REUTLINGEN. In mehreren Phasen seines beruflichen Lebens hatte er Stationen bei der Agentur für Arbeit Reutlingen. Im Jahr 2001 begann er sein duales Studium zum Diplom-Verwaltungswirt an der Fachhochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim – und beim damaligen Arbeitsamt Reutlingen. 2014 kehrte er erstmals für knapp ein Jahr als Bereichsleiter nach Reutlingen zurück. Seit 2018 wirkte er bei der Behörde an der Reutlinger Albstraße als Geschäftsführer Operativ. Und nun, seit 1. Juli, ist Markus Nill, 43 Jahre jung, der neue Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Reutlingen. Er folgte auf Oliver Kerl, der nach lediglich eineinhalb Jahren die Position in Reutlingen verließ und zu einer Tochterfirma der Deutschen Bahn in Frankfurt gewechselt ist.
»Ich bin ein Kind der Agentur hier. Mir liegt was an den Leuten und an der Region Reutlingen-Tübingen«, sagt Nill im Gespräch mit dem GEA. Nach den beiden jüngsten Kurzgastspielen von Kerl und Gunnar Schwab (von Anfang November 2021 bis Ende November 2022) soll wieder eine gewisse Stabilität an der Spitze der Regionalbehörde einkehren. Zuvor war mit Wilhelm Schreyeck seit 2013 ein langjähriger und sehr erfahrener Arbeitsmarktexperte als Leiter vor Ort, der zusammen mit Nill die Corona-Krise – mit sehr hohem Anteil an Kurzarbeit – bewältigt hatte und über den Nill sagt: »Von Herrn Schreyeck habe ich viel gelernt.«
Markus Nill wurde Anfang Juli 1981 in Hechingen geboren. Er ist in Bodelshausen aufgewachsen. Dort hat er die Grundschule besucht, danach die Friedrich-List-Realschule in Mössingen. Am Berufskolleg in Balingen hat er das Fachabitur erlangt. Danach leistete er Zivildienst bei der Körperbehindertenförderung (KBF) in Mössingen.
Fusion mit Balingen geplant
»Ich bin durch einen Zufall bei der Bundesagentur für Arbeit gelandet«, erzählt er. Eigentlich habe er bereits einen Ausbildungsvertrag bei der Kreissparkasse Tübingen unterschrieben gehabt. Kurz darauf sei jedoch noch ein Termin bei einem Berufsberater in Hechingen vereinbart gewesen. Aufgrund dieses Gesprächs habe er sich umorientiert – und das eingangs genannte duale Studium in Mannheim mit Praxisanteilen in Reutlingen angefangen.
Ab 2004 hat Nill etliche Fach- und Führungsaufgaben in unterschiedlichen Regionen innerhalb der Bundesagentur für Arbeit wahrgenommen. Er war bei der Agentur für Arbeit in Wiesbaden tätig, einige Monate in der Zentrale der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg, dann bei der Regionaldirektion Hessen in Frankfurt. 2007 kam er wieder zurück in die Region. Genauer: nach Stuttgart in die Regionaldirektion Baden-Württemberg. Dort stieg er bis zum Bereichsleiter für Controlling und Arbeitsmarkt auf. Er habe damals viel Erfahrung im operativen Geschäft und in der Mitarbeiterführung sammeln können, stellt er fest, verweist auf die damit verbundenen zahlreichen Umzüge und fügt hinzu: »Man fordert viel bei der Bundesagentur für Arbeit, aber man wird auch gefördert.«
Als der Ruhestand der damaligen Geschäftsführerin Operativ in Reutlingen, Irmtraud Kaiser, bevorstand, habe ihm der Reutlinger Agenturchef Schreyeck den Hinweis gegeben, dass die Stelle frei werde. Seit April 2018 ist Nill entsprechend wieder bei der Agentur in Reutlingen. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter (6) und eines Sohnes (3).
Inzwischen wohnt Nill wieder in Bodelshausen – und damit zwischen den Bezirken der Agenturen für Arbeit in Reutlingen und Balingen, die, wie berichtet, zum 1. Januar 2026 zusammengehen werden. »Die Fusion macht inhaltlich total Sinn«, sagt er. Aus bislang 19 Agenturen für Arbeit in Baden-Württemberg sollen 18 werden. Deutschlandweit gibt es derzeit 150 Agenturen für Arbeit.
In seiner neuen Funktion ist Nill direkter Vorgesetzter von 170 Beschäftigten bei der Agentur für Arbeit in Reutlingen und in deren drei Außenstellen in Tübingen, Bad Urach und Münsingen; die Reutlinger Agentur ist damit fast doppelt so groß wie die in Balingen. Zudem ist Nill als Vertreter der Bundesagentur für Arbeit (BA) auch für die über 200 Beschäftigten der BA in den beiden Jobcentern Reutlingen und Tübingen indirekt verantwortlich, die für die Betreuung von Bürgergeld-Beziehern zuständig sind. Träger des Jobcenters Reutlingen sind die Agentur für Arbeit Reutlingen, der Landkreis Reutlingen und die Stadt Reutlingen. Träger des Jobcenters Tübingen sind die Agentur für Arbeit Reutlingen und der Landkreis Tübingen.
Budget: Über 120 Millionen Euro
Als Folge der schwachen Konjunktur sind die Arbeitslosenzahlen zuletzt gestiegen. Bundesweit sind 2,809 Millionen Menschen ohne Job, landesweit 269.200 und in der Region Reutlingen-Tübingen 11.255. Die Arbeitslosenquote in der Region liegt mit 3,8 Prozent unter der auf Bundes- (6,0 Prozent) und auf Landesebene (4,2 Prozent).
Dennoch bereiten die jüngsten Entwicklungen Nill Sorge: »Bis zum Frühjahr ist die Arbeitslosigkeit vor allem durch Flüchtlinge aus der Ukraine gestiegen. Jetzt wächst die Arbeitslosigkeit aber nicht mehr nur in der Grundsicherung, sondern auch in der Arbeitslosenversicherung.«
Er weist auf einige Faktoren hin, die Indizien für steigende Arbeitslosenzahlen sein könnten: mehr Insolvenzen, mehr anzeigepflichtige Entlassungen, vermehrte Kündigungen auch durch kleinere Firmen und höherer Beratungsbedarf zu Kurzarbeit. »Der eine oder andere Unternehmer rechnet offenbar derzeit gut nach, ob er nicht zu viele Beschäftigte an Bord hat.« Generell seien die alternde Bevölkerung, die Zuwanderung, die Digitalisierung und neue Antriebsarten bei Fahrzeugen wohl Herausforderungen der kommenden Jahre für Arbeitgeber und Beschäftigte.
2023 hat die Agentur für Arbeit Reutlingen über 123 Millionen Euro für verschiedene Leistungen ausgegeben, davon über 99 Millionen Euro für Arbeitslosengeld, antwortet Nill auf die Frage nach seinem Budget. »2024 wird die Summe vermutlich etwas höher liegen, zwischen 126 Millionen und 130 Millionen Euro«, sagt der Hobbysportler und Fan des VfB Stuttgart und ergänzt: »Eine Qualifizierung eines arbeitslosen Menschen wird nicht am Geld scheitern.« (GEA)

