemacht. Sie sagt: »Ich war zum Klavierspielen in Reutlingen, und fand diese Stadt klein und fein.« Dabei besuchte die gebürtige Rosenheimerin, die seit mehr als 20 Jahren als freischaffende Komponistin, Musikerin, Fotografin und Comic-Zeichnerin in der schottischen Metropole lebt, die Stadt an der Echaz ausgerechnet an einem der heißesten Tage des vergangenen Sommers.
Besucherströme hielten sich in Grenzen
Die Pflastersteine der Wilhelmstraße schienen durch die Hitze zu bersten und die Besucherströme hielten sich in Grenzen, als sie ihr kleines Klavier auf Rollen in den Schatten des Baums am Lindenbrunnen rollte. Seit Jahren erkundet sie als Straßenmusikerin Europa, wobei sie in jeder Stadt nur einmal Halt macht. Danach werden jene Orte in goldenen Buchstaben auf dem Instrument verewigt. Nun steht da neben Oslo, Krakau, Mailand, Straßburg, Tübingen, Winterthur - und vielen anderen - auch Reutlingen.
Dabei schwelgt die Stadt am Fuß der Achalm doch gerade im Selbst-Bashing. Die Kampagne mit Schmähplakaten von Stadtverwaltung und Stadtmarketing (StaRT), die vor einer Woche begann, soll am Montag, 17. Juni, aufgelöst werden. Inzwischen erregt sie das Interesse von Einheimischen wie Auswärtigen. »Ich find' die Aktion, die die machen, etwas seltsam, da die Parodie nicht klar erkenntlich ist«, sagt Vroni Holzmann. Und: »Alle Städte haben ihre guten und schlechten Seiten.«
Entspannt und freundlich
Große Achalm, nichts dahinter? »Es war im Vorfeld schon unproblematisch, Straßenmusik war erwünscht.« In manchen Städten machen Behörden den Straßenmusikern das Leben schwer, hier war alles easy. »Und als ich dann spielte, waren die Zuhörer sehr interessiert an meiner Musik, und auch wahnsinnig freundlich.« Eine Mitarbeiterin der Bäckerei Berger brachte Wasser rüber. Und das Eiscafé Soravia »hat mir danach noch ein Eis spendiert, also sowas von nett. Eine Passantin hat begeistert lange dem Klavierspiel zugehört«. Mit ihr ist sie seitdem in Kontakt. »Ich fand Reutlingen einfach nett. Sehr entspannt und unheimlich freundlich«, sagt die Frau, die jüngst Teil einer BBC-Serie über Straßenmusiker war.
Christine Hacker aus Wien hat kürzlich eine Woche Urlaub in Reutlingen gemacht. »Der Weg entlang von dem kleinen Flüsschen und dann hinauf in den Apfelpark« - also Echaz-Uferpfad und Pomologie - »war sehr schön«, findet die pensionierte Anästhesistin. Die »Garden Life« fand sie super. Der Bürgerpark sei »leider sehr zugepflastert«, aber »der Stadtgarten war immer ein sehr schöner Punkt auf meinem Weg in die Stadt«.
Sie machte eine Stadtführung, bei der sie über den Zusammenhang von Reutlinger Wein und dem Begriff »Mitgift« lachen musste, und besuchte die Museen: Spendhaus und Wandel-Hallen. Die Marienkirche sei sehr schön - und die Wanderung hinauf zum Achalmturm hat sie begeistert. »Dass sehr viel grün ist, hat mir gut gefallen.« Zur Schmäh-Kampagne fällt ihr ein, dass es sowas in Linz auch mal gab. »Das ist doch ironisch gemeint, dass die Leute neugierig werden, oder?« Aber die Aktion der österreichischen Touristiker damals sei nicht so gut angekommen. »Die Leute haben es nicht richtig verstanden und die Tourismuswerber mussten gehen.«
Ulli Schleicher aus Ulm berichtet, in ihrer Heimatstadt gebe es auch Leerstände, immer mehr. Das Problem seien die hohen Mieten in der Fußgängerzone. Reutlingen findet sie schnuckliger. Und »ed so geschleckt«. Ihr gefällt insbesondere der Heimatmuseumsgarten. Auch das Shopping am Samstag war erfolgreich. Sie findet, was sie sucht - aber leider nicht in ihrer Größe. Von der aktuellen Kampagne habe sie schon gelesen. Vor einer Litfaßsäule mit dem Spruch »Wie immer hier: Es geht nix«, lässt sie sich fotografieren. Wer weiß, vielleicht sind die viel diskutierten Plakate am Montag wieder weg?
Eliana Berger lebt seit Januar in Reutlingen, für ein Jahr. »Ich hatte keine Erwartungen an Reutlingen, als ich hergezogen bin«, sagt die 29-Jährige aus Köln. »Aber da wusste ich auch noch nicht, dass es hier den freundlichsten Gemüsehändler gibt« - das ist für sie das Früchtehaus - »und den griechischsten Irish Pub.« Für »eine Kleinstgroßstadt« habe Reutlingen »ziemlich viele schöne Überraschungsecken, vom Museumsgarten über das Baumhaus im Kunstmuseum bis hin zu Eckkneipen, die offenbar nur nach Mitternacht auffindbar sind«. Und, nicht zu vergessen: die Reportageschule, an der sie studiert. (GEA)
Vermeintliche Hass-Plakate ziehen Kreise
Der SWR, die Tagesschau und die Deutsche Presseagentur berichten über die Plakat-Aktion mit Slogans wie »Leben, wo keiner Urlaub macht« oder »Was hat die Schwäbische Alb eigentlich verbrochen, dass man ihr Reutlingen vor die Füße gebaut hat?«. Sie soll es auf Seite 1 der »Bild«-Zeitung gebracht haben und manche sprechen gar von internationaler Resonanz. Vor allem online wird heftig darüber diskutiert. Die Meinungen reichen von »Super Kampagne, ist überall Tema. Reutlingen wird bekannt...schonmal Ziel erfüllt« bis hin zu »Die Sätze sind leider zu nah an der Realität und funktionieren deshalb nicht als Überspitzung.« »Als Badener finde ich das natürlich toll, wenn sich die Schwaben jetzt schon untereinander dissen«, schreibt ein Kommentator. Obwohl viele davon ausgehen, dass die Stadt dafür »horrende Summen« ausgegeben hat, stellen einige fest, das sei die erste gelungene Werbekampagne, eine coole Idee, die vor allem bei jungen Leuten gut ankomme. Manche spekulieren schon, der auf allen Billboards kleiner hinzugefügte Satz »Reutlingen kann man nicht mögen« werde schließlich durch »... man kann es nur lieben« ergänzt. (dia)


