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Aktuell Pandemie

Corona und Shutdown bringen Psychatrien und Psychologen in der Region an Belastungsgrenzen

Die Zahl der psychischen Erkrankungen wegen der Pandemie sind in der Region weiter gestiegen. Psychologin: »Wir könnten gerade dreimal so viel arbeiten.«

Immer mehr Menschen in der Region leiden psychisch unter der Corona-Pandemie, den Einschränkungen und deren Folgen. Die Zahl der Depressionen hat zugenommen. Foto: dpa
Immer mehr Menschen in der Region leiden psychisch unter der Corona-Pandemie, den Einschränkungen und deren Folgen. Die Zahl der Depressionen hat zugenommen. Foto: dpa

REUTLINGEN/TÜBINGEN. Die Entwicklung in der Corona-Pandemie hat auch in der Region zu einem Anstieg der Patientenzahlen in den Psychiatrien und einer deutlich höheren Belastung der Psychologinnen und Psychologen geführt. Die Leiterin der psychologischen Beratungsstelle in Reutlingen, Zrinka Lucic-Vrhovac, fasst es so zusammen: »Wir könnten gerade dreimal so viel arbeiten, wie normal. Die Welle an Anfragen von Menschen, die psychisch unter Corona leiden, ist so groß, dass wir sie kaum noch bewältigen können.« Durch den gerade verhängten erneuten Lockdown in weiten Bereichen des Lebens werde es wahrscheinlich noch mehr Menschen geben, die psychisch unter den Belastungen leiden, die die Einschränkungen mit sich brächten. »Die meisten sind massiv verunsichert. Sie können die Frage nicht mehr beantworten: Was soll ich tun?«, so die Psychologin.

Sie gibt gleich ein paar Beispiele: Die Angst vor Jobverlust, gerade in den betroffenen Branchen Gastronomie und Kultur werde wieder stark zunehmen. Damit würde nicht selten die Furcht vor Einkommens- und Wohnungsverlust einhergehen. »Den Menschen in den Branchen, die jetzt schließen müssen, fehlt schlicht das Geld.« Auch Menschen mit befristeten Arbeitsverträgen oder Selbstständige, denen Aufträge wegen Corona oder des Lockdowns wegbrächen, hätten verstärkt mit Ängsten zu kämpfen. Hinzu kämen Menschen, sie massive Angst vor Vereinsamung hätten. Das werde durch die Kontakteinschränkungen noch verschärft.

Zrinka Lucic-Vrhovac leitet die psychologische Beratungsstelle in Reutlingen. Foto: Rittgeroth
Zrinka Lucic-Vrhovac leitet die psychologische Beratungsstelle in Reutlingen. Foto: Rittgeroth

Sie ist sich sicher: »Das wird viel deutlicher ausgeprägt und viel schwieriger werden, als beim ersten Lockdown.« Da sei es für viele noch etwas Neues gewesen, das sie als Herausforderung empfunden hätten. »Es herrschte das Gefühl, dass diese Herausforderung zu meistern sei.« Sie erinnert an das öffentliche Singen in den Straßen, dass es in der Region und europaweit gab.

»Jetzt sind da nur noch Unsicherheit, Trauer und Corona-Müdigkeit«, erklärt sie den Unterschied. Die Menschen empfänden den Lockdown vielmehr als eine Art Strafe für ihren Einsatz und ihre Beteiligung an allen Hygieneregeln und Maßnahmen bislang. Viele seien blockiert und sie ist sicher, dass die Zahl der Depressionen in den nächsten Wochen stark zunehmen werde. Bei Anrufen werde – so hat sie festgestellt – immer häufiger auch die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt.  In ihrer Beratungsstelle arbeiten acht Psychologinnen und die Telefone würden nicht mehr stillstehen. »Wir beraten und betreuen gerade etwa 100 Frauen und Männer.«

Darunter seien unter anderem auch Studierende und Erstsemester, die verunsichert seien, weil überhaupt nicht klar sei, wie das kommende Wintersemester an Hochschulen und Unis überhaupt laufen werde. Ohne persönliche Kontakte werde das schwierig. »Viele geben auch einfach auf, fahren wieder nach Hause zu ihren Eltern und leben wieder in ihrem alten Kinderzimmer«, beschreibt sie die Probleme.

Problematisch wirkt der Lockdown auch auf die Psychotherapie. Nicht nur Zrinka Lucic-Vrhovac beschreibt im Gespräch mit dem GEA die Situation für die Psychologen generell: »Normalerweise bieten wir ja Angebote zum Ausgleich und zum Aufbruch aus der Krise für die Hilfesuchenden an. Das waren beispielsweise Kontakte zu anderen Menschen oder auch Sport. Die Einschränkungen des Lockdowns machen uns hier oft einen Strich durch die Rechnung.« Kontakte mit anderen Menschen, Sport mit anderen Menschen seien ja so gut wie nicht mehr erlaubt.

Dies beschäftigt auch Prof. Dr. Andreas Fallgatter, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Tübingen. Auch an seiner Klinik gehören Sportangebote oder zwischenmenschliche Kontakte zur Therapie – normalerweise. Corona habe das schon bei der ersten Welle im Frühling eingeschränkt. Jetzt sehe es sogar noch etwas schlechter aus, so Andreas Fallgatter: »Im Sommer konnten wir Sport im Freien ja noch ermöglichen. Das ist im Winter schwieriger.« Jetzt seien durch den erneuten Lockdown  Sportstätten und Schwimmhallen geschlossen. »Eine Motivierung heraus aus einer Depression wird da umso schwieriger«, so Fallgatter.

Auch bei ihm herrscht ein enormer Andrang in die Psychiatrie, doch die ist bereits komplett ausgebucht. Die Krankenhausgesellschaft habe der Tübinger Klinik zwar 18 zusätzliche Betten genehmigt, doch es fehlten Räume und Personal. Deshalb würden sich jetzt verstärkt sogenannte stationsäquivalente Behandlungsteams aufmachen, um die Patienten zu Hause aufzusuchen und sich um sie zu kümmern. Andreas Fallgatter weist noch auf einen anderen Umstand hin, den Corona verschärft habe. Bereits psychisch Erkrankte würden besonders unter der Situation leiden und mittlerweile hätte Corona auch Psychosen sowie Wahnvorstellungen ausgelöst oder verstärkt: »Es gibt Menschen, die sich in die Wahnvorstellung hineinsteigern, dass sie infiziert oder erkrankt sind und so eine Gefahr für ihre Mitmenschen werden, obwohl sie nachweislich nicht positiv getestet wurden.«

Auch innerhalb der Klinik sei Corona eine Herausforderung. Schließlich dürften sich weder Patienten noch Personal mit Covid anstecken. Deshalb werde nicht nur umfangreich getestet, sondern es gelten auch die bekannten Hygieneregeln. »Gruppentherapien gibt es bei uns eben mit Mindestabstand«, so Fallgatter. Auch er blickt eher mit Sorge auf das erneute Herunterfahren des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens. Die Ängste würden wachsen: vor Jobverlust, vor Wohnungsverlust, vor dem Verlust an Normalität.

Eine Befürchtung, die seine Kollegen in Reutlingen teilen. Dr. Frank Schwärzler ist ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik (PP.rt). Er bildet mit Uwe Armbruster, dem pflegerischen Direktor das Führungsteam. Sie sagen mit Blick auf die Monate, die seit der ersten Corona-Welle vergangen sind: »Ein paar Wochen oder einen Monat kommen die meisten Menschen durch eine Krise durch, aber wir haben jetzt schon mehr als sieben Monate hinter uns.« Das sei für Menschen mit psychischen Erkrankungen erst recht sehr schwer zu verarbeiten. Sie würden unter den Einschränkungen, die Corona für das tägliche Leben mitgebracht habe, noch mehr leiden.

Sie bilden das Führungsteam in der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik in Reutlingen: Der pflegerische Direktor Uwe Armbruster (links) und der ärztliche Direktor Dr. Frank Schwärzler. Foto: Rittgeroth
Sie bilden das Führungsteam in der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik in Reutlingen: Der pflegerische Direktor Uwe Armbruster (links) und der ärztliche Direktor Dr. Frank Schwärzler. Foto: Rittgeroth

Ihren Patienten würde die gewohnte Tagesstruktur fehlen. Gleichzeitig würde auch die Psychotherapie nur eingeschränkt laufen, weil eben Kontakte nur eingeschränkt erlaubt seien und auch Ausgleich durch Sport wegen der geschlossenen Sporthallen und Schwimmbäder nur auf Sparflamme angeboten werden könne. »Aber wir versuchen, den Patienten weiterhin etwas anzubieten, das ihnen helfen soll: Walking oder Bogenschießen beispielsweise«, erklärt Uwe Armbruster. Auch ein Abendprogramm mit Entspannungsübungen sei im Angebot.Bei vielen Menschen liegen die Nerven blank, zahlreiche werden dünnhäutigerAuch für Frank Schwärzler ist in den letzten Monaten deutlich geworden: Corona hat mehr Menschen psychisch krank gemacht: »Wir haben seither mehr Anrufe und Anfragen und die Klinik ist weitgehend ausgebucht.« Er fasst es so zusammen: »Bei vielen Menschen liegen die Nerven blank, zahlreiche werden dünnhäutiger, manche sogar aggressiver.« Er habe zudem das Gefühl, die Gesellschaft halte nicht zusammen, sondern drifte immer mehr auseinander.

Wichtig für das Führungsteam der PP.rt sei jetzt, die Patienten – und unter ihnen die älteren Menschen als Risikogruppe - nicht zu isolieren und sicher durch den November und die dunkle Jahreszeit zu bringen. »Denn die macht es nicht einfacher«, so Schwärzler. Mittlerweile gebe es die ersten Fachpublikationen darüber, was Corona mit der Psyche anstellt.Er habe in den vergangenen Monaten vieles gelernt. (GEA)