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Sunak gegen Johnson? - Wettstreit um Truss-Nachfolge beginnt

Wer zieht als nächstes in die Downing Street ein? Nach dem Sturz von Liz Truss soll binnen Tagen ein nächster Premier feststehen. Hinter den Kulissen tobt in der Tory-Partei ein erbitterter Machtkampf.

Rishi Sunak
Rishi Sunak gilt als aussichtsreichster Kandidat im Rennen um die Truss-Nachfolge. Foto: Beresford Hodge
Rishi Sunak gilt als aussichtsreichster Kandidat im Rennen um die Truss-Nachfolge.
Foto: Beresford Hodge

Im Wettstreit um das Amt des britischen Premierministers zeichnet sich ein Duell zwischen Ex-Finanzminister Rishi Sunak und Ex-Premier Boris Johnson ab. Sunak gilt mit mehr als 120 öffentlichen Unterstützern als Favorit.

»Großbritannien ist ein großartiges Land, aber wir sind in einer ernsthaften ökonomischen Krise. Deshalb möchte ich die Konservative Partei anführen und nächster Premierminister werden«, schrieb Sunak am Sonntag auf Twitter und betonte, er wolle das Land mit Integrität und Professionalität durch die Krise führen.

Sein wohl gefährlichster Rivale ist der skandalumwitterte Boris Johnson. Auch dieser werde »ganz klar antreten und hat eine breite Unterstützung«, betonte der Verbündete und Brexit-Hardliner Jacob-Rees-Mogg am Sonntag. Aus dem Kampagnen-Team hieß es, Johnson habe die für eine erfolgreiche Kandidatur notwendige Schwelle von 100 Unterstützern bereits erreicht. Allerdings kamen daran schnell Zweifel auf, da sich öffentlich erst etwa halb so viele für den 58-Jährigen ausgesprochen haben.

Die Tory-Partei sucht eine Nachfolge für die scheidende Premierministerin Liz Truss, die am Donnerstag nach sechs beispiellos chaotischen Wochen im Amt auf Druck ihrer Partei zurückgetreten war.

Kein Deal zwischen Johnson und Sunak

Ex-Premier Johnson, der am Samstag mit seiner Familie aus einem abgekürzten Karibik-Urlaub zurückkam, traf sich noch am gleichen Abend mit Sunak zum Gespräch. Britische Medien spekulierten, die beiden könnten sich auf einen Deal einigen, um eine noch tiefere Spaltung ihrer Partei zu vermeiden. So kursierte etwa das Szenario, der Favorit Sunak könne Johnson eine Rolle in einem zukünftigen Kabinett anbieten. Am Sonntag wurde jedoch klar: Einen solchen Deal wird es nicht geben. Sunak-Unterstützer Dominic Raab erklärte: »Ein Deal ist nicht der richtige Weg nach vorne«.

Als Dritte im Rennen ist die Ministerin für Parlamentsfragen, Penny Mordaunt, die Zählungen zufolge bislang am wenigsten Unterstützer hinter sich vereinen kann. Sie trete jedoch an, um zu gewinnen und schließe einen Deal mit Johnson aus, sagte Mordaunt auf Nachfrage im BBC-Interview. Auf Antworten zu ihren konkreten Politikplänen - etwa zur Reform des unterfinanzierten Gesundheitssystems oder zu Verteidigungsausgaben - wollte sie sich hingegen nicht festlegen. Am Sonntagnachmittag berichtete die britische Nachrichtenagentur PA unter Berufung auf Parlamentsquellen, Johnson habe versucht, Mordaunt davon zu überzeugen, ihre Kandidatur aufzugeben und ihn unterstützen - allerdings ohne Erfolg.

Abstimmung bis Freitag geplant

Noch bis Montagnachmittag können Nominierungen eingehen. Erhalten mehr als zwei Kandidaten die nötigen Unterstützungen von 100 Abgeordneten, soll bei Abstimmungen in der Fraktion der Kreis verkleinert werden. Gibt es danach noch zwei Finalisten, kann die Parteibasis bis Freitag in einem Online-Votum abstimmen.

Ein Duell zwischen Sunak und Johnson könnte zum erbitterten Kampf zwischen alten Rivalen werden - oder zur »Mutter aller Führungskämpfe«, wie das Portal »Politico« am Wochenende schrieb. Sunak hatte mit seinem Rücktritt als Finanzminister aus dem Johnson-Kabinett im Sommer maßgeblich dazu beigetragen, den damaligen Premier zu Fall zu bringen. Das Verhältnis der Männer galt schon zuvor als angespannt, seitdem als zerrüttet.

Mögliches Comeback von Johnson sorgt für Kontroverse

Mehrere Abgeordnete haben gedroht, dem Premier die Gefolgschaft zu verweigern oder gar die Partei zu verlassen, sollte Johnson zurück ins Amt kommen. Über dem Skandalpolitiker schwebt noch immer eine Untersuchung dazu, ob er in der »Partygate«-Affäre das Parlament belogen hat - was als politisches K.O.-Kriterium gelten würde. Der einflussreiche Abgeordnete Steve Baker bezeichnete ein Johnson-Comeback am Sonntag als »garantiertes Desaster«.

Neben Baker hat Sunak auch andere Schwergewichte aus der Tory-Partei hinter sich: Grant Shapps, der 2019 mit die Johnson-Kampagne zum Erfolg führte, schloss sich diesmal dem Sunak-Lager an. Dass auch Handelsministerin Kemi Badenoch und Ex-Innenministerin Suella Braverman vom rechten Rand der Partei sich für den 42-Jährigen aussprachen, gilt als wichtiges Anzeichen dafür, dass sich möglicherweise verschiedene Parteiflügel hinter Sunak vereinigen könnten.

In den Oppositionsparteien und auch großen Teilen der Öffentlichkeit herrscht enorme Frustration darüber, dass erneut die Tory-Partei allein darüber entscheiden wird, wer das Land in Zukunft regieren wird. Der Chef der Labour-Partei, Keir Starmer, forderte im BBC-Interview erneut eine Neuwahl. Der »lächerliche chaotische Zirkus in der Tory-Partei« müsse endlich ein Ende haben, so Starmer.

© dpa-infocom, dpa:221023-99-227561/7