ENINGEN. »Jede Aufführung dieses Stücks kostet mich ein halbes Lebensjahr.« Das sagte Schauspieler Thomas Linke, der zusammen mit der Kabarettistin und Sängerin Marianne Blum am Samstag »Annes Kampf – Anne Frank vs. Adolf Hitler« auf die Bühne der Achalmschule brachte. Auf Einladung der Eninger Kultur-Initiative (EKI) und unter Schirmherrschaft von Bürgermeister Eric Sindek war ein großes Publikum erschienen, darunter viele Schülerinnen und Schüler. Gefördert wurde die Veranstaltung von der »Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte«. Das Thema sei gerade in der heutigen Zeit, in der ein Rechtsruck durch Deutschland gehe, extrem wichtig, betonte der zweite EKI-Vorsitzende Michael Löcke.
Zwei Bücher standen auf der Bühne: Das Tagebuch der Anne Frank, das das jüdische Mädchen vom 12. Juni 1942 bis zum 1. August 1944 führte und darin eindringlich das Schicksal der jüdischen Bevölkerung in Amsterdam beschriebt, wo die Familie lebte und sich schließlich vor den Nationalsozialisten in einem Hinterhaus verstecken musste. Daneben stand Hitlers »Mein Kampf«, eine Propagandaschrift zum Neuaufbau der NSDAP, in der er sich mit einem entsprechend abgefassten Lebenslauf zum idealen Anführer stilisiert. Die Schauspieler trugen abwechseln Originalzitate aus beiden Werken vor, wobei Marianne Blum als Anne an einem Tisch saß und Thomas Linke als Hitler am Rednerpult stand. »Was ich geschrieben habe, ist heute noch aktuell«, sagen beide. »Ich war nie weg«, lacht Hitler zynisch und in bekannter Sprechmanier mit einem rollenden »R«.
Anne Frank begann ihr Tagebuch noch in ihrem Zuhause und beobachtete die Anfänge der späteren Judenverfolgung. »Juden dürfen nicht mehr ins Theater oder nach 20 Uhr in ihrem Garten sitzen«, schrieb sie. Ihr Vater darf seinen Laden nicht mehr betreten. Die Fähre sei das einzige öffentliche Fahrzeug, das sie noch nutzen dürften. Sie dächten darüber nach, unterzutauchen. »Man hätte wissen können, was passiert. Es war nachzulesen in 'Mein Kampf'«, sagt sie. Hautnah und eindringlich lässt Marianne Blum das Publikum miterleben, welche drastischen Auswirkungen das Buch auf das Leben der Anne Frank hatte, das schließlich 1945 im KZ Bergen-Belsen endete. Von acht Menschen im Versteck überlebte nur ihr Vater.
Tägliche Angst und fast nichts mehr zu essen
In ihrem Tagebuch, heute Pflichtlektüre an Schulen, schreibt Anne von ihren Ängsten, die so groß werden, dass sie sich wünscht, der Zustand würde enden, egal wie. Es gibt im Versteck fast nichts mehr zu essen, man darf sich nicht bewegen und nur flüstern, es ist beklemmend eng. Jeder Schritt auf der Treppe kann den Tod bedeuten. Dennoch träumt die 14-Jährige von der Zukunft, einer eigenen Familie und einer Karriere als Schriftstellerin. »Sie schreibt übrigens so viel besser als Hitler«, bemerkte Marianne Blum anschließend. Zwischendurch sang die Schauspielerin einfühlsam jiddische Lieder, die »Moorsoldaten«, »Donna Donna« oder bitter-forsche Durchhaltelieder wie »Davon geht die Welt nicht unter«.
Am Rednerpult schreit Hitler seine menschenverachtende Theorie von der »überlegenen arischen Rasse« und der »minderwertigen Rasse« der Juden ins Mikrofon. Die Hetzparolen, in denen er Juden als »Auswurf«, »Parasiten«, »Spaltpilz der Menschheit«, »schamlos«, »unreinlich«, »egoistisch« oder »Ausbeuter« bezeichnet, die »keine eigene Kultur« hätten und durch »Rassenvermischung« die »Widerstandskraft« des »völkischen Staats« schwächen würden, werden immer irrealer, wahnsinniger und fanatischer und gipfeln darin, dass man sich gegen diesen »gemeinsamen Feind« mit allen Mitteln »wehren« müsse. Dabei gibt er vor, im Sinne Gottes zu handeln. Thomas Linke rezitierte am Ende des Stücks Paul Celans Gedicht »Todesfuge« (»Der Tod ist ein Meister aus Deutschland«) über die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten.
Nicht in der Opferrolle
»Warum werden anständige, unschuldige Menschen getötet und an brutalste Henker ausgeliefert, nur weil sie Juden sind?«, fragt Anne. »Die ganze Welt hat sich umgedreht.« Sie selbst sei Deutsche, »doch Hitler hat uns staatenlos gemacht«. Der Antisemitismus sei in Kreisen angekommen, die »früher nicht einmal daran dachten.« Doch beinhaltet der Titel des Theaterstücks nicht Opferrolle, sondern Kampf. Entschlossen steht Anne auf und ruft: »Wir leben ewig!«
Während das Publikum das Stück fast geräuschlos verfolgt hatte, spendete es am Schluss für die überaus engagierte Leistung der beiden Schauspieler minutenlangen Beifall. Eine Diskussion mit ihnen über den Nahostkonflikt oder die AfD schloss sich an. (GEA)

