Logo
Aktuell Fasching

Kuschelkurs statt Krawall in Rathaus und Landratsamt

Die Narren erobern Rathaus und Landratsamt: Nicht im Sturm, sondern sehr gesittet

Nahezu widerstandslos übernahmen Reutlingens Narren diesmal die Rathaus-Schlüsselgewalt. FOTO: NIETHAMMER
Nahezu widerstandslos übernahmen Reutlingens Narren diesmal die Rathaus-Schlüsselgewalt. FOTO: NIETHAMMER
Nahezu widerstandslos übernahmen Reutlingens Narren diesmal die Rathaus-Schlüsselgewalt. FOTO: NIETHAMMER

REUTLINGEN. Narrensturm aufs Reutlinger Rathaus? Naja. Nennen wir es Brise. Denn was da gestern Nachmittag Oberbürgermeister Thomas Keck nebst Verwaltungs-Entourage entgegenwehte, war wenig mehr als ein laues Lüftchen. Solchermaßen gesittet gebärdete sich das närrische Volk um Seine Tollität Prinz Uwe II. von der Hohenlohe und Ihre Lieblichkeit Prinzessin Katja I. vom Bruckberg, dass man hätte meinen können, in einem Benimm-Seminar gelandet zu sein. Einziger Ausreißer: Die Albra-Gugga, die der Rathaus-Crew, den Betzinger Mühla-Katza, Schandele, Garden-Mädchen, Hexen und ein-, zweihundert Schaulustigen mit reichlich Rambazamba und noch mehr Schmetterädäng einheizten.

Ähnlich zivilisiert: die 20er-Jahre-Partygesellschaft um den distinguierten Herrn mit Schnäuzer, Zylinderhut und Gehstock, OB Keck. Sie nämlich bot den Eroberern zwar Glitter und Glamour, aber keinerlei Paroli. Weswegen die Machtübernahme heuer in jeder Hinsicht kultiviert über die Bühne ging – nachdem sich Rathauschef und Zunftmeisterin Andrea Wacker zuvor ein gereimtes Wortgefechtle geliefert hatten, das sich thematisch um Reutlingens schöne neue ÖPNV-Welt, katastrophale Ampelschaltungen, ums Stadthallen-Hotel und die Vision einer autofreien Altstadt drehte.

Voilà! Noch ein letztes »Schandi-Schando«. Dann die vollmundige Ankündigung »Gestürmt wird mit Krawall!«, der sich ein gemächlicher Einzug aller Hästräger ins Rathaus anschloss. Ohne Barrikaden und ohne Widerstände schlenderten die Narren im Kaloriensparmodus über die Freitreppe der Party entgegen, die, so Keck, »mit Charleston, Swing und Tanzmusik sowie mit Zwanz’ger-Jahre-Chic« lockte.

111 Invasoren im Landratsamt

Auch im Landratsamt benahmen sich 111 närrischen Invasoren aus Reutlingen und der Region gebührlich, rührten gar den großen goldenen Schlüssel nicht an, als Landrat Thomas Reumann ihn zeitweise in der Ablage des Rednerpodests im Sitzungsaal liegen gelassen hatte.

Der Landrat hatte den Narren zunächst vorm Amt den gebührenden Empfang bereitet. Die flotten Töne der »Bärafezzer« der 1. Sonnenbühler Karnevalsgesellschaft klassifizierte er schlicht als »alle krumm«. Im Sitzungssaal stand dann die »Oscar-Verleihung« an: das diesjährige Motto der Narretei. Im munteren Wettstreit mit Hexenmeisterin Mirjam Rein von den Genkinger Scheiterhau-Hexen, sie feiern heuer 20. Geburtstag, obsiegte nach einem schwachen Start im Filmzitate-Raten schließlich doch der Landrat mit zwei zu einem Oscar. Dabei kämpfte der Hausherr nicht immer mit lauteren Mitteln. Reumann behauptete unter anderem, beim Erscheinen des Films »Dirty Dancing« noch nicht geboren gewesen zu sein. An anderer Stelle bestimmte er die Phonzahl des Applauses als Entscheidungsgrundlage fürs Punkten. Zu seinen Gunsten versteht sich.

Das führte unter anderem dazu, dass seine Kontrahentin die Oscar-Verleiherin als »Beamtin des Landratsamts« und parteiisch beschimpfte. »Die Frau ist gekauft.« Was Katja Fischer, sonst Europabeauftragte im Amt, locker konterte: »Wäre ich gekauft, würde ich hier nicht mehr arbeiten.«

Erstaunlicherweise war die Hexe trotzdem voll des Lobes für den Landrat. Er sei »der beste Regisseur des Kreises« und solle es auch bleiben, befand Mirjam Rein. »Stellen Sie sich wieder zur Wahl.«

Der Gelobte zeigte sich daraufhin gleich wieder von seiner besten Seite und führte närrische Basisdemokratie ein: »Soll ich den Schlüssel abgeben?« Das vernehmliche einstimmige »Ja« seiner Untertanen interpretierte er als »Nein«, bevor er doch dem sanften Drängen nachgab. Schließlich lockte das Büfett. Funkenmariechen hatten neben der Guggenmusik für Karnevalsambiente im Amt gesorgt: Die Juniorengarde der 1. Sonnenbühler KG schmissen ihre nylonbestrumpften Beine. Vor der einsetzenden Fröhlichkeit hatte Landrat Reumann nach Hanau geschaut. Fasnet sei auch politisch: »Wir müssen Position beziehen und nein zu Rassismus, Gewalt und Fremdenhass sagen«, forderte er unter Applaus. (GEA)