REUTLINGEN. So junge Menschen haben in den Redaktionsräumen des Reutlinger General-Anzeigers noch nie ausgestellt, seit dort durch Kooperationen wie mit der Produzentengalerie Pupille ein Forum für die Kunst entstanden ist. Und es soll kein Einzelfall bleiben, wie GEA-Verleger Valdo Lehari bei der Ausstellungseröffnung am Mittwochabend sagte. Studierende der Hochschule Reutlingen aus der Gestaltungsklasse von Professor Henning Eichinger zeigen sich. In ihrer Kreativität und wortwörtlich unter dem Motto »Vom Selfie zum Selbstporträt«. Sie studieren Mode- und Textildesign und haben sich im zweiten Semester mit der Frage beschäftigt, wie sich spontane Selbstaufnahmen und inszenierte Selfies in künstlerische Selbstporträts verwandeln lassen.
Wie Henning Eichinger in seiner Einführung sagte, sind dabei realistische und expressive Bilder entstanden, solche, die witzig und spooky, frech und hübsch sind - »individuelle Interpretationen, die aus der Welt der digitalen Fotografie in die analoge künstlerische Technik der Malerei überführt wurden«.
So spannen beispielsweise die Selbstporträts von Melda Kilinc nach Eichingers Worten den ästhetischen Bogen vom Pop-artig vereinfachten grafischen Porträt zum indirekten, aber realistischen Porträt in der Spielekonsole. Rica Rauscher zeigt sich in einem ihrer Bilder als »verletzliche religiöse Madonna, die uns zu erwarten scheint« (so Eichinger). Während Henrie Kaufmann von seinen Selbstporträts nur Ausschnitte, Close-ups, zeigt, »die nicht nur durch die dadurch hergestellte Nähe gespenstisch wirken«, porträtiert sich Mira Swatschek mit und auf dem Kopierer. Sie verfremdet sich so und setzt dies malerisch sehr realistisch um. Samuela Schmid und Anouk Felger nutzen ebenfalls den Kopierer. Bei beiden bekommen die Porträts, so Eichinger, »durch die expressive Farbgebung eine ganz besondere Anziehungskraft«.
Yakup Keklik geht den Weg, sich in extremen Ausschnitten und Ansichten zu porträtieren, wobei er die Online-Ästhetik in ihr Gegenteil verkehrt. Alessa Keppler nutzt ihren Körper als Projektionsfläche: »Linien bilden die Körperform ab und changieren zwischen expressivem Rot und dunkelblauer Tiefe.« Joanna Arikan malt sich einmal als überlagerten Schattenwurf und lässt in einem zweiten Bild das Gesicht fast vollständig verschwinden. Maya Suznjevic legt über zwei fast klassische Selbstporträts »quasi als analogen Filter« eine Milchglasscheibe. Greta Jentschke nutzt zum Malen eines ihrer Porträts - auf dem Papier wohlgemerkt, nicht auf dem Gesicht - Make-up. Anna-Maria Roussou inszeniert sich als adlige Dame aus der Vergangenheit im pompösen Kostüm, wie Eichinger hervorhob. Und schließlich ironisiert Clara Tan ihre zwei kulturellen Identitäten als Spiel mit kulturellen Klischees zwischen Deutschland und China.
Veränderte Wahrnehmung
Die Transformation vom Selfie zum gemalten Selbstporträt, befand Eichinger resümierend, zeige eindrucksvoll, »wie digitale und traditionelle Techniken zusammenwirken und wie sich die Wahrnehmung des Selbst durch kreative Inszenierung verändern kann«.
Die Vernissage der in Kooperation von GEA und Hochschule Reutlingen zustande gekommenen Ausstellung umrahmte die GEA-Band Headline mit Akustik-Pop. Veit Müller (Gitarre, Mundharmonika, Gesang), Iris Goldack (Gesang, Cajón), Alexander Rabe (Gesang, Cajón) und Armin Knauer (E-Piano) spielten dabei Stücke von Bob Dylan und der Lighthouse Family. GEA-Verleger Valdo Lehari bezeichnete es als »eine Herzensangelegenheit«, jungen Leuten, dem talentierten Nachwuchs, eine Plattform zu bieten, und hob die Bedeutung der Hochschule Reutlingen für die Stadt hervor. »Reutlingen braucht die Hochschule, und die Hochschule braucht Reutlingen«, sagte er, nachdem er auf die Ursprünge der Bildungsstätte als Webschule und als Technikum verwiesen hatte, auf dessen Strahlkraft er selbst in Indien angesprochen worden sei.
Ausstellungsinfo
Die Ausstellung "Vom Selfie zum Selbstporträt" mit Arbeiten von Studierenden des Studiengangs Fashion & Textile Design an der Hochschule Reutlingen, Klasse Henning Eichinger, ist bis zum 11. Januar in der GEA-Redaktion am Reutlinger Burgplatz zu sehen. Geöffnet ist an den Samstagen 30. November, 14. Dezember und 11. Januar jeweils von 10 bis 12 Uhr. (GEA)
Studentin Anouk Felger sagte, dass die Arbeit an den Selbstporträts spannend gewesen sei. Die wenigsten von ihnen hätten ihre Kunst zuvor schon einmal in einer Ausstellung gesehen. »Ich denke, ich kann für alle sprechen, wenn ich sage, es ist eine große Ehre, hier mitzumachen.« (GEA)


