REUTLINGEN. Wird dereinst die vom Menschen geschaffene Künstliche Intelligenz (KI) die Macht an sich reißen? Diese Frage hat sich der Dirigent der Jungen Sinfonie Reutlingen Konrad Heinz gestellt. Und den Kampf zwischen Mensch und KI in ein abendfüllendes Konzert gepackt. Der Bielefelder Elektronik-Band Haptix kommt darin eine Schlüsselrolle zu. Und Beethoven, anhand dessen Musik die düstere Vision von der Unterwerfung des Menschen durch den Maschinengeist erzählt wird. Das Klangexperiment »Beethoven Dark Visions« feiert am Sonntag, 16. Juni, seine Uraufführung in der Reutlinger Stadthalle. Es ist auch ein Beitrag zum 75-jährigen Bestehen der Jungen Sinfonie.
Orchester trifft Elektronik
Er habe den Orchesterklang mal mit Elektronik kombinieren wollen, erzählt Dirigent Konrad Heinz, und zwar mit live erzeugten elektronischen Klängen. Auf der Suche nach passenden Partnern sei er auf die Bielefelder Band Haptix gestoßen. Deren Bandleader Dominik Symann hatte im Zuge seiner Masterarbeit Vorrichtungen entwickelt, mithilfe derer sich elektronische Klänge live durch die Bewegungen des Körpers steuern ließen. Von der Idee, die beiden gegensätzlichen Klangwelten zu verweben, sei Symann begeistert gewesen.
Konzertinfo
Der Konzertabend »Beethoven Dark Visions - Orchestral Dubstep Experience« ist am Sonntag, 16. Juni, um 19 Uhr in der Stadthalle Reutlingen zu erleben. Mitwirkende sind die Junge Sinfonie Reutlingen und die Live-Dubstep-Band Haptix. Die Leitung haben Konrad Heinz und Dominik Symann. (GEA)
www.junge-sinfonie.de
Das alles war noch vor Corona, die Uraufführung 2020 fiel wegen des Lockdowns aus. Doch nun gewinnt das Projekt neu überarbeitet Gestalt. In dem von Symann und Heinz konzipierten Konzert entfaltet sich die Auseinandersetzung zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz. Letztere erklimmt dabei immer höhere Entwicklungsstufen - und reißt immer mehr Macht an sich.
Ausgangspunkt Beethoven
Ausgangspunkt sind Passagen bekannter Beethoven-Stücke. Im ersten Schritt verwandelten Symann und Haptix diese in Band-Arrangements. Im zweiten Schritt knöpfte sich Konrad Heinz die Bandbearbeitungen vor und entwickelte daraus Orchestersätze. Im dritten Schritt wurden Band- und Orchester-Arrangement verwoben. Wobei das Geschehen eine klare Richtung kennt: Erklingt Beethovens Musik anfangs noch original, so wird sie immer stärker von der Elektronik überformt. Im Hintergrund beginnt dabei ein künstlicher Beethovenkopf zum Puls der Musik aufzuleuchten. Das habe er dem »Star Trek«-Universum abgeschaut, verrät Dirigent Heinz. Konkret den unheimlichen Borg, die alles Lebende in ihre Maschinenwelt assimilieren.
Das Geschehen vollzieht sich in zehn Etappen. Die erste feiert mit Beethovens »Egmont«-Ouvertüre, noch komplett original gespielt, den Menschen als freies Wesen. Im zweiten unterwandert die Band noch recht dezent Beethovens »Mondschein«-Sonate. Noch existiert die KI nur in Form einfacher »reaktiver« Maschinen wie einem Taschenrechner.
Entwicklungsstufen der KI
Doch schon beginnt die Computerwelt erste Formen von Intelligenz zu entwickeln. So greift die Band mit ihrer Elektronik in Beethovens Siebte Sinfonie ein, lenkt sie in neue Bahnen. Bald kann sich die KI in andere hineinversetzen; schließlich entwickelt sie als fünfte Stufe sogar ein eigenes Bewusstsein. In der Konzeption von Heinz und Symann wird die klassische Besetzung dabei immer kleiner, bis hin zum Streichquartett, während der Bandklang immer dominierender auftrumpft.
Die Wachablösung des Menschen durch die Maschinen steht bevor. Was der Abend im traurigen Beethovenlied »Resignation« reflektiert. Das werde berührend, verspricht Heinz, wenn nach all den Maschinenklängen die warme Baritonstimme von Frazan Kotwal über dem zarten Streichquartett schwebe. Ehe die Maschinen endgültig die Herrschaft an sich reißen - ausgerechnet mit Beethovens Schmachtfetzen »Für Elise«.
»Kyrie« als Hoffnungsschimmer
Ein Hoffnungsschimmer steckt im abschließenden »Kyrie eleison «, also »Herr, erbarme dich«, von den jungen Musikern nach Motiven aus Beethovens Mondscheinsonate tatsächlich gesungen! Vielleicht siegt ja doch die Vernunft. Im Übrigen haben die Macher selbst nicht auf KI zurückgegriffen, wie Heinz versichert.
Ein herausforderndes Projekt. Musikalisch, weil die Elektronik-Band sich in eine komplexe Klangdramaturgie einfügen muss. Und den Orchestermusikern Klänge abverlangt werden, die »elektronisch« klingen sollen - was den klassischen Spielweisen oft entgegengesetzt sei. Herausfordernd ist das Ganze auch technisch. Damit Orchester- und Bandklang sich gut mischen, müssen auch die klassischen Musiker mit Mikrofonen abgenommen werden. Dafür hat man die Profis der Firma Fichtner aus Kirchentellinsfurt herangezogen.
Herausforderndes Projekt
Herausfordernd ist das Projekt schließlich finanziell. Durch die aufwendige Soundtechnik und Visualisierung fallen Heinz zufolge die zwei- bis dreifachen Kosten eines herkömmlichen Konzerts an. Was nur zu stemmen ist, weil die Stadt einen Teil der Hallenmiete übernimmt, die Band für einen Freundschaftspreis mitmacht, die GdM, die Guthörle-Stiftung und weitere Sponsoren sich engagieren. Von der Bürgerstiftung kam jüngst die Zusage für einen Zuschuss von 5.000 Euro. (GEA)



