WANNWEIL. Alle Jahre wieder. Nein, es ist nicht dieses Lied, mit dem Mitglieder des Eintracht-Chors heute durch Wannweil ziehen, sondern »Stille Nacht«. Mit diesem Lied auf den Lippen und vor allem mit kleinen und großen Glocken in der Hand gehen Mitglieder des Eintracht-Chors Wannweil heute Nacht durch die Echaz-Gemeinde, um Weihnachten im wahrsten Sinne des Wortes einzuläuten. Eine Wannweiler Tradition. Nicht so laut und schrill wie die Fasnet, sondern ruhiger und besinnlicher. Zumindest heute. Früher war das nicht immer so.
»Das ist einfach schön, da fängt für mich Weihnachten erst so richtig an«
War es früher noch die Wannweiler Schuljugend, die in der Nacht zu Heiligabend mit Glocken durchs Dorf zog, so ist es heute der Eintracht-Chor – der älteste Verein des Orts. Plusminus 15 Mitglieder halten in diesem Jahr die Tradition aufrecht und treffen sich in der Nacht auf Heiligabend in den frühen Morgenstunden gegen drei Uhr beim Rathaus.
»Das ist einfach schön«, sagt Margarethe Mayer, »da fängt für mich Weihnachten erst so richtig an.« Als Frau von Albert Mayer, der 37 Jahre lang Leiter des Chors war, war sie so etwas wie die gute Seele der »Eintracht«. Das Ehepaar, das im September Eiserne Hochzeit gefeiert hat, ist deshalb ganz selbstverständlich beim Glocken dabei. Genauso wie ihre Enkelin Sarah Lunig, die zusammen mit Silke Sorg und Maresa Silver den Vorstand des Eintracht-Chors bildet.
»In Wannweil ist es in den Nebenstraßen kuhnacht«, sagt Eintracht-Sängerin Heidrun Sulz, »das ist ein ganz besonderes Flair, wenn wir da mit unseren Glocken durchziehen – wie in einer echten heiligen Nacht.« Bürger von Wannweil, die von der Tradition des Glockens wissen, erwarten die Eintracht-Sänger schon. Bauen in der Garage einen Tisch auf oder bitten die kleine Gruppe gleich ins Wohnzimmer. Da gibt’s Gutsle, Punsch und andere Getränke – nicht wenige davon haben das Zeug, ganz besonders von innen zu wärmen.
Eine Station, auf die sich die Gruppe ganz besonders freut, ist das Haus von Anette Rösch. Die langjährige Bürgermeisterin von Wannweil bereitet den »Eintracht-Glocknern« einen besonders warmherzigen und herzlichen Empfang mit einem kleinen nächtlichen Frühstück. Im Gegenzug gibt’s jenseits von »Stille Nacht« ein paar Extra-Lieder, verspricht Vorständlerin Maresa Silver. Nächstes Jahr wird dann bei Dr. Christian Majer geglockt, das hat die Gruppe schon beschlossen. Das Haus des Bürgermeisters wird bis dahin längst fertig und der Verwaltungs-Chef ein echter Wannweiler sein.
Was die Gruppe schade findet: »Viele Jüngere kennen die Tradition noch gar nicht«, sagt Vorständlerin Silke Sorg, »wir haben das Glocken deshalb im Gemeindeboten beworben.« Richtung Betzingen – wo’s die in der Region sehr seltene Tradition neben Kusterdingen auch noch gibt – wohnen viele junge Familien, die noch nichts vom Glocken wissen. An der »Eintracht« soll’s nicht liegen – sie macht gern einen weiteren Weg durch die Gemeinde.
»In Wannweil ist es in den Nebenstraßen kuhnacht, das ist ein ganz besonderes Flair«
Wer wissen will, was es mit dieser Wannweiler Tradition auf sich hat, fragt bei Walter Ott nach. Der Vorsitzende der Geschichtswerkstatt, der im vergangenen Jahr mit der Landesehrennadel ausgezeichnet worden ist, hat in Georg Mayers Heimatbuch von 1960 Erstaunliches und Kurioses zutage gefördert.
Die Tatsache zum Beispiel, dass die Tradition am 24. Dezember 1907 morgens gegen neun Uhr von einem jungen Vikar, der damals in Wannweil tätig war, verboten wurde. Weil die Schuljugend allzu sehr auf den Putz gehauen hatte. Anstatt nur zu Glocken, hatte sie Knallkörper gezündet und mit Bohnenstangen gegen Scheunentüren geschlagen. Dem Schultheißen blieb nichts anderes übrig, als dem Verbot zuzustimmen, weil damals die Kirche die Schulaufsicht hatte.
Georg Mayer (1899–1968) blickt in dem Heimatbuch sichtlich vergnügt zurück. »Jedenfalls ist bezeichnend, dass mein Jahrgang, der von 1899, fünf Jahre später, am 24. Dezember 1912, trotz Verbot nochmal einen Glockenzug veranstaltet hat, an dem aber auch alles dran war«, schreibt er, »das Pfarrhaus wurde ausgelassen. Das war die Ausnahme gegen früher.«
In der vermeintlich »guten alten Zeit« muss es recht anarchisch hergegangen sein in dem Echaz-Dorf: »Da knallten die Schlüsselbüchsen, da gingen die Frösche und Schwärmer hoch, da waren aber auch alle Kuhglocken zusammengesucht, die aus früheren Tagen noch in den Häusern hingen«, schreibt Mayer, »es war erhebend, wie die nachfolgenden Jahrgänge, die noch nie so etwas gemacht hatten, ihren Konfirmanden, den Glockenmeistern, folgten, weil eben alle Eltern sagten, dass es so immer gewesen sei.«
In den 1960er-Jahren soll Bürgermeister Willy Obermüller das Glocken erneut wegen nächtlicher Ruhestörung verboten haben. Was der Tradition keinen Abbruch tat – Ende der 60er-Jahre ging’s weiter.
Wenn’s an Heiligabend so langsam Tag wird, schaut die Gruppe beim Bäcker vorbei. Zeit für ein richtiges Frühstück oder zumindest eine Grundlage für den Tag, der noch ganz schön lange dauern wird. »Da schläft man fast am Tisch ein«, sagt Sängerin Johanna Sternberg, »aber es ist unglaublich schön.« Maresa Silver, die in Pfullingen wohnt, schaut auf dem Rückweg noch beim Heiligen Morgen in Reutlingen vorbei, wo der Bär steppt. Danach ein Mittagsschläfchen, um abends halbwegs fit für die Bescherung zu sein. Schöne Weihnachten! (GEA)

